»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,
Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«
Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut
und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube
hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller,
ächzender Wehlaut.
»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die
Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. -- Ja, so is es in der Welt.
-- Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?«
Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune
Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen
zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her.
Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam
gewachsen.
Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen
und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend:
»Das is nich mein Vater.«
»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß
die Kleine recht hatte.
»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein
richtiger ist der Klabautermann.«
»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann
empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. -- »Huching --
Jochen, hast gehört? -- Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?«
Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen.
»Der Klabautermann?«
»Je.« -- Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten
Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine
Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.«
»Und von so einem bist du die Tochter?«
»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die
Kuchenhände an ihrer Schürze ab.
»O jeh -- o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste
zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann
endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut -- und zog sein
glattrasiertes Gesicht in hundert Falten -- und alle starrten sie auf
Line hin.
»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte
endlich Frau Dörthe.
Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.
»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand
beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.«
»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein
wenig triumphierend -- »Jochen, hast's woll gehört? -- Das is ja der oll
Lügenlotse hier. -- Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.«
»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das
kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln.
Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen.
Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes
Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten
und verlegen auf die Planken sahen.
Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden
ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den
Fingern in Gras und Erde herum.
»Was machst du da?«
»Er soll nich sterben! -- soll nich sterben,« raste die Kleine in
wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. -- »Wozu muß
denn gerade er sterben? -- Kann es nich Hann sein?«
Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn
auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.
»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich
überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das
einzigste Mittel.«
Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das
Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon
versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich
sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja
auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben
sie mich gefunden.«
Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue
Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches
und Merkwürdiges zugleich erspähe.
Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes,
Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in
diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke.
Unvermittelt fuhr sie empor.
»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder -- ich
will eins tanzen.«
»Was? Jochen, untersteh dich,« -- rief Frau Dörthe fassungslos dagegen,
»pfui, was für ein Gör -- ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so
was!«
»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie
Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße
herum.
Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!
Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer
ausklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine
begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um
die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu
ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte,
streckte sie drollig die Zunge heraus.
»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.
Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber,
und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern:
»Gurr -- gurr -- Klabautermann.«
Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte
sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer
und gründlicher Geist.
Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und
immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten,
hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.