Er verneinte. »Kopfschmerzen.«

»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin

müde.«

Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre

regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar

wäre.

Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.

Ob sie wirklich schlief? -- Oder ob die raffinierte kleine Person ihm

nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie

huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen

hervorblitzen konnten.

Nein -- nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf

deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange

Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.

Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.

Nein, nein.

Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war

hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.

Ob sie wirklich schlief?

Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.

Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war

stärker als er.

Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.

Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie

es in ihm.

Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller

Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.

Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.

Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren

Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise,

wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.

Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.

Ob Hann zurückgeblickt hatte?

Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab,

dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«

»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu:

»Fest eingeschlafen.«

Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.

Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.

Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und

meinte gleichgültig: »Ah -- das war geschlafen. Aber seht da oben, da

lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut

nach Hause.«

Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte

nocheinmal zurück und verschwand.

Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da hielt er in

seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim

Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld.

Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte

sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.

»Hüh, Schimmels!«

X

Zwei Tage später -- bei Sonnenaufgang -- da fand der einzige, goldige

Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen

konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der

Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem,

verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.

»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja

zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich

den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt

Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof

aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie

wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.

»Je -- je --«

Hann riß abermals die Augen weit auf.

Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von

neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.

Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein

Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft

darein verrichten sollte. Sonst nichts.

Kein Stuhl -- kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle,

graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke

bot.

Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.

Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen,

als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht

etwas polterte.

Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann

die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand

einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher

Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.

»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr

geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«

Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und

der Verschluß hob sich wieder.

»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen --

-- --«

»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte,

wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.

Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? -- Was war denn nun?

Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die

Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.

Fi -- das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch

täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die

Brust zusammenschnürten.

»Präsentiert das -- Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein

klirrender Schlag.

Je, ja, waren das nicht Soldaten? -- Hann erschrak so sehr, daß ihm

beinahe der Krug entglitten wäre, -- Bilder, lauter fremde Bilder

zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. -- Ein

Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! --

Wo war er denn gestern gewesen?

Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf,

und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.

Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten

Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit

geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe

unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines

Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten.

Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.

»Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab. -- Das Gewehr über!«

»Also doch!«

Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf

seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit

der Faust auf die Stirn.

Ja -- ja -- er hatte es also doch erlebt. -- Wie war's doch?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen

Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.

Unter der ersten Abteilung befindet sich -- Hann.

Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in

die Stadt gekommen.

»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«

Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen

Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier -- richtig,

Hoffmann hieß der Brave -- der sich unternehmend einen mächtigen,

starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick

die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«

Die Burschen entkleiden sich.

»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines

Überziehers entledigt.

»Selbstverständlich -- wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der

Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.

Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so

auf die anderen schielt.

»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.

»Donnerwetter -- Mensch -- was sind das für Reden?« wettert der

Aufseher.

»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«

»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«

Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem

Notizbuch etwas revidiert.

Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich

genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da

erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm

von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem

Ohr: »Maul halten -- vorwärts -- das weitere wird sich finden.«

-- -- -- Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen,

weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem

mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem

Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.

»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von

da.

»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.

»Stand?«

»Fischer!«

»Woher?«

»Aus Hermsmühl.«

»Geboren -- Konfession?«

»21. Oktober 1877. -- Evangelisch.«

»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende

Beamte. »Stimmt.«

»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben

Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß

festgestellt werden.

Der Querbalken senkt sich.

»1,70,« meldet Hoffmann.

»Kagelmacher, Heinrich -- 1,70,« murmeln beide Schreiber.

»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche

Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen

Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas

zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit

seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.

»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während

sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger

Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der

Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht

Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau

an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«

Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.

Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen

merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf

hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment

erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert,

leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab,

während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er

in der Hand hält.

Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn

stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch

gebeugt, verfolgt.

»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«

Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf

zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre

Plätze nieder.

Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln,

bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert. »Na, da

wird wohl nicht viel zu machen sein -- treten Sie mal vorläufig zurück,

Mann.«

Der Nächste.

Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.

Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in

seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.

Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert

über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des

Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der

Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein

unterdrückter Fluch: »Die Bande.«

Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen

in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf

den Henker lauert.

Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper

vor Kälte zittert.

Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.

Hann Klüth: Roman · 第 41 / 76 题