VII

Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr.

Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie

aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu

benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er

sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte.

Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens

Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte,

nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer

Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in

seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann

konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz

hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt,

um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich

hinzumurmeln.

Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so

einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem

Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein

Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen -- und das alles in den

wichtigsten Geschäftsstunden.«

Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein

gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte,

pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem

Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber

in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.«

Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen sich nicht

sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte

Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit

gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden

landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu

lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte.

Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah,

nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.«

* * *

Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war,

versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten

Schlag auf den Rücken.

»Anhalten!«

Richtig -- hier hatte er ja etwas abzuwickeln.

An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft

gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden.

Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm

in Verbindung treten.

Diese mußte er sich erst einmal genau besehen.

Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der

neuen Zeit.

* * *

Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth

mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt

hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer

gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen,

die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der

schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte.

An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder.

Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn

irgendwie beleidigen, während Siebenbrod von Zeit zu Zeit langsam an

seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit

einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll -- so 's recht, Herr Konsul« zu

begleiten.

Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und

Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein

künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets

ein zweifelhaftes »Na, na!«

»Englisch?«

»In meinem Zeugnis steht gut!«

»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift

seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf

geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem

Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das

mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz

woanders. -- Wissen Sie, wo?«

»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.

»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander.

»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth

anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!«

»Na, na -- wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt

in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber

junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen

darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch

gelesen von einem Gustav Freytag -->Soll und Haben< --. Sehr schön.

Wenn Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben.

Kaufmann ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da

sicher zu nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben

Sie denn nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?«

Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte,

er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten

Bücher zur Führung übergeben.

»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das

Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das

ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt

keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein

liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also

zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf,

dann fegen Sie die Dielen auf. -- Sollte Ihnen das nicht passen, dann

wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den

Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die

nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt

der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter

wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so

vorgestellt?«

Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er

sich große Mühe geben würde.

»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie

zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit

er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut -- abgemacht!«

Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest

auf Frau Klüth zu.

»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat

mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. -- Na,

wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm,

Dina!«

Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden

die Hand reichten.

Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich

erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«

Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren

Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.

»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz

befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig

wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also --

wollen sehen!«

Hann Klüth: Roman · 第 19 / 76 题