XI

Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.

Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes.

Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie

hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von

Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns

unzeitige Späße.

Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen

auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder,

damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.

Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher

Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für

einen gesorgt wurde.

Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues

halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren

Blick.

Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen,

allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er

schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf

der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine

Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.

Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte

Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.

Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott

und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.

Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während

von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab --

das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie

er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden,

nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und

subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem

wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.

Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar

unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.

Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück,

diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr

begünstigte.

Und so vermochte er's.

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Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens

schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch

vorgenommen und vorgeträumt hat.

Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen,

ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen --

nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne

bringen mögen -- aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger

Bootsmann was aufs Trockne bringen? -- Zuletzt hat dann das dumme Herz

noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und

muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch

man im Schlaf. -- Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß

man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch

was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen,

denn das Ende is eben -- das Ende.

Na ... aber was soll man dann hinterher?

I, Jünging, das is doch ganz einfach -- der Mensch muß ebend nach seinem

Glück aussehn.

Ja, aber -- hum -- was is denn nu eigentlich das Glück?

I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?

Kuck -- ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein

großer Haufe Talerstücke.

Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt

auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt

fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf

den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein

Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück

einfach so in Wispelsäcke stehen und --

Halt, Jünging -- stopp, nich so fix -- alles kann man sich schließlich

auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen

anschlägigen Kopf und dann -- Liebe. Nein, das is wahr. Die

sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack

mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd

mich deswegen doch nich lieber haben. -- Und dann, was sagen woll die

alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« --

Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein

Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!

Aber, was nu weiter?

Hann Klüth: Roman · 第 43 / 76 题