Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung

aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren

Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und

tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche

verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte

völlig hinüber.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht

empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie

seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.

Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden,

vor ihr stand Paul.

»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit

ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«

Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit

erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz

ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos

genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit

der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe

und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer

gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch

immer ohne klare Gedanken dasaß.

Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und

dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem

Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.

»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine

Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er

sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.

Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.

»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja -- zu dir.«

Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.

Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu

durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.

Der Theologe wurde unsicher.

Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren

Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein

durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die

Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen

das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten

Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.

»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach

Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.

»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die

Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr

übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«

»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du

denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte

mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf

sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt

hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber

schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen,

dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.

Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin

und her.

»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.

»Das? -- o -- -- nichts.«

»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht

mehr oft betreten!«

»Ich?«

Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade

ich nicht?«

»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine

Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«

Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte

sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises

Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.

»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die

Frage durchfuhr.

»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er

abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von

Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie

Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line

hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine

Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube

durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr

aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? -- Wo ein Kissen für die Nacht?

Wo ein Versteck vor der Schande?

»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in

Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.

Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie

er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem

Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit

Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu

treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«

Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den

Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.

Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel

auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als

sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.

»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor

sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern

mit hängenden Armen stehen blieb.

Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß

sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren,

mißtrauischen Männeraugen in die ihren.

»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme,

ȟberhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich

traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt

wissen.«

Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die

Höhe.

Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll,

und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits

schwarze Nacht hereinsah.

Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch

drohender als vorhin.

Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier

war ihre Ruhestätte nicht.

Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.

Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.

»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß

der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe --

ganz teure, die sind was wert -- und alle für mich -- alle für mich --

die verkauf -- hörst du -- hier -- hier.«

Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem

Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher,

und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich

weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge

fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen,

vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er

regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die

Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen

Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln -- die ewige Versucherin der

Menschheit.

Hann Klüth: Roman · 第 62 / 76 题