I
Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der
Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen
lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen
Sonnenhitze schnarche.
Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle
Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes
Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der
hinter ihm stand.
»Föfteihn,« schmunzelte er.
Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen
alten Kumpan gewähren.
»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er
nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.
»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«
Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.
»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.
»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu.
Pass' eins auf.«
Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und
nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu
zittern begann.
Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen
Dreipfünder aus der See.
»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen
Gefährten herablassend auf die Achsel.
Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund
verziehen.
»Schön,« lobte er.
»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.
Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.
War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder
hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit
Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob,
um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten,
die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese
Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln
erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein
paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als
alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit
Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich
schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie
besessen.
»Wer? -- ja -- wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.
»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene
List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.«
Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder
seiner Wolke zu.
»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das
Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi -- und so
weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.«
»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak
schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel
feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«
»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.
»Dein Bruder Bruno.«
Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen
hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich
zusammenzuckte.
»Wieso?« fragte er plump.
»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der
Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest
das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken
zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann
will ich dich gern draufbringen. -- Hm, ja, siehst du, -- es mag ja jetzt
wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach
Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager
Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein
Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach
widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, -- aus purer
Gutmütigkeit -- und weil mich mein Alwining das später immer anriechen
tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um
mich die Geschichte auszulaufen.«
»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und
ängstlicher auf dem andern ruhten.
»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an
seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die
Küken auffraß -- na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den
Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend,
da seh' ich auf einmal auf einer Bank -- --«
»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden
war.
»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu,
spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare
Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst
müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem
Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden
rüberkuckte. -- Weißt, wer das war?«
Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um
sie noch im letzten Augenblick zu fangen.
»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus,
während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.
»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen
Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt
du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab'
Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«
Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die
Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes
deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden
eine Erklärung zu stottern.
Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe
abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung
vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und
als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen,
wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst -- Hann -- sei dann
unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.
»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.
Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das
Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.
Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.
»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in
Kenntnis gesetzt? Was?«
»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder
Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.
»So -- so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten
Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu
streichen. -- Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja, ja, bei diesen ollen,
lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der
eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr
hinter Fischnetze. -- Aber laß -- da beißt gerade wieder solch ein
Biest.«
Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang
fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.
»Oll Kusemann?«
»Was?«
»Das letzte.«
»Hanning -- laß mich los.«
»Nein -- erst sag'.«
»Herr Gott, was is denn? -- Du drückst mich ja. -- Ich habe eben Augen,
die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag'
nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der
Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß
sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«
In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den
Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in
beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«
»Na, was denn?«
»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht -- aber ich muß in
dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann
nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«
»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi -- -- und so weiter.«
Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.
Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der
Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger
türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann
nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?
»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft
aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit
beiden Händen nach dem Arm des Alten.
»Mußt mich was versprechen.«
»I, gern.«
»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«
»I, wo werd' ich? -- Aber sieh, Hann« -- und der Lügenlotse streichelte
halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen -- »da hat eure
kleine Spitzhündin neulich geworfen, -- und sieh, wenn du mich so einen
von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so
gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«
Hinter den Wassern murrte es deutlicher.
»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich
erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten
Spitz holen?« -- Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der
Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es
eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der
Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«
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Und es wurde tüchtig.
Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die
Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten
Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den
Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit
tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine,
während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line
saßen, »da unten geht er, an den du denkst. -- Aber mußt es ihm sagen --
sagen -- sagen --. Wissen werden es doch bald alle, wissen -- wissen.
-- Mach schnell -- zisch!«
Da schlug es ein.
Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.
Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz,
als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne
unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des
prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. --
Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.
»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles
in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist
und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter
hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott,
wenn es doch nur bald vorüber wäre.«
Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der
Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses
verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es
bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele
gelangt sei.