Der Erwartete war gekommen.
Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.
Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle
Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern
herabsanken.
Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich
frommer Gesinnung.
Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches
Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung
erzeugte.
Dieser war oben.
Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer
hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt
schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen,
während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf
das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube
herunterquoll.
Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen
Winde.
Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran
zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann,
hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See
erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem
Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen
suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst
verstorbenen Fischers wäre er dann stehen geblieben und hätte einen
Zettel auf dessen Hügel gelegt. -- Einen Zettel. -- »Denk' bloß, Lineken,
einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei
der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen
Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans
Tageslicht gefördert habe. -- Und richtig -- Line zuckte in der
Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor
sich hin -- als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das
Grab mit einem Schlag geöffnet und --
Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.
»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die
Hände aus.
Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann
polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.
»Au -- dummer Junge -- nimm dich doch in acht!«
»O Lining, ich wollt ja nich -- ich soll bloß -- --« damit fiel der
fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum
hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände
in die Höhe.
»Was willst du, Hann?«
»O Paul -- Pauling -- nich wieder böse sein.«
»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben
ist?«
»Das nich, aber du sollst -- --«
»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.
»Du sollst mir das Buch geben.«
»Welches Buch?«
»Oh, die Bibel, Pauling.«
»Die Bibel?«
Für Schäfer Sturm!
»Was will der mit ihr?«
»Das darf ich dir nich sagen.«
Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren
Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes
und Eckiges.
»Hann --« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache
nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes,
Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann -- ich hab' dir nie was getan.«
»Ne -- ne,« schluckte der Junge.
»Mir kannst du alles sagen.«
In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und
diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann
widerstandslos.