Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller
standen darauf, und wahrhaftig -- Messer und Gabeln sah man säuberlich
auf gläserne Bänkchen gelegt.
In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und
nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde -- zuletzt hatte der Sarg
des alten Klüth darin gestanden -- war heute am Sonntag Sand in feinen
Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man
vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß
bunter Georginen.
Das hatte etwas zu bedeuten.
Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen,
oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.
Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden.
Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den
Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause
gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend
jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere
Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte.
Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine
Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach
dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe
wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden.
Also ein anderer!
Aber wer?
Siebenbrod? -- der Sekundaner stampfte mit dem Fuß -- das war
hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch
unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so
elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz
eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?
Also Siebenbrod nicht.
Wer aber?
* * *
Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit.
Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit
verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren
katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht
war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig
geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet
würde.
Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein
echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig
Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei
Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.
Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen
und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum
wirklich anlegen wolle.
Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor.
Auch Hann stand mitten in der Aufregung.
In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende
des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht
dieser Zurüstungen.
Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden.
Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander
verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen
und der rosa Schleife im Haar! -- Die Georginen, und draußen auf der
Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten
und lächelnd in die Fenster hineinsahen!