VI

Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller

standen darauf, und wahrhaftig -- Messer und Gabeln sah man säuberlich

auf gläserne Bänkchen gelegt.

In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und

nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde -- zuletzt hatte der Sarg

des alten Klüth darin gestanden -- war heute am Sonntag Sand in feinen

Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man

vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß

bunter Georginen.

Das hatte etwas zu bedeuten.

Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen,

oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.

Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden.

Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den

Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause

gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend

jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere

Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte.

Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine

Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach

dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe

wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden.

Also ein anderer!

Aber wer?

Siebenbrod? -- der Sekundaner stampfte mit dem Fuß -- das war

hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch

unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so

elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz

eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?

Also Siebenbrod nicht.

Wer aber?

* * *

Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit.

Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit

verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren

katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht

war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig

geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet

würde.

Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein

echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig

Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei

Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.

Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen

und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum

wirklich anlegen wolle.

Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor.

Auch Hann stand mitten in der Aufregung.

In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende

des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht

dieser Zurüstungen.

Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden.

Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander

verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen

und der rosa Schleife im Haar! -- Die Georginen, und draußen auf der

Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten

und lächelnd in die Fenster hineinsahen!

Hann Klüth: Roman · 第 16 / 76 题