Dann nahm er ihn mit.
V
Nachmittags kehrte Hann pudelnaß zurück.
Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern,
unaufhörlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mütze hatte er
verloren.
Das waren die nächsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvörderst
hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weißen Lotsenbootes Platz
nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam
drehen müsse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklärt und ihn zum
Schluß in das schwierige Geschäft des Windabfangens eingeführt. Sodann
wurde von Siebenbrod ein förmliches Examen über das eben Erläuterte
angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff,
zuweilen auch eine Ohrfeige das übrige.
Zuletzt aber kam der Höhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das
Hann gewiß nicht so bald vergessen wird.
Sie segelten gerade im offenen Bodden.
Glatt, wie poliert, lag die glänzende Scheibe da. Nur fern und
verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Dörfchen. Man
vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das
Kläffen eines Hundes.
Am lichterfüllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel
des Mondes.
Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten
lassen.
Mit aufgestütztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte
während des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes,
in dem eine wohlgefüllte Kirschschnapsflasche stehen mußte, ein Genuß,
dem er nun ein für allemal abgeschworen.
Wer würde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade -- schade -- aber
wenn man selbständig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer
zugelassen werden wollte?
Kein Spaß, wahrhaftig!
Schwermütig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinüber.
Der Junge hatte längst den Wind aus den Segeln verloren und träumte
bekümmert zu der blassen Silberscheibe empor.
»Verfluchter Bengel!«
»Jesus!«
Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen.
»Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jünging.«
Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und pätschelte ihm auf dem Kopf herum.
Eine Weile sann er dann nach.
Ja, warum nicht? -- Je eher, desto besser. Lernen mußte er es ja. Es war
gut, wenn er ihm gleich diese große Wohltat erwies.
»Kannst du schwimmen, Hann?« fragte er deshalb mit plötzlichem
Entschluß, wobei er seine Hakennase spürend in die Abendröte erhob.
»Ne, Siebenbrod.«
»Sag' Vater zu mich.«
»Du bist ja aberst nicht mein Vater.«
»Das schadet nichts. Sag' so.«
»Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.«
Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem
Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort
drüben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen
sah -- Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte
»schwimmen«?
»Siehst du,« bemerkte der Stiefvater, indem er noch näher an den
sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das
Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. »Das ist das Unglück bei
uns Schiffern und Fischern. -- Keiner kann. -- Mein Vater is auf solche
Weise vertrunken, und mein Großvater is auch vertrunken. Deshalb will
ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?«
»Woll,« stotterte Hann mit Beben.
»Gut, dann komm zu mich -- aberst vorsichtig.«
Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich
schmunzelnd.
Jetzt folgte ja eigentlich ein großer Spaß. Und dann war's ja auch eine
Wohltat.
»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal.
Der Knabe schüttelte mit zugeschnürter Kehle den Kopf. Sprechen konnte
er nicht mehr.
»Na, dann pass' auf! -- So wird's gemacht.« Ein rascher Griff -- die
Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen
des Jungen ein -- dann hob er ihn hoch in die Höhe und ließ ihn
zuvörderst ein wenig herumwirbeln.
»Du fürchtest dich doch nicht?« meinte er noch einmal ehrlich. --»Na,
dann schwimm.«
Er ließ ihn los.
Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort
spurlos unter die Oberfläche.
»Na, also,« sagte Siebenbrod neugierig.
Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht,
mit Händen und Füßen wie besinnungslos um sich schlagend.
»So 's recht,« lobte Siebenbrod, »so bleib man bei.«
»Hilfe -- Hilfe -- laß mir ins Boot.«
»I ne, mein Jünging, dann lernst du ja nichts.«
»Ich -- ich -- kann nich mehr.«
»I -- das glaubst du man. Siehst -- stoß tüchtig aus -- so 's schön.«
Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der
Lehrmeister seinen Schüler auf die Planken zurück. Er war sehr zufrieden
mit ihm. Aus Hann mußte etwas Erwähltes werden. Er hatte nach der
Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten.
