II

Inzwischen zog der Sommer ins Land.

Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme

belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in

den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des

unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die

Unternehmungslust der Reedereien heraus.

Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen

Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die

deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die

einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.

Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel

der Neuen Welt -- man wußte nur nicht genau, wo. -- Diese Flotte konnte

hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte -- -- -- --

die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. -- --

Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher

Laune hatte er sich noch nie befunden.

Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.

Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller

Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der

vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe

Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten

Überraschungen.

Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie

selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren

ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen

ließen. Und dann -- er merkte es deutlich -- in der letzten Zeit war

dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz

verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in

den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden

konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten

Beifall nickte.

Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte

sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so

dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.

Was konnte das bedeuten?

Ja, ja -- sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in

dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald

um ihr Haupt fließen -- aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen

Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja

dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die

Zukunft schon zu herrlich ausgemalt -- und auch er ertrug solche

Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.

Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte

er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!

Und doch!

Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz

des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten

verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann

befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine

Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.

Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht,

die ihn hätte alarmieren müssen.

Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.

»Wissen Sie schon?«

Keine Antwort.

»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total

vernichtet sein --«

»Was? -- was sagen Sie?«

»Hier -- Depesche aus London.«

Bruno taumelte auf.

Da war es! -- Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.

Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der

Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der

Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter

dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille,

seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den

Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.

Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden,

ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.

Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt.

Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.

Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das

Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als

sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des

Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder

mal so tief in Gedanken?«

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»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so

viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die

Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken sollst, liegen nun

schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn?

-- Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.«

-- Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend

an: »Fehlt dir etwas?«

Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln:

»Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände

fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.

Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim

Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu

beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf

andere Gedanken bringen.

»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag,

als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus

Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner

Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit

langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da

behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen,

denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat,

worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber --« die alte Dame schob

sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja

gar nicht zu?«

Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.

»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich

möchte ein bißchen an die Luft.«

Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.

»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek

mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was

unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese

Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich

aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« -- --

Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses

hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.

In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«,

in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau

verzeichnet standen.

»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm

ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«

Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte

sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die

Treppen hinaufgetragen.

»Wer da einen Weg wüßte?«

Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er

sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.

Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte

etwas.

Bruno hielt inne.

Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn

zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn

hindern, den Raum zu erleuchten.

Die Hand zitterte.

»Bruno.«

»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen

hätte?«

»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«

»Lining; was hast du denn? -- Soll ich nicht Licht machen?«

»Nein.«

Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm

fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr

Geheimnis mit.

Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei

schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos

anstarrten.

Aber dann -- sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel

er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter

hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur,

küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten

suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.

Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen

Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ

sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann

kommst du zu Fräulein Dewitz?«

»Gewiß -- gewiß -- wie kannst du nur fragen?«

»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«

Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den

Mund.

»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht

gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«

»Line,« stammelte er.

»Nein, nein.«

Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die

Treppen hinuntergehuscht.

Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei

wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken

plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr

nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen

seines eigenen Herzens.

Wie das hämmerte!

Ob das Angst war?

Angst? Wovor?

Wovor?

Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende

Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und

folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.

Was nun?

Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche

Mühe eines kleinen Beamten. Morgens -- mittags -- abends, immer würde

der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das

Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach

denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.

Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen -- sparen.

Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das

ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung

brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.

Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt,

ehe die Katastrophe da war, -- denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es

nicht mehr.

Oder doch? -- Oder doch?

Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit

blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder

sähe, flog es an ihm vorüber.

Was war das?

Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen

und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen

Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen -- -- Freudenrufe werden

laut. -- Nein, nein, nicht daran denken.

Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht,

so mühelos machen könnte, der -- --

Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger

krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln

lassen -- -- und -- und --

»Licht.«

Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.

Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?

Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.

Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen

Hut und schritt in den Sommerabend hinab.

So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und

seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht

hatte.

An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent:

»Telegraphenamt«.

Das war sein Ziel.

Hann Klüth: Roman · 第 58 / 76 题