Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«

Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als

sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu

schnippen.

Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein

rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.

Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt

wurde, erschreckte Line.

Sie bog sich zurück.

»Du,« flüsterte sie warnend.

Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen

die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und

als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze

Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie

huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie

es als Kind getan hatte.

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Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und

wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.

Und es war doch so einfach.

An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in

Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die

Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem

Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte

nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem

gefragt, wie noch nie.

Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei,

was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten

wolle -- und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann

doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd

denke?

Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war

herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und

daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn

sicher sei sicher.

»Ja aber, Siebenbrod -- der,« raunte oll Kusemann wieder im

Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer

>Lütt-Rotschild<.«

Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er

die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.

Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des

Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.

Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.

Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:

»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind

doch ein fleißiger Mann.«

Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter

nichts gelernt.«

»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum

recht vermehrt haben.«

»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die

aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so

schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«

»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«

»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich

rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich

hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft -- aber Krankheit --

Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau

im Haus -- so trägt man bald den Tisch heraus -- na, ja, das konnt

keiner wissen.«

Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.

Bruno starrte ihm nach.

Das war der letzte.

Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer

war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht

mehr mit seinem Körper zusammen.

Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die

Stadt.

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»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem

er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«

Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder

zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste,

um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.

Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.

»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth -- das tut nichts.«

Hann Klüth: Roman · 第 60 / 76 题