Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte
der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die
Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer
zu verpacken.
Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.
Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem
Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar
erscheinen ließ.
Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen
Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht
erklären konnte. -- Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen
Pflichten nicht gewesen wäre!
Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas
Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die
er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.
Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder
plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der
Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und
Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb
verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in
der Stadt gekauft war, und lief hinaus.
Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.
Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm
zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso
schneller dahin.
Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden
Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig
werden.
»Bruno -- nimm uns mit!«
Er hörte nicht.
So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm
ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem
erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu
dürfen.
Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von
Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das
Nachbardorf hinüberleitete.
Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im
Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war
er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit
grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.
Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines
alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen
Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber
Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein
wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die
Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben
Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«
Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann
hallten Tritte durch den Wald.
Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.
»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend
wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.