XIV

Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen

herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen,

während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die

eingegangenen Briefe zu revidieren.

Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas

Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht

einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.

Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses

gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der

ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork

reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig

arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich

selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch

den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut

aufzuseufzen.

Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine

Gedanken drangen vorwärts.

Und er?

Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und

mit der Summe, über die er verfügte -- nein, nein, er mußte sich die

Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen,

-- er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine

Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher

nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!

Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen

Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber

waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?

Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden

und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das

Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune

Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen

maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.

Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er

ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte

zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn

gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor

sich her und machte ihn elend.

»Solche Schlechtigkeit -- solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich

hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück,

daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß

sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn

schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest

entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden

und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur

einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal

der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere

Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene

schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte,

deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für

deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen

gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.

Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf

schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück

heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer

Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch

zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte

gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.

Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er

bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines

Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?

Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie

dergleichen erhielt!

Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.

In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann

mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?

Er stutzte.

Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein

steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage

vorher noch keinen Heller besessen.

Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber

leider -- leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine

eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich,

nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse

bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in

Erstaunen gesetzt?

Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf

ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.

Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er

unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um

diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.

Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.

Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze

Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten

Verlangen. -- Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit

ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er

wollte sich Bücher besorgen, er wollte -- --

Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame

unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen

Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.

Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche

Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte

deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des

alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging,

kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde

drinnen wisperten, dann -- ein Knall, wie er nur von einer entkorkten

Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß

hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers

sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen

ausspähen.

Was sollte das?

Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber

ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das

Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn

veranstaltet wäre.

Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über

seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.

»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche

hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, -- aber

hier -- nun nehmen Sie mal --« und damit reichte er ihm das volle Glas

-- »sind doch ein Liebhaber von so was -- Röderer carte blanche -- sagt

Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier

ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u.

Co. in Hamburg?«

Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er

vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte

Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus

gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des

Konsuls gefährlichster Konkurrent.

»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem

Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die

Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und

plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen

Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu:

»Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge

Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und

gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen

Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«

Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an.

Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? -- Ja, ja, is ein großer

Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie

auch!«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht

mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu

seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt

gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle

konzertierte. Und um ihn herum -- auf allen vier Seiten des Platzes,

flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen

Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz,

diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte

Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen

Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche

Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.

Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz

freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche

Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem

goldnen Glück nicht bestimmt wäre.

Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.

Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und

Wispern.

Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen

wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort

Fräulein Dewitz und Line erkannte.

Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten,

dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten

Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben

abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch

allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz

fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.

Bruno blickte ihnen nach.

Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten

und die Achsel zu zucken.

War das sein Schicksal?

Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst

entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers

halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte

rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der

offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu

treten.

»Ja -- aber -- --«

Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische

Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für

dergleichen interessiere -- --

Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer

sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller

schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst

gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.

Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene

Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß,

daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß

jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.

»Was ist das?«

»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte

geschlungen -- so.«

Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie

sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses

goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das

nun selbst umlegen dürfte!? --

Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren

über den Haufen gefegt hätte.

Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe,

wo er sei und was um ihn geschehe.

Lächerlich -- ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm

zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine

Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? --

Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt

wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon

sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen,

auch Line nicht. -- Man lebt nur einmal.

Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu

sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen

habe, nach dem Preis zu fragen.

Ein andermal.

Ins Weinhaus!

Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei

Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische

herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah

gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines

Spielchen machten.

Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern

Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte

er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein

paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die

Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete tief und befreit auf.

Ah, natürlich -- natürlich -- die Ängstlichen erjagen's eben nicht.

Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.

Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste

Zeit. Um acht -- das wußte er -- speiste die alte Dame, und mit

Einladungen ging sie sparsam um.

Also eilen!

Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und

da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein

entsagungsvolles Vergnügen.

Also ohne Bedenken.

Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er

sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister

wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.

»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen

Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind

niedergestreckt.

»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Klingel läutete.

Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie

Lines dunkles Köpfchen herauslugte.

Vorsichtig öffnete sie einen Spalt.

»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung

vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.

»Ich,« antwortete Bruno.

»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe

von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.«

Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem

Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.

Bruno stutzte.

In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen

Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton

ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte

Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht

würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der

Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.«

»Nicht da?«

»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.«

Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.

Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre.

Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische

brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel

und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten.

»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob

er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe,

aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich -- es ist

doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist -- ach, dieses

Beobachtetwerden.«

Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein

wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.

Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen

fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch

legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,«

nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu.

»Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«

»Mit dir? --« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem

matt schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz --

--?« warf er ein.

»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche

nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so

hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. -- Nicht?«

Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an

die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch

hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh -- da stehen

auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«

Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung

Maupassantscher Novellen.

»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.

»Warum nicht?«

»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«

Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,«

sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen?

Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann

bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch

kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher.

-- Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«

Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos

starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust

stieg und fiel.

»Gehen -- gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über

den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.

Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.

»Du bist so still,« wunderte sie sich.

Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich.

»Was ist dir denn? -- Sag doch was! -- Ach so -- ich weiß schon, wegen

Dina.«

Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus,

als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf,

wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu

feiern.

»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht

dumm gemacht.«

Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über

die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr

fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem

er jede Gewalt über sich verlor.

»Gehen -- gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor

dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel

messend.

»Ich? -- wen?«

»Den Bräutigam.«

»Ja«

»Reich?«

»Ein Millionär.«

»Ah« -- hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie

sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor

ihrem Geiste vorüberhuschten.

»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen.

»Ja.«

»Und -- und Bediente?«

»Gewiß.«

»Und -- sag' mir -- auch ein Schloß?«

»Allerdings -- eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie

stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles

für solch dumme Gans sein soll!« -- drang es über ihre Lippen. Und wild

sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine

Marmortreppe ins Wasser? -- Lach' nicht, ich will es wissen.«

»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über

ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber

wozu soll das?«

Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der

Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da

so des Nachts hinuntersteigt, ah -- --«

»Line,« flüsterte er und stand langsam auf.

Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf

ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand

ihm wieder aller Mut.

»Was willst du?« fragte sie abweisend.

»Ich?«

In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen

konnte.

»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe

hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und -- und das

alles? -- Wie?«

Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als

sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja

nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im

Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit

besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren.

»Du, nicht so, das ist doch möglich?«

Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger

an die Lippen.

Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte,

dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es,

was sie nicht auseinanderkommen ließ.

Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment

angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre

Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht

man das alles -- alles.«

»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich

an.

Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die

Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das

diesen drückenden Bann zu lösen vermöge.

Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer

feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich

ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern,

summte etwas und lief endlich in die Küche.

Der Zurückgebliebene fand sich allein.

Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein.

Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der

Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich

fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine

überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen

Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um

zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen

mochte.

Wenn der wüßte!?

Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses

unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei

Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über

die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.

Nein, nein -- bei Gott.

Der Schweiß brach ihm aus.

»Gehen -- gehen.«

Draußen in der Küche tönte Tellerklappern.

Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da

hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den

Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten

schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.

»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf.

Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein

Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.

Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen,

das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.

Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner

Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken

helfen.

»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst

das.«

Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven

und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung.

»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.«

»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu

fürchten.«

Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit,

indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines

an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald

wieder und machte sie ganz glücklich.

»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere, »wenn

man so was Eigenes hat, so was Heimliches -- und das« -- sie streichelte

plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.«

Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei

Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die

verborgenen Kostbarkeiten.

»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser

Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? -- Es

ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.«

Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu

Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese

Opalohrringe« -- sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir

zuknipsen -- so -- und hier das Armband, und das Herz mit dem

Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.«

Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte

sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile

begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die

Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten.

»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick.

Er sah sie bewundernd an.

Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.

Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer

beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren.

Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben

ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und

das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen

hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde,

und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig --

und bald wohl auch ihrem -- bald wohl auch -- -- --

Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre

Worte fielen: »Du bist das Schönste -- du bist das Schönste.«

Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem

Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm,

aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb

flehend beobachteten.

Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf

riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das

Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen

Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort.

Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch

nie gewagt.

Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie

schüttelte.

Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden.

Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde,

besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie

die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.

Eins -- zwei -- drei -- vier.

»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer

Schönheit.

Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft

schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die

Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz

gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.

Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn

zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in

düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so

eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es

dir sagen, ich bin dir auch gut, schon seit langem, aber ich weiß, was

ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich

allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe -- hörst

du?«

Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.

Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.

Hann Klüth: Roman · 第 52 / 76 题