VIII

Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte

der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die

Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer

zu verpacken.

Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.

Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem

Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar

erscheinen ließ.

Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen

Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht

erklären konnte. -- Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen

Pflichten nicht gewesen wäre!

Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas

Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die

er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.

Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder

plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der

Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und

Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb

verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in

der Stadt gekauft war, und lief hinaus.

Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.

Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm

zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso

schneller dahin.

Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden

Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig

werden.

»Bruno -- nimm uns mit!«

Er hörte nicht.

So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm

ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem

erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu

dürfen.

Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von

Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das

Nachbardorf hinüberleitete.

Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im

Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war

er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit

grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.

Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines

alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen

Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber

Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein

wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die

Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben

Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«

Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann

hallten Tritte durch den Wald.

Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.

»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend

wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.

Hann Klüth: Roman · 第 20 / 76 题