Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«

Tarattata -- tarattata.

Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde

Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.

Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich,

»daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«

Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen.

»Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«

»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und -- Line.«

»Na, laß sie.«

»Ja.«

Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen,

Klara.«

Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die

Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den

Burschen gefangen hielt.

Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite.

Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines

Fläschchen Kognak.

»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«

»Oh, Klara, du bist doch gut.«

»Na, da nimm.«

Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und

mutig.

Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter:

»Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.

Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.

»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing

er wieder an.

»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll

Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«

»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß

von mir is kürzer.«

»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«

»Bewahre, ich bleib' nun hier.«

»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.

Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur

wenig voneinander entdecken.

»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.

Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.

»Was sagst du da?« forschte sie.

»O nichts -- ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus

fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«

»Hier, Hann.«

Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster

eines Goldarbeiters der Hafenstadt.

Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann

mehrfach bekräftigend: »'s is recht -- aber nun -- --«

Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde

unsicher.

»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara,

könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«

»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer

bei mir trag. Ist's auch genug?«

»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja

nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«

Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder

zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte,

wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.

»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier -- und

nun komm.«

»Ja, aber Hann, was -- -- --?«

»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«

In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte

nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses

angelangt waren.

Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht

darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn

fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen

Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.

Hier mußte man warten.

»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich

ängstlich zumute wurde.

»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » --

hörst sie?«

»Ja.«

»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.

Sie nickte.

Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten

gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände.

Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.

»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«

»Nichts -- nichts -- ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die

Lichter,« stammelte Hann.

»Ja, das sind sie.«

»Klara?«

»Ja?«

»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher -- willst

-- willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«

Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen

halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener

Funke entgegen.

»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.

Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr

froh sein, wenn du ihn von mir annähmst -- und -- und es is auch gleich

Zeit zum Einsteigen.«

Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie

Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.

»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die

Wahrheit, hast du mich lieb?«

Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich

bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und

ruhig bist -- Und du?«

»Ich?« --

Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr

lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«

»Oh, -- Klara, das is schön von dir -- das -- das hätt' ich wirklich

nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will

ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring -- nein, nich umarmen,

das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«

Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon

gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch

die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte

feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«

Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.

Beide schwiegen.

Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im

ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«

Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten,

bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem

philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch

heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«

»O Hann.«

Er fuhr auf.

»Ja -- ja -- willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch

unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich

runter.«

Hann Klüth: Roman · 第 49 / 76 题