Dem Jungen saß etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor
Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line
hinüberzublicken.
Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie für ihn direkt einen
Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem
Wege und erkühnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden.
* * *
Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster.
Alle im Zimmer mußten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstraße
hinausblicken.
Welch ein wunderliches Bild.
Dort draußen auf dem weißen Sande ragte die lange Gestalt des
Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwürdig ungelenk
anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute
noch steifer wie gewöhnlich, da er eine große Mappe mit aller Kraft an
sich preßte, als wünsche er sich eines kostbaren Gutes beständig zu
versichern.
Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die
beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und
Friedrich Pagels mit dem verschnürten Bein, sodann Klaus Muchow, der
stärkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das
stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn
gerade wieder vor dem Lotsenhäuschen der Klüths ankerte, beteiligte sich
von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig saß er auf seinem Kajütendach und
spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: »Deutschland, Deutschland über
alles.«
Und alle gratulierten dem Bootsmann.
»Ich dank' euch auch,« sagte Siebenbrod stolz, »ich werd' nun mein
Möglichstes tun.«
»Ja,« stellte der wassersüchtige Lotse mit dem Schnürbein, der sich am
besten auf Geschäfte verstand, fest, »das Haus is ja auch ganz nett. Das
Dach muß ausgebessert werden.«
»Ne, ne,« widersprach Siebenbrod mit einer gewissen
Besitzerbehaglichkeit. »Vier Jören -- kein Spaß -- sparen, sparen.«
»Ja,« mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz
laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte,
»Siebenbrod, kiek, da sind drei Kühe und zwei Schweine. Wenn man sich
die ein paar Jahre vermehren läßt, sieh, dann kommt 'ne recht anständige
lütte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der -- --«
»Ne -- man ja nicht -- und der Rotlauf und die Klauenseuche,« wehrte der
neue Besitzer ab und drückte das Zesnerfischerpatent in der Mappe
zärtlicher an sich. »Sparen -- sparen.«
»Na, dann auch so! -- Es is ja wirklich allens ganz nett,« fuhr der
Lügenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedächtig fort. »Und Mudding
Klüth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man muß eben ein Auge zudrücken.
Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann läßt sie
sich noch ganz hübsch wonach.«
»Ja, was sollt' sie nich,« murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich
mißtrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spaß mit ihm treiben
wollte. »Frau Klüth is noch sehr bei Kraft.«
»Deutsche Frauen -- deutsche Treue,« klang es von dem Kartoffelkahn.
»Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine,« schloß
Friedrich Pagels bestimmt. »Dabei bleibt es.«
»Ja -- ja, dagegen läßt sich nichts einwenden,« nickte Siebenbrod sehr
vergnügt und drückte allen unter beifälligem Gemurmel die Hände.
Dann trat er in das Klüthsche Familienhaus.
* * *
Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen.
Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hörte die
herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen
das erzwungene »Hum -- Hum« des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen
wollte.
Doch keiner redete.
Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter
einen letzten Wall zurückzögen.
Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten.
»Hum -- Hum -- Frau Klüth,« begann er endlich, während er ratlos und
eingeschüchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und
her rückte. »Ich glaub', nun wär' es Zeit mit dem Bier.«
»Ja, dann können wir ja nun.«
Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tür wieder herein und
stellte einen großen, braunen Krug auf den Tisch.
Dann ließ sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann
nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird.
»Frau Klüth -- ich werd' das selbst eingießen.«
»Schön, Herr Siebenbrod.«
Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der
Gerstensaft ließ keinen größeren Frohsinn aufkommen, immer wieder
blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel,
als säße dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verüben wollte. Bis
endlich Siebenbrod dreimal energisch über seinen Kopf strich und sich
halb verzweifelt zu der Witwe wandte: »Frau Klüth, nu muß ich es wohl
tun?«
Einen Augenblick Schweigen.
Dann ein tiefes Aufatmen: »Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts
mehr übrig.«
»Na, denn --,« der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck, sperrte
den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an:
»Na, denn also -- Paul, Bruno, Hann und Line -- ich hab' ihr nu.«
»Was haben Sie?« fragte der Theologe langsam, während er seine finsteren
Augen nicht von ihm wandte.
»Das Zesnerpatent, Herr Paul.«
Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz
oder eine Erklärung vor sich in die Höhe.
»Ja, aber was folgt daraus?« forschte der Student unbarmherzig weiter.