Was daraus folgt? --

Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und

machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen,

als was doch so klar war? -- Herr Gott -- Herr Gott -- solch ein

studierter Mensch -- was für Umstände: »Je,« stotterte er, »daß ich hier

nu alles übernehme.«

»So? -- Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts

Besonderes?«

Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in

Verzweiflung. Weit schob er die Füße von sich, legte eine Faust auf den

Tisch und sagte in völliger Resignation: »Ja, das mag ja nun alles sein,

wie es will -- aber wir sünd einig -- wir heiraten uns.«

Und Frau Klüth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der

Kinder an und setzte traurig hinzu: »Glaubt mir, es geht nicht anders.«

Nach dieser Erklärung waltete neues, drückendes Schweigen. Als jedoch

zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwülen Stille

zu entfliehen, ein wenig an den Fluß und an Malljohanns Kahn

geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in

einer Ecke saß, und hörten abgebrochene, geflüsterte Worte von dorther

dringen: »Paul -- Pauling -- tu das nicht.«

»Es ist besser so -- ich brauche dann von euch nichts mehr.«

»Aber wie willst du das bloß anfangen?«

»Privatstunden.« --

»O Pauling -- ich geb's ja gern -- ich tu's doch bloß euretwegen.«

»Ja -- ja, aber im Andenken an den Vater -- ich kann's nicht mit ansehn

-- ich zieh -- morgen schon in die Stadt.«

Dann umschlang die Mutter ihren Ältesten, und man konnte hören, wie der

harte Junge von einem Schluchzen förmlich geschüttelt wurde. Bruno stand

dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war übel zumute.

Aber er dachte mehr daran, was seine städtischen Bekannten, was vor

allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gönner des alten Klüth

gewesen, zu dieser plötzlichen Verlobung sagen würde. Die beiden

Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Köpfen hinaus.

* * *

In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker

Anpflanzungen von dem häufigen Nordoststurm zerzaust und verwüstet

aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten

Sonnenblumenstauden halt.

Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die

mächtigen Blumenhäupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich

darnieder, als wüßten sie, daß der nächste Norder sie hohnlachend in den

Fluß schleudern würde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges.

Schräge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rüben und Petersilie

wuchsen, und hier und da ein verkrüppelter Apfelbaum, der im Kampf mit

dem Winde bucklig geworden.

In den Blättern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein

höhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt.

* * *

Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt

und zupfte nun ein Blatt der kranken Köpfe nach dem andern ab.

Allmählich färbte sich ein gelber Teppich zu ihren Füßen, bis ihn der

Wind wieder von dannen fegte.

»Lining,« fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine

Furcht vor ihr vergessen mochte, »siehst du, Niklas von oll Kusemann hat

recht behalten. Nu is Vater abgesetzt -- und sie haben sich verlobt.«

Nun hätte sie fragen müssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten.

Indessen sie schwieg. Warum, wußte sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder

weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der überall hinter ihr

hertrollte, nach Laune zu spielen.

Sie schwieg und zupfte schneller.

»Lining,« fuhr Hann eingeschüchtert fort und sah verlegen auf seine

Stiefel hinunter: »Verloben? -- Das is doch eigentlich was sehr

Feierliches.«

Noch immer rührte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig

seitwärts nach ihm hin. Dem kecken, frühreifen Ding kam die Erinnerung,

daß ihr treuer Gespiele sie neulich geküßt. -- Im Grunde war sie auch

seine Braut. Sie spitzte die Lippen.

Was er ihr wohl zu sagen hatte?

»Lining,« stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken

durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus

ihrem Käfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gänse auf die

Landstraße. »Lining, hinter dem Verloben muß doch noch was stecken, kuck

-- wir« -- er wurde glühend rot -- »wir sind doch auch verlobt -- wie

oll Kusemann sagte -- aber -- wir -- Lining, sei nicht bös -- wir mögen

uns doch auch leiden --! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die

mögen sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. -- Daß so was

erlaubt is?«

Nachdenkend hielt er inne.

Immer wandte sie ihm noch den Rücken. Langsam jedoch, mit einer unbewußt

koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren

braunen Augen suchend und staunend an.

Sie wartete. Er hatte gewiß noch etwas Wunderschönes zu sagen. Wie eine

ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie

herum aufzuklingen. Viel, viel später noch leuchtete diese Szene zu ihr

herüber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheißender

Kindertraum.

In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich

einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor

Neugierde.

»Du magst mich gern leiden?« brachte sie hervor.

»Ja,« entgegnete Hann erschreckt. »Das hab' ich gesagt.«

»Ich mag dich auch gern leiden,« flüsterte Line und streckte ihm mit

einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin.

Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwünschte methodische

Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten

ungeschickten Würfe tat.

»Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,«

gab er dem Gespräch eine andere Wendung, während er sich aus Furcht vor

der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreißen wandte. »Wenn er erfährt,

daß sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach

Hause.«

Noch immer wartete Line. -- Langsam sank das Händchen herunter, vor dem

Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurückgewichen war.

Ein plötzlicher Windstoß brauste durch die Zweige und warf harte Früchte

herab.

Da riß Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter

ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit

aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut.

»Lining,« rief er bestürzt. »Was tust du?«

In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstraße entlang und

hielt vor dem Klüthschen Hause.

»Dummer Bengel,« rief das Mädchen.

Dann lief sie mit flatternden Röcken auf das glänzende Gefährt zu.

Hann Klüth: Roman · 第 18 / 76 题