»Schön -- schöning.«
Und wie der Junge völlig betäubt und teilnahmlos, zitternd und fröstelnd
auf dem Vorratskasten saß, da schoß Siebenbrod der Gedanke durch den
Kopf, daß er diese große Leistung auch gebührend ehren müsse. Rasch
schloß er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann
errötend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt
das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter.
»I, Jünging, das is dich ja gesund, der schöne Kirsch, so -- so -- siehst
du -- na, ich sag bloß, aus dich wird was -- sollst mal sehn.«
Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods
Zufriedenheit nur.
Wie schön roch nicht der geliebte Kirsch.
Wehmütig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Naß wieder in den
Schiffsschrank. -- »Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte.« Kein
Spaß, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! -- Das stand fest.
* * *
Der arme Junge.
Er getraute sich nicht in das Lotsenhäuschen zurück, als Siebenbrod nach
der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand.
Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fuß. Dazu summte der ungewohnte
Alkohol förmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf
Wolken tanze.
Und dann die Scham!
Geprügelt, durchgehauen, wie ein boshafter Köter. Nun wußten es doch
gewiß bereits alle.
Ganz sicher, von Line mußten sie es längst gehört haben.
Oh, wenn bloß Line nicht dabei gewesen wäre. Das tat so weh. Er konnte
sich selbst gar nicht erklären, warum das Bild des erstaunten,
lächelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien.
Das riß und schnitt.
Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Müdigkeit am
liebsten sich auf die offene Dorfstraße geworfen hätte. Nein, irgend
jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur könnte!
Aber wem?
Der Junge dachte nach.
Seinen Brüdern?
Nein, nein, die waren zu fein dazu.
Sein Mudding?
Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort.
Draußen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille
Abendluft herüber.
»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,
Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«
Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajüte, während am
Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmädchen dazu lachten und
sangen.
Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Fröhlichen anfangen?
Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige.
Aber plötzlich wußte er's.
Es gab nur einen.
Oll Kusemann.
Ja, zu dem mußte er sich schleichen.
Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht
nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen, dem das Leben eine
einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der
sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein
Kind, das den Affenkäfig beschaut, -- er brauchte Hann als sein Publikum,
als seinen Hörer -- und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte
den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das
Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge.
Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die
wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine
ausrangierte Badehütte stand.
Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen.
Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über
seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz
geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner
Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen,
Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten.
Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen
fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein
wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling
vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser
geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und
mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.
Hann stutzte.
Was war das wieder für ein neues Wunder?
»Woher weißt du das, oll Kusemann?«
Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die
Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte
Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der
Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle
möglichen Geheimnisse hinterbringe.
»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf.
Dann heulte er auf.
»Jung, rohr nich,« tröstete oll Kusemann gutmütig und zog den Knaben in
das enge Bretterloch hinein, »hör' zu. Ebenso wie dich -- so is es --
hm, ja -- so is es Kolumbussen auch gegangen.«
Hann, der zu seinen Füßen saß, schluckte noch.
»Wer is Kolumbus?«
»Was? Du weißt das nicht? -- Jung, das kommt von deine verfluchtige
Ungebildheit -- hm, ja.« --
Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte
unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, über den die Dämmerung
daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. --
»Na also -- Kolumbus, je -- na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as
so'n lütter spanischer Schiffsjung? -- Aberst sein Vater, der hatte sich
das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womöglich einen ganzen
Weltteil, und, um ihm das anzugewöhnen, hat er ihn auch immer im Wasser
untergetümpelt als Siebenbrod heut mittag dir -- na, und sühst du, was
hat der Jung getan? -- Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche
Ströper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?«
Hann vergaß eine kurze Zeit sein Unglück.
»Woher weißt du das alles?« fragte er rasch, »bist du denn dabei
gewesen?«
Diese Frage reizte den Lotsen zu einer kräftigeren Leistung.
