Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr.
Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie
aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu
benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er
sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte.
Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens
Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte,
nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer
Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in
seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann
konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz
hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt,
um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich
hinzumurmeln.
Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so
einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem
Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein
Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen -- und das alles in den
wichtigsten Geschäftsstunden.«
Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein
gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte,
pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem
Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber
in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.«
Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen sich nicht
sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte
Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit
gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden
landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu
lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte.
Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah,
nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.«
* * *
Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war,
versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten
Schlag auf den Rücken.
»Anhalten!«
Richtig -- hier hatte er ja etwas abzuwickeln.
An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft
gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden.
Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm
in Verbindung treten.
Diese mußte er sich erst einmal genau besehen.
Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der
neuen Zeit.
* * *
Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth
mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt
hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer
gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen,
die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der
schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte.
An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder.
Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn
irgendwie beleidigen, während Siebenbrod von Zeit zu Zeit langsam an
seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit
einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll -- so 's recht, Herr Konsul« zu
begleiten.
Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und
Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein
künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets
ein zweifelhaftes »Na, na!«
»Englisch?«
»In meinem Zeugnis steht gut!«
»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift
seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf
geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem
Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das
mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz
woanders. -- Wissen Sie, wo?«
»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.
»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander.
»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth
anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!«
»Na, na -- wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt
in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber
junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen
darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch
gelesen von einem Gustav Freytag -->Soll und Haben< --. Sehr schön.
Wenn Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben.
Kaufmann ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da
sicher zu nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben
Sie denn nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?«
Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte,
er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten
Bücher zur Führung übergeben.
»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das
Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das
ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt
keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein
liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also
zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf,
dann fegen Sie die Dielen auf. -- Sollte Ihnen das nicht passen, dann
wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den
Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die
nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt
der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter
wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so
vorgestellt?«
Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er
sich große Mühe geben würde.
»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie
zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit
er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut -- abgemacht!«
Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest
auf Frau Klüth zu.
»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat
mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. -- Na,
wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm,
Dina!«
Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden
die Hand reichten.
Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich
erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«
Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren
Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.
»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz
befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig
wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also --
wollen sehen!«