VII

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen

Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende

in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.

Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch

herab.

Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer

fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen

Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.

Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und

silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker,

denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.

Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war

er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht

erinnerte noch an die Vergangenheit.

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die

düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden

merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen

schönen Gruß bestellen.«

Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn

er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte

er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich

prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.

Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das Holz unter

dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.

Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei

ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte

die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er

frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu

schmauchen.

»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«

»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.

Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein

befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.

»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob

er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem

Werftbüro.«

»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch

ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.

»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch

nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. --

Ja --« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch

die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt',

in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald

einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. -- Ja, ja, so was

kommt vor. Und dann -- -- --« Er schluckte und suchte mit seinen

schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal

neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.

»Und dann -- hm -- da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll

bloß so -- aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«

Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk.

Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und lauschte dann nach

draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.

Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte,

und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder

nichts als das Klappern der Nadeln.

»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte

die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich

allein zu erzählen.

»I, warum sollt' so was nicht passieren? -- Ich hab' da man in meine

Jugend gelesen -- von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll -- hm --

na, ihren Kutscher geheiratet -- Und als sie den über hatte, dann alle

paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? -- Die so viel

Flöh' haben?«

In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das

Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende

Rauchwolke schlug durch den Raum.

»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl'

haben.«

Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch

die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob

sein Haupt und zählte.

Nebenan knarrte die Uhr.

Sieben -- acht -- neun.

»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«

»Ja -- ja --«

»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen

Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.

Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die

Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit

aufzog, zu tränken.

»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern -- aber sieh, wir

haben so was gar nicht. Was, Mudding?«

Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.

»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn

aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll

Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine

Frechheit durch nichts zu verblüffen war.

»Was darin steht?«

Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen

roten Kopf.

»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. -- »Was, Mudding?« Und als die

kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein

Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da

fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! -- Nu tu doch

eins den Mund auf -- damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht

gern --. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«

Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der

war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine

Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja,

und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er

unerschüttert ab. »Morgen -- zum Sonntag -- hat's mir selbst gesagt. --

Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. -- Is'n Gedanke, wie? Is er

denn schon mal bei euch gewesen?«

»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf

seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.

»Also kommt zum erstenmal?«

»Ja,« murrte der Fischer.

»Da freut ihr euch woll sehr?«

»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding,

wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer

aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. -- Fix, Mudding, nicht

so langsam.«

»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich

verbeugte.

»Nacht.«

Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann

klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden

die Treppe hinaufziehen.

»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im

ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf

seinem Schemel hin und her.

Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind

zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte

goldgelbe Flüssigkeit.

»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.

Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf

Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen

alten Freund nieder.

»Gott's Blitz --« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter

und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, -- so --

gut -- Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf -- prost -- wirst immer

klüger. Ja, was ich sagen wollt' -- weshalb, meinst woll, daß ich heut'

hierherkomme?«

»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,«

meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen

hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.

»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse

Geschicht', Jung. Paß auf -- dich nehmen sie. Und dann wirst du nach

Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im

Ozean -- Karolinen heißen sie ja woll -- nich hinterrücks kaput

geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz

sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«

»Ja, denn laß das so.«

»Je, Menschenkind -- -- aber gib mich erst noch so'n lütten Grog --

danke -- ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«

»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch

in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all

längst eins fragen wollen -- aber nu sprich auch ernsthaft -- wozu lebt

man eigentlich?«

Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft

hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas

einfiele, hob er langsam an: »Je -- kuck -- das weiß ich ganz genau. Der

Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«

»Dazu also bloß?«

»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«

Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das

ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.

Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.

»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an.

»Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich

neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen

so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. -- Da dacht' ich,

wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott

nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«

Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu

langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß

genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? -- Pastor Witt sagt,

du bist ein -- Phi -- --«

» -- losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«

»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer

mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott

nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt -- und deshalb,

mein' ich, Hann -- prost Hann -- sehr fein, dein Rum -- wie is das nu

mit eine Braut? Wie? -- Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich

unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut,

wenn du zu die Karolinen gehst -- oder zu die Mohren? Und auf die kleine

Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie

ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. -- Und

das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«

Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.

Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen

bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette,

als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.

»Da kommt wer,« meldete Hann.

Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu

braucht man nicht grad' ein Phi -- na, du weißt ja -- zu sein.«

An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten

zwei Mädchenköpfe durch den Spalt -- ein brauner und ein roter. Über die

Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem

nachbrausenden Sturm.

»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann -- sieh, Schulmeister Tollen

seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings -- ihr seid gewiß en

bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün

-- komm, Dirning.«

Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich

auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend

sitzen blieb.

Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen,

das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach

ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.

Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu

Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie

bitten, ob vielleicht -- -- --

»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja

so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und

eine Aufmerksamkeit daraus machen. -- Was, Jünging?«

»Ja,« bestätigte Hann.

Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät

von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse

schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen.

Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen,

geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns

verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung

niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch

Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne

Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht

lang, die sähen besonders gut aus.

Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst

und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt,

und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.

Was war das? -- Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des

Burschen.

»Oh -- oll Kusemann,« bat er.

Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll

sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.

»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den

Kessel mit Gewalt abnahm -- »her damit -- erst müssen die jungen Damens

ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen

der Kälte, und dann -- hört, Kinnings --« er kredenzte jedem der Mädchen

ein Glas --»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich

übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen

wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so

schnurrig umlaufen.«

Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie

wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen.

Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle

Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem

Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann

lächelnd nach dem Grogglase.

»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann

lauernd. »Er geht ja erst zum April.«

Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank

und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich

auch an? -- Zum April werde ich Krankenschwester.«

So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche

noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die

kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:

»Gib ein Küßchen, rotes Röschen --

setz dich zu mir auf mein Schößchen.«

Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll

Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf

in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken.

»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles

passierte. Aber noch is sie sehr gesund.«

Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die

Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich

erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel

tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter

dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.

Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen.

Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen

ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und

Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden

Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren

sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille

ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du

Krankenschwester?«

Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte

nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke.

Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.

»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich

kümmern kann.«

Da nickte Hann.

»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. -- Na,

gute Nacht.«

Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen.

Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren

Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende

Rubinen aufblitzen.

Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus

der Nacht hervor.

Hann erschrak.

Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in

Finsternis gehüllt, die Hand.

»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!«

tönte ihre ruhige Stimme.

»Oh -- es kommt alles so -- als es soll, Klara,« gab er zurück.

Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei

Schatten auf.

»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.

Hann Klüth: Roman · 第 37 / 76 题