»Je, erzählt ich dich das noch nie? -- Ich bin es ja gewesen, der da so
immer in dem Mastkorb schrie: »Land -- Land!«
»Dann hast du ja Amerika entdeckt?« echote der Kleine.
Hann versäumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen.
»Das hab' ich,« bestätigte oll Kusemann behaglich. -- »Das kann mir
keiner streitig machen. -- Und hier« -- dabei zog er eine ausländische
Münze aus der Tasche -- »kannst du noch die spanische Medaille sehen,
die ich dafür bekommen hab. Kuck -- hier.«
Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen.
»Was is?«
»Prügel,« jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig
aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in
Gegenwart von Line so entwürdigend geschlagen worden sei.
Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amüsierte ihn heute
nicht. Und oll Kusemann war mehr für einen Spaß zu haben. Am liebsten
war es ihm, wenn man lauschend seinen Lügenphantasien folgte.
»Hör eins« -- mißbilligte er -- »was is das mit der lütten Dirn? Den
ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?«
»Was, oll Kusemann?«
»Ob sie deine Braut is?«
Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten
hielt er diese Frage für eine neue Entwürdigung.
»Na, ich mein, -- na, wie soll ich dich das klarmachen? -- Küßt du ihr
denn? -- Und faßt du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n
Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast
dir damit?«
Hann hörte furchtsam zu. All das, was der alte Lügenlotse jetzt
anführte, flößte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die
Schleife, das Umfassen, alles. Eine ängstliche Neugierde erfaßte ihn.
Hastig schüttelte er seinen plumpen Kopf.
»Na, dann will ich dir was sagen,« ermahnte der Alte, »wenn du das Ding
so gern leiden magst, dann mußt du fix machen -- denn später« -- er
schüttelte bedenklich das Haupt -- »sie is 'ne kleine Hex, wer weiß, was
später mit ihr los is -- ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch,
du lütter Dämlak, was ich mein?«
»Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.«
»Na, dann paß auf, der Umgang zwischen Männliche und Weibliche is
nämlich sehr schnurrig -- hör zu, ich will dich das erklären: Siehst du,
da gibt es nämlich Männers, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von
allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz
sind. -- So einer bin zum Beispiel ich. Ich weiß auch nicht, wie es
kommt. Aber es is so!
»Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem
Geruch. -- Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht.
»Und zum zweiten gibt es Männers, die nu wieder ihreseits gegen die
Weiber 'ne große Liebe und Andacht haben und sehr demütig gegen ihr
sind. -- Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehören, wenn es
mal so weit sein wird. Und deshalb müssen diese zweiten Schafsköpp' sich
recht frühzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die
Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn später pfeifen die
Frauenzimmers auf die Demütigkeit und halten das für Langweiligkeit und
machen denn ganz verfluchte Chosen. -- Verstehst du mir?«
Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und
niederknarrenden Brettertür fest. Zum Umsinken müde war er, und doch
hätte er gern noch mehr gehört, denn das kleinste Wort kam ihm
geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen
schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht.
»Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft« -- wollte der Lotse seinen
Spaß fortsetzen, -- da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut,
wie wenn leichte Holzpantöffelchen darüber klapperten, und aus den
Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die
Höhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf.
Line.
»Oll Kusemann, is Hann bei dir?« rief sie atemlos und beugte sich mit
halbem Leib in die Hütte hinein.
»Ja, hier, Lining,« stammelte der Junge.
Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wäre
er am liebsten davongelaufen.
Ihr Atem stürzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen
blitzten vor Neugierde und Spannung.
»O Hann, komm fix nach Haus. -- Abendessen. -- -- Wenn du bloß wüßtest,
wie Siebenbrod wieder schimpft.«
»Ißt der jetzt auch an eurem Tisch?« fragte oll Kusemann hastig.
