Rastlos knarrten die Räder.
Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren;
und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren
gebunden.
»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein;
»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal
solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache
bleiben die Jahren.«
Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer
Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem
Bureau erschien.
»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für
ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? --
Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«
Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich
an.
Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der
Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle,
die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.
Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender,
wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich
gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten
Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des
Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«
»Sieh -- sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre
dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in
Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären,
»sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich
-- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime.
Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie
du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es
manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken.
Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen
verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren
Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit
uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide
als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und
Ferdinand reißen an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich
direkt gerührt.«
Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen
spielte ein vieldeutiges Lächeln. -- --
Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch
schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch
antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit
Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno
so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb.
-- Der Kuß -- dieser eine brennende Kuß -- und sie lächelte hinterlistig
-- den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er
war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende
Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das
sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine
Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals
Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wußte
schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine
Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte,
dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn
nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder
glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man
seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb
im Besitz?
Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen
Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, daß
ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten
versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten
Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf
ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und
das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es
konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war,
verstohlen durch die Hand laufen ließ.
Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie
recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos
gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich,
glatt wie eine huschende Schlange.