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Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun
feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles
Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken
Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.
»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.
»Rataplan -- Ratatata --«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort.
»Ratatata.«
»Was nu? -- Nu kommt woll der Kaiser?«
Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten,
daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.
»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen
für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«
Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben
dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.
»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«
Er bedeckte sich wieder.
Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der
die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. -- Ich kann mir man denken,
so einer pfeift -- hüh -- und dann gleich zehn Dieners schmieren ein
Butterbrot, -- und pfeift wieder, und -- hast du nich gesehn -- zehn
andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen --
Aber -- hm -- ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich
doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll
es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn
mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse
Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich
die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins
Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst
anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst
aushalten muß -- Ne, das wär ja rein zum Verzagen.
Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen
rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall
das Glück nich dabei gewesen. Na aber -- daß mir das zuletzt noch
einfallen muß -- vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders
wie mit dem lieben Gott; -- es is unsichtbar. --
Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche,
daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben
Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen
Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is,
dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.
>Selig ist -- -- --<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber
das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum
Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden
wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird
nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen
kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! -- Und is das nicht auch
beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's:
>Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher
doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.
Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.
Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix
auf die faule Seite legen? -- Und dann -- gegen die Bettelei haben sie
Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott
aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. --
Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen
sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere
um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf
Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau
nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der
erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet,
was soll der Herr da anfangen? -- Da is gar keine Menschenmöglichkeit.
Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie
Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der
Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie
was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel
einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und
nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf
den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? -- Ne, wenn
ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der
Kirch' anschlagen lassen.