»Ja.«
»Und er schimpft?«
»Furchtbar.«
Süh -- süh, dachte der Lotse für sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen?
»I, Kinnings,« sprach er laut, »hört ihr nicht, was Niklas eben ruft?«
In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krächzen:
»Scharp -- scharp.«
»Hörst du's,« verkündigte oll Kusemann, während er schnell die Hütte
verschloß, »Hochzeit,« sagte er. -- »Es gibt Hochzeit bei euch.
Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch --«
Wieder schrie der Rabe sein »Scharp«.
Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. »Ne so was lebt nich,« schrie
er beglückt. »>Verlobung< sagt er auch, hast du's gehört, Dirning? --
Ganz deutlich >Verlobung<. Nu kommt fix.«
Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken,
milchigen Nebel nicht ins Wasser stürzten.
Deshalb schritt er voran.
Hinter sich hörte er, wie die Kinder ängstlich miteinander über
Siebenbrod flüsterten.
»So spät -- so spät,« hauchte Line erwartungsvoll. »Wird er dich jetzt
nicht wieder schlagen?«
»Ja, das wird er woll,« gab Hann zu, dem die Zähne klapperten.
Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer höher.
Ganz finster war es unterdes geworden.
Vom Fluß tönte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten
kolossale, bleiche Gestalten.
Da machte der Lügenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam
vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort für Wort
aufgefangen, plötzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt.
Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab
und verbreitete einen ätzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem
Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere.
Dieser Platz schien oll Kusemann für den närrischen Spaß, den er mit den
Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen.
»Kommt her,« flüsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwärze
neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und
beugte sein bärtiges Haupt zwischen die jungen Köpfe.
»Kommt her. -- Ihr müßt ein Bündnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. --
Das ist klar. Aber das beste Bündnis zwischen einen Männlichen und eine
Weibliche is die Verlobung. Ihr müßt euch also verloben. -- Daß ihr noch
'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst
später die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. -- Na also,
was sagt ihr?«
Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen
Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, daß oll
Kusemann von neuem vor sich hinlachte, während er die beiden Kinder eng
aneinander schob.
»Nu küßt euch,« befahl er.
Voller Angst küßten sich die Kinder.
Der Lotse pfiff durch die Zähne und sprang, wie er es bei freudigen
Anlässen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft.
»So,« schmunzelte er seelenvergnügt. »Nu seid ihr so weit. -- Ich
gratulier' euch. -- Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich
Schläg kriegt. -- Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weißt was? --
Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid -- ja -- hm -- natürlich
-- ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne
Schmetterlinge darauf. -- Da drüben im Kloster, da liegt so was
vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann -- na, du weißt doch,
Jung, daß hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is.
Pass' auf, für dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll
alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so
was funkeln sehn. -- Und nu adjüssing, Kinnings -- hier is mein Haus und
mein Alwining wartet all -- und nu macht, daß ihr weiterkommt.«
Er verschwand.
Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim.
Eine Stunde später lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus
wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches,
wisperte Märchen und fuhr auch durch die Ritzen, so daß der Knabe fror.
Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses
Merkwürdige, Zauberische schwirrte in dem Kämmerchen vor seinem Lager
hin und her. Die grüne Wiese und Line, die Prügel und die Verlobung, der
Kuß und die untergegangene Stadt voller Dukaten. -- Und plötzlich
begannen noch die Ameisen aus dem Hügel an der Wand wirr durcheinander
zu kreisen.
Ihn nahm der Schlaf.
Aber das glaubte er doch noch zu hören, daß Pantöffelchen an seiner Tür
vorüberklapperten und eine Stimme hindurchrief: »Hann, bist du noch mein
Bräut'gam?«
Dann huschte es nebenan in die Kissen.
Er konnte es aber auch geträumt haben, denn der Mond lachte bereits auf
ihn herunter und freute sich über all die bunten Lügen und nannte ihn
einen »dummen Jungen«.