Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«

»Natürlich -- gewiß -- bloß ich dachte --« er deutete auf den

Quartaner, der die Ohren spitzte.

»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und

begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis

widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen

Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das

tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine

kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam

über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes

Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und

erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden

waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach

Hause eilen.

Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts

aus der Tür zurückzog.

»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt

hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir

diese Pennälerjahre hinter uns haben.«

»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem

Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die

Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu

genießen.

»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul.

Denk' bloß mal nach -- wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja

schon ein Festtag.«

»Hm -- daran erinnere ich mich kaum.«

»Ja du -- und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese

schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch

gebracht.« --

Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben

ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und

fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf -- jetzt kommen wir auch einmal an die

Reihe.«

»Wieso? Was heißt das, Bruno?«

»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht -- rauchst du?«

Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.

Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.

»Fi!« Bruno verzog die Nase. -- »Sieh, das hier sind russische

Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! -- Riech' mal bloß,

Kerlchen -- diese blauen Wolken! Fein! -- Was? Ja, und was ich sagen

wollte -- -- weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das

ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren

drängen sich an ihre Stelle.«

Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob,

und die ganze Gestalt reckte sich.

Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer

forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des

andern hineindenken.

»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.

Das tat der junge Kaufmann.

Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete,

und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand

zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.

Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden

Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der

Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen

und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen

Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß

es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine

Familie heben wolle, alle, alle -- und daß Geld eine Macht sei, ein

Zauberstab, der beleben und töten könne.

»Oh, du sollst mal sehn -- du sollst mal sehn.«

Da saß er wieder -- ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten

Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr

geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.

Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen

vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das

Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.

Hann Klüth: Roman · 第 33 / 76 题