II

Der Erwartete war gekommen.

Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.

Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle

Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern

herabsanken.

Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich

frommer Gesinnung.

Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches

Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung

erzeugte.

Dieser war oben.

Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer

hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt

schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen,

während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf

das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube

herunterquoll.

Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen

Winde.

Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran

zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann,

hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See

erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem

Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen

suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst

verstorbenen Fischers wäre er dann stehen geblieben und hätte einen

Zettel auf dessen Hügel gelegt. -- Einen Zettel. -- »Denk' bloß, Lineken,

einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei

der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen

Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans

Tageslicht gefördert habe. -- Und richtig -- Line zuckte in der

Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor

sich hin -- als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das

Grab mit einem Schlag geöffnet und --

Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.

»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die

Hände aus.

Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann

polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.

»Au -- dummer Junge -- nimm dich doch in acht!«

»O Lining, ich wollt ja nich -- ich soll bloß -- --« damit fiel der

fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum

hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände

in die Höhe.

»Was willst du, Hann?«

»O Paul -- Pauling -- nich wieder böse sein.«

»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben

ist?«

»Das nich, aber du sollst -- --«

»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.

»Du sollst mir das Buch geben.«

»Welches Buch?«

»Oh, die Bibel, Pauling.«

»Die Bibel?«

Für Schäfer Sturm!

»Was will der mit ihr?«

»Das darf ich dir nich sagen.«

Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren

Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes

und Eckiges.

»Hann --« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache

nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes,

Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann -- ich hab' dir nie was getan.«

»Ne -- ne,« schluckte der Junge.

»Mir kannst du alles sagen.«

In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und

diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann

widerstandslos.

Hann Klüth: Roman · 第 8 / 76 题