Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«

»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«

Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.

Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen

schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht

hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.

Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er

blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.

Wohin nun?

Nach Haus -- natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann

schlafen und alles vergessen.

Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber

unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte

ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn

Klüth warte.

Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde

die Stufen hinauf.

In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als der junge

Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen

schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch

wandte.

Es war sein Bruder Paul.

»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt,

denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor

dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.

Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.

In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie

sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den

Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und

Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da

leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz

seiner Gebrochenheit auffiel.

»Paul, was ist dir?«

»Was Gutes.«

»Aber was?«

»Ich bin zum Pastor gewählt -- zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«

Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er

noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen

Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch

gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«

Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen

Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so

merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer

tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte.

Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang

der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine

Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns

lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.

Dann folgten rasche, heftige Fragen.

»Wissen's die Unsrigen schon?«

»Ja, von Line komme ich eben.«

Bruno schlug die Augen nieder.

»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe

schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht

zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube,

die Stadt bekommt ihr nicht recht.«

Bruno rückte seinen Stuhl.

»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.

»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten,

Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«

Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren -- die

aufgeregte Zeit -- und seine eigene Müdigkeit. -- Und so kam es, daß nach

einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. --

Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die

dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der

Nacht löste.

Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem

Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze

Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. -- Als er

aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und

Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich

über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja

wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.

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Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.

Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand,

Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind

hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen Herzen Kunde trug, da

dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre

Erinnerungen zusammen. -- --

Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das

Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl

besonders polieren.

»Blank -- blank -- blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz

selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder

nachher.

Sie las aus der Zeitung vor.

Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an.

Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit

Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. --

»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett

gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral

Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser

gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein

tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner

einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes

Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.

Bruno trat ein.

Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und

adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm.

Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über

ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet

werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke

begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.

Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch

Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht

genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich

eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line müsse sie

begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten

Tagen. Gerne -- sehr gerne.

Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er

plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.

Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.

Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles

abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber

wie die kleinen, wie dieses selber! -- Was bleibt?

Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an

ihn.

»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm

erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«

»Bei unserer?« -- Er warf rasch ein »Ja -- ja« hin und schien es sehr

eilig zu haben.

»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz -- nicht so?« fuhr sie

fort.

Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der

Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.

»Line, du sollst doch mit mir kommen.«

»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch

nicht ordentlich angezogen.«

»Wie du hier stehst.«

»Wieso? -- es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«

Sie starrte ihn an.

Hann Klüth: Roman · 第 59 / 76 题