Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«

»Ja.«

»Hm!«

Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und

kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht

lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes

Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen.

Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er

die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen

Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht

von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos

erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.

Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen

Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.

Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch

zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf,

an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na,

nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man

vorläufig, Sie -- verstehen Sie?« -- Und während er ihn noch energischer

bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht

lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar ordentlich

Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel,

junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! --

Wahrhaftig! -- Vielleicht, na, hm -- bloß das Pistol auf die Brust setzen

kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die

Prokura nicht ab -- nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden?

Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von

neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu

kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina

würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es

ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte.

Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? --

»Line.«

Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der

Predigtamtskandidat.

»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein

Angestellter noch immer schwieg.

Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das

Definitive über seine Stellung hören würde.

Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu

imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte

er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut -- sehr

schön -- sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen -- ganz richtig.

In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie

fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! -- Morjen,

ja, ja, schon gut -- hol' Sie der Deuwel, Adieu!«

V

Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die

Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand

in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein

Line kommt natürlich mit.«

»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig,

als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein

sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren

aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das

feinste. -- Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das

schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«

Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah,

die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische

ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen

und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen

Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu

essen. -- Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was

meinst du? -- Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn

an?«

»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl

besonders fein machen?«

Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht.

Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten

Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.

* * *

Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr

Mittagsschläfchen.

Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das

Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte

beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen

umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines

Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das

ruhige Atmen der alten Dame.

Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder

unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen

Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es

wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer

Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem

sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem

englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser

betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille

herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust

dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum

sein, der das junge Geschöpf entführte.

Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein

Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line

wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame

begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie

endlich hervor, »was machst du denn da?«

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des

Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr

kindliches, halb verlegenes Lächeln.

»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu

eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so

fein zugehn würde.«

»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte

wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen

sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich

wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«

»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale,

lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas

anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und

mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier

das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«

* * *

In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der

Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum

Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der

Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge,

krumme Gasse hinaus.

Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar,

nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß

stöhnte einmal ein Windzug herauf.

Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer

einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit

kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der

vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche

Brot für seine Existenz gewährt hatte.

Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht

fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.

An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel

sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.

Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.

Paul verzog die Stirn.

War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder

zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus

seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und

brüderlich zu ihm gezogen?

Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und

bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das

Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd

seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden,

dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare

Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen

Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch -- ja, das

war es -- etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn

dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an

dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und

immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu

machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den

grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der

Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit

dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten

Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich -- ein von der Lehrerin

besonders geschätzter Gast -- häufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? -- Ob er in der reichen Handelsstadt sich

nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit

Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem

Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines

ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das möglich wäre? -- Paul biß sich auf die Lippen, während er

immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte -- nein, es

war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte,

um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte -- -- -- -- --

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die

Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er

mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr

Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum?«

Paul fuhr auf.

»Was? -- Was? -- Ob die Königin Semiramis --?«

»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und

da dachte ich -- -- --«

»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor

abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die

Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die

Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte

die Feder, die der Quartaner nun -- beruhigt über das Geschlecht der

Semiramis -- wieder emsig über das Papier führte.

Da wurde kurz an die Tür geklopft.

»Herein!«

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und

Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach

dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

»Na, Jünging, wie geht's?«

»Bruno? Du?«

»Ich, Herr Pastor.«

Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für

einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit,

ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den

Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch

unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders

belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm,

beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere

sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.

»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«

»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«

»Ja, ich freue mich, -- ich freue mich.«

Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn

anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben

Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.

Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der

Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.

»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig,

während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.

Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem

Schüler unpassend.

»Häßlich?« fragte er. -- »Es ist doch hier alles recht bequem?«

»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte

sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete

er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah

ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.

Hann Klüth: Roman · 第 32 / 76 题