»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die
Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem
regelmäßig in der Kälte ausdampfte.
* * *
Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. -- -- »Nun wird mich das
aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier
ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich
denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich
wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon
wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch
den ganzen Leib.
»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng
zu mir?«
Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke
zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das
Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.
»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit?
Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all
recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort
sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer
größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.
»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die
Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts
Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.
»Aber was geht mich das an? -- Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich
wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die
Spinne, und steh nich wieder auf.«
Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen
nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag
gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.
Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien
wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf
abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu,
»vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«
Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den
Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.
I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und
wie warm, wie schön warm.
Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer
und streichelte dankbar den Napf.
»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus
verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar
nich gern. Aber hier? -- hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie
kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein.
Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.
Pfui Deibel, -- aber gut war's doch.
Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und
dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch
eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun
noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n
Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche
Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich
Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.
Ja aber, wen soll man nun lieb haben?
Den lieben Gott?
I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär
woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe,
mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel
Respekt.
Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt
hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja
jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man
ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens
zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. -- Ne!
Was bleibt also übrig?
Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das
übrig, wovon Line das Allerschönste is -- die Frauensleut.«
Hier seufzte er tief auf.
»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja
allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem
andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die
fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is
aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem
Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder
in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das
Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.
Das kann es also auch nich sein.
Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es
is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das
Schönste, das is wohl das Glück.«
Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn
wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er
wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden
müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar
verlache.
»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll -- Klara Toll, ich
sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib',
Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und
ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und
ruhig werden. Ja -- ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche
Sehnsucht nach Klara Toll.«
Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt:
»Klara Toll -- Klara Toll.«
Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.