XIII

Rastlos knarrten die Räder.

Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren;

und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren

gebunden.

»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein;

»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal

solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache

bleiben die Jahren.«

Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer

Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem

Bureau erschien.

»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für

ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? --

Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«

Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich

an.

Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der

Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle,

die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender,

wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich

gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten

Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des

Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«

»Sieh -- sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre

dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in

Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären,

»sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich

-- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime.

Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie

du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es

manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken.

Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen

verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren

Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit

uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide

als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und

Ferdinand reißen an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich

direkt gerührt.«

Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen

spielte ein vieldeutiges Lächeln. -- --

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch

schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch

antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit

Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno

so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb.

-- Der Kuß -- dieser eine brennende Kuß -- und sie lächelte hinterlistig

-- den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er

war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende

Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das

sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine

Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals

Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wußte

schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine

Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte,

dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn

nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder

glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man

seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb

im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen

Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, daß

ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten

versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten

Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf

ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und

das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es

konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war,

verstohlen durch die Hand laufen ließ.

Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie

recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos

gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich,

glatt wie eine huschende Schlange.

Hann Klüth: Roman · 第 50 / 76 题