Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein
Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern
in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls
gedacht, wäre in der Kirche.
»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst
versäumt Ihr Herr Bruder nie.«
Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte
bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde
einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt.
Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes
Schellengeläute.
Line stand wie erstarrt.
Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst
zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen
nicht um den Hals falle.
In einem Schlitten -- aus der Stadt heraus -- entzogen der ewigen Obhut
der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern
hatte!
Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so
lange hatte angedeihen lassen -- und wenn es auch nur ein Tag war -- ein
einziger -- nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.
Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung.
Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin.
Wenn die nun »nein« sagte? --
Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz
aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen Grund zur Weigerung
zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester,
und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das
Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul
gestellt. Das entschied.
Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der
wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere,
aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht
wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen.
»Schön -- schön.«
Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem
galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an
seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht
ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein,
daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte.
»Nicht später -- nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr
Klüth?«
»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.«
* * *
So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem
leichten, eleganten Schlitten.
Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von
gestern gefolgt.
Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein,
pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn
der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte.
Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses
Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm
verharre.
Verwundert blickte er auf sie hin.
Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den
Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz
vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht
geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die
Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr,
erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend.
Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?
Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von
ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein
freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.
»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr
befremdete.
Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der
Traum noch weiter klingen solle.
Seltsam.
Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß
dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen
Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden
Eindrücken der großen Stadt.
Was mochte wohl aus ihr geworden sein?
Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren
Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich
auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden
Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!
Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf
das Äußerliche stark gerichteten Sinn.
Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen
erscheinen ließ.
Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem
Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen
Frauenarm spürten.
Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte
sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm
auf.
Bruno stutzte.
Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten
Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der
Jugend in ihm empor.
Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm
anvertraut, übersprang er.
Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie
zufällig, seinen Arm um ihre Schultern.
»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück.
Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die
Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und
wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch --
Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen
Haaren umringten Stirn abspielen?
Da schreckte sie ihn von neuem auf.
»Hast du Geld?«
»Ja, wozu?«
»Sieh -- den Leierkastenmann da auf dem Prellstein -- mit dem Stelzfuß
-- gib was.«
Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus.
Es waren lauter Talerstücke darin.
»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile.
Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln.
Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der
Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich
hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein
Silberstück nach dem Veteranen hin.
Die Leier kreischte auf.
»Danke,« scholl es herüber.
Und noch eins -- und noch eins.
Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. -- »Hurra,« verklang es.
»Ah -- das war schön -- das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück.
»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit
des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände
unter der Decke.
»Ah -- das war schön -- das war schön,« wiederholte sie wie berauscht
und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger.
»Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien
eine Falte. »Wozu soll das?«
Da hielt der Schlitten.
Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug
hielten, sperrten den Weg.
»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie
wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod
wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als
Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt
herab.
Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke
ein wenig schürzte.
»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber
sachte, sachte.«
Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.
Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden,
nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die
unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.
Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem
Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.
Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße
Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken dampften,
dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden
jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die
Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens
Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken
aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line
reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum
zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den
Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht
auf die Finger.
»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es
langweilig wird, erzähl' was. Von dir.«
»Von mir?«
»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst,
zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles
erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? --
Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?«
Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen
Ringen.
»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während
er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.
»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt.
Er wurde eifrig.
»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.«
»Bekommst du dann mehr?«
»Viel mehr.«
»Gut -- das ist recht -- und dann --« sie lehnte sich hintenüber, hielt
ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann
heiratest du Dina Hollander.«
Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses
merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm
doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in
eine Verbindung gebracht werden konnte.
»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben
herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!«
Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln.
»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei
Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf
den ersten Blick gesehen!«
»Du?«
»Ich -- jawohl.«
»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die
schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem
Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend.
Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.
»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt.
»Einundzwanzig.«
»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen
ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem
zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.«
Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit
ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.
Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen
entzündeten.
»Ein schönes -- schönes Mädel,« dachte er wieder. --
Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd
begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.
Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den
Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand
noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze
geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen.
»Line.«
»Pst -- der Faustwalzer.«
Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar
Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er
sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu,
wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, -- allein da
stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren
Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon
einmal.«
Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die
Stube hinein.
»Na?« fragte er wartend.
»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung
überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne
auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden.