Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.«

»Nein.«

»Der Schäfer -- will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll

Vating verschlucken.«

»Verschlucken?«

»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft.

»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der

Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf

dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an

sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen

Bewegungen.

»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So

-- so -- Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er

drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen

hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer

weiter.

Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten

nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich --

gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm

vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte.

Dabei betrat er schon die erste Stufe.

Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie

glimmende Punkte herausfunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und

sperrte ihm den Weg.

Er hätte über sie forttreten müssen.

»Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an.

»Nein -- erst gib Hann das Buch.«

»Was?« stotterte der Student.

»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und

schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern.

»Du verstehst das nicht -- der Schäfer kann hexen.«

»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam

es heiser von den Lippen des Studenten. -- »Aber das muß anders werden.

Und jetzt gleich laß los -- ich muß -- ich muß hinauf.«

Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite.

Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt.

Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.

Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder,

Bruno.

Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher,

dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der

Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt

werden, die dann die Zeit erfüllen soll!

Die Zeit!

»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib

doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.«

Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu

können.

»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst

aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit

anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein -- aber es soll doch

wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine

Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer

Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine

Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und

Hann -- Gott« -- er zuckte die Achseln -- »Hann ist es nicht so gegeben.

Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß

wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«

In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht

mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.

Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.

»Bruno -- Hann -- wo ist die Bibel? -- Wo?«

Ja, wo war sie?

Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor

dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.

In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.

»Line -- Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.

Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte,

Sprünge vernahm, duckte sie sich, und -- -- durch die entstehende

Türspalte steckte sie etwas hindurch.

»Da --«

Ihr Atem pfiff.

»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen.

Es war geschehen.

Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie

heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die

nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine

Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.

»Du -- du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe

-- aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir

vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte

nur.«

Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin

und her.

Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das

dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die

Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest

in die seinen blickten.

Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen.

Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.

Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür

des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten

Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen

Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!«

Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen

Strