Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der
großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden
Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte:
»So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.«
Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese
beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend
möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so
daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte.
»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er.
Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten
freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders
oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich
mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen
wohl erfüllen könnten.
»Ach lieber Gott -- laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und
faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten
Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit
geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte
gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu
reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra
»spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für
sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu
fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und
überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten.
Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt
zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann.
Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.
Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.
Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf
herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß
sich auch Hann an.
Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen
war.
Draußen war es noch hell.
Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den
Weg machten.
Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit,
wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf
den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine
wohlige Ruhe und Stille überall. -- Man hört die Schneeflocke fallen, die
sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst.
Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von
kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof
führt, berührte Hann den Arm seines Bruders.
»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?«
Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt
blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die
Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: -- Jetzt -- an diesem einzigen
freien Nachmittag unter Grabkreuzen?
Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu
dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein:
»Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen -- wollen's
lieber lassen.«
Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den
Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war
doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder,
als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die
Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und
nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber
Stimme, singend.
»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann.
Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken,
doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht
gerade aufheiternd und munter klang:
»Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann ich muß mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad.«
»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte,
»Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im
Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«
Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend
und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die
Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen
heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.
Da mußte Bruno auflachen.
Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten
vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so
mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als
Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.
Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges
Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache
herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg,
begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern
abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen
müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und
mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur
so zur Begleitung eingefallen.
»O -- nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er
nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine
Rechte plump in die Tasche.
Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.
Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen
Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu
färben.
»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen
traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.«
Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen
Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen
rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald
standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.
»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit
einem flüchtigen Blicke an.
Bruno stutzte.
Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in
ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen
Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn -- ja, wenn nicht dieser
störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so
nachdenklich betrachtete.
Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue
Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem
stillen Sonntagsvergnügen fort:
»Kaum gedacht,
Ward der Lust ein End' gemacht.
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab!«
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»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich
dazwischen.
Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen,
streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und
legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten,
daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen
könne.
»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der
Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte
Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür,
die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und
wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?«
»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und
beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger
is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.«
»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist
Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder
was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor
Gericht gestanden?«
»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er
sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der Präsident hat
mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher
Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.«
Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte
der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die
Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und
starrte aufgeregt über das Eis des Boddens.
Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.
»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf
der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was
sonst? -- Das is einer, wie er leibt und lebt!«
Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten
sie den sich nähernden Farbenfleck.
»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.
Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.
Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre
Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«
»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.
»Weiß nicht.«
»Dann laß mich visieren, -- so.«
Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der
linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie
so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die
Haut ihres Nackens hätte berühren können.
Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein
ein Küssing. -- Ich treffe, bautz.«
Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte
der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.
Da krachte der zweite Schuß.
»Liegt -- liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei
Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil
jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.
In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die
hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte,
indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu,
so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das
kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder -- einen
Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die
Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich
bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten
ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte
er sich an ihre Seite.
Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn
groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.
Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.
Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.
»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen
Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den
Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den
Seehund.«
Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem
ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen
war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.
»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann
man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen
Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«
So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu,
ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«
* * *
In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen
Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen
müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei
Tageshelle den Heimweg angetreten.
So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen
Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er
undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um:
»Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«
Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine
Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden
Schlitten hineinstiegen.
»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und
sie -- so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen -- ja,
ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«
Hier stockte er, erschrak und schämte sich.
Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein
schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge,
blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß
weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.
»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.
»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten
seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber
auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es
auch ganz treu und ehrlich meint?«
»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch
Dunkelheit und Mondschein.
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Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.
Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen
die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor
sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen,
dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in
sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast
atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen
Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken
abzubringen.
»Bist du müde?« fragte er.
»Ja.«
Er berührte zaghaft ihren Arm.