Aber -- aber -- -- --

Was er wohl treiben mochte?

Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt

fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch

selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.

Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und

so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen

beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig

erscheinen ließen.

Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl

alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das

war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß

das Fenster geöffnet würde.

Es prasselte und zischte um die Scheiben.

Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter

dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen -- sagen, eh' sie es alle

wissen -- wissen! -- Zisch!«

»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.

»Mir? nichts -- Es ist nur die Schwüle.«

»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«

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Aber das Wetter wollte nicht.

Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen

gäbe.

Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen

Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen

ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im

Haar Ringelkranz -- Rosentanz zu spielen.

»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus[2].«

Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da

stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land

hallte: »Hier vörbie -- hier vörbie, ick fret juch up[3].«

Da gab's kein Halten mehr.

Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich

die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich

gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und

kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«[4]

»Töwt, ick ward juch helpen,«[5] dröhnte der Alte, und schleuderte mit

voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen

gerade verbargen.

»To Hülp -- to Hülp.«[6]

»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken

kopfüber in den gischtigen Strom.

Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.

»Dat's recht -- dat's recht.«

»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn --

aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen

Schottischen danzen.«[7]

Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.

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Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem

Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und

dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.

In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land

leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.

»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem

verschnürten Bein.

»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine

Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft

machen.«

»Schön -- schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre,

lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war,

denn bei Versicherten schlägt's nie ein. -- Noch kein Fall dagewesen,

Herrschaften. -- Na, also.«

Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten

plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes

Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß

dränge.

Was war das?

Alles schwieg.

»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll

Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«

Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. --

Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.

»Herrgott, was wollt's nich -- was wollt's nich,« jammerte sie und rang

die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und

sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. -- Was kann da einer für?«

»Malljohann -- Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn

anzulocken.

»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das

Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die

zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt -- oh,

kiekt da -- da sitzt was, wie sein Gespenst -- o Gott, o Gott, wie ich

mich fürcht'.«

Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch

Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues

Fischernetz alles umwob.

Richtig, da -- mitten im Fluß -- auf den drei einzelnen,

stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes -- und jetzt, wo

der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da

unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.

»O je -- o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß -- hört bloß, jetzt

spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten -- Und wie spielt er.«

Nun drängte und schrie alles durcheinander.

Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht

anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte

rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit

einem Boot versuchte? --

»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen

gerettet.«

»Ja woll, oll Kusemann -- oll Kusemann,« stimmte alles zu.

»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.

»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.

»Hört bloß -- hört bloß,« heulte wieder die Frau.

»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«

»Hier -- was soll er? -- da steht er neben der Frau,« antworteten

einige.

Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte

Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.

»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«

Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete,

drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön,

Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer,

der seinen Verstand nicht voll hat.«

»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch

nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den

einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in

den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand

tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all

ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. -- Um den wär's schad'.«

Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in

ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.

Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme

Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü -- hü,«

schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.

Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes

in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle

Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits

den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen

mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so

gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf

den Ufersand schoß.

»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.

Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und

warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.

Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü --

hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«

»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«

Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.

Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch

in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer

zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den

Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es

ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.

»Line,« stöhnte er.

»Hann -- Hanning -- Hann Klüth.«

»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein

Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«

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Es war gegen Abend.

In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen

gebettet.

Zwei Frauen saßen bei ihm.

Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die

nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß,

um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.

Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren

geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die

Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand

und murmelte: »Lieb's Döchting.«

Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen

hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte

Atemzüge.

Das Fenster stand offen.

Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen

fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne

glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind

schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her

erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.

So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.

Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte

sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne

Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu

pressen.

»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des

Mädchens. »Lieb's Döchting.«

Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie

behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren

zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an

sich.

»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.

Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten

Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch

die nassen Pappelzweige.

Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.

»Mudding?« flüsterte Klara.

»Was?«

»Sieh.«

Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die

auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.

Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.

Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er:

»Bist du nun da, Lining?«

»Hann,« rief Mudding erschreckt.

»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und

strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem

Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest

umspannt.

»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«

Dann wurde er wieder unruhig.

»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß

immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« -- seine Stimme

nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung

mit ihm? -- Ich kann gar nicht mehr schlafen -- denk', ich geh Klara

Toll immer aus'm Weg -- oll Kusemann weiß es auch all -- -- Ach Lining,

wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«

»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei

Verstand.«

»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne

aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.

»Und wie du getanzt hast, Lining -- weißt noch?

»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt -- Und im

Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht -- ich krieg dich

nicht aus'm Kopf. -- Aber die Angst -- die Angst --«

Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her

und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell

werden.

Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein

Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und

her. -- Wie die Seele des Kranken.

Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.

»Klara,« murmelte er endlich.

»Ja, Hann -- kennst du mich?«

»Ja, ja -- was wollt ich nicht? -- Aber -- aber war noch jemand hier?«

»Nur Mudding.«

»Mudding -- ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch

einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man -- --«

Dann ward es still.

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Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus,

vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein

Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es

noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.

Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die

Kirchturmglocke.

Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das

Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie

nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.

Hann Klüth: Roman · 第 57 / 76 题