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Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen
sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung -- man fuhr bereits
wieder fleißig zum Fischfang -- hatte Siebenbrod eines Sonntags
vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam
eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr
Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße
wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? -- Mit
Hann stimmt was nich.«
Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.
»Wieso, Siebenbrod?«
»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion
Tran auf das Leder goß -- »er singt.«
»Hann? -- Was singt er denn?«
»Trauriges -- solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten!
und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«
»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«
»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich.
Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger
Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig
geschickt hat; ganz umsonst -- und daß ich der einzigste bin, den er
noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. -- Na,
Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«
»Du?«
Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den
Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel
weiterbürstete.
»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder
roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen
was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da
werd' ich eine von meine Dirns fein los! -- Aber Essig! -- Wenn er Hann
nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen
kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe
allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir
auch nich gelebt. Nich so?«
Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich
kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der
beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann
war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit
des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich
anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder
drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn
sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch
erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem
darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er,
ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem
Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so
nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den
nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe,
daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer
eingesungen fanden.
Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch
nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und
blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der
Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.
Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit,
weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im
Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man
nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm
Leben.«
Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.
Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen,
lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.
Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.
Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der
Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.
Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern
ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.
In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog
sich zu einem stillen Lächeln.
»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von
der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich
endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für
dich nich gut.«
Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das
Haupt.
»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die
Wange. »Noch nicht.«
»Aber warum nich?«
Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.
»Weil -- weil es noch nicht gut ist -- nur noch eine kurze Zeit. Hörst
du?«
Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht
zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie
erklären, warum -- --?«
Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine
Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht
weiterforschen sollte.
»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald
-- -- vielleicht sehr bald.«
Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch
feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war
überhaupt ein nachdenkliches Wesen.
Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.
Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von
Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über
das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende,
tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden
Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf
hervorlugen.
Den kannte er. Er hielt inne.
Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden
Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie,
halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:
»In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad;
Mein Liebchen ist verschwunden,
Das dort gewohnet hat.«
Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.
»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals
mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.
Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar
nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.
Beide streckten sich still die Hände entgegen.
Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die
Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die
sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung
gewesen wäre.
Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den
Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und
klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.
Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des
Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann
fühlte er einen langen, langen Kuß.
Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück,
dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.
So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei
anblickte. So tief, so -- --
»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«
»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«
Er nickte.
»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«
Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon
einmal mit Line gelegen.
Er beugte nur kurz das Haupt.
»Line?«
Wieder nickte er plump.
Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm
von neuem den Mund.
Das war alles so weich und sanft.
»Klara,« stammelte er wie beschämt.
»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte
noch immer, während sie langsam von dannen schritt.
Er sah ihr nach.
Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden
waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich
den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die
Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte
unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?
»Hör' ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will --
Ich möcht' am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.«
»Hör' ich das Mühlrad gehen -- -- --«
Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.
»Was is woll das Glück?«
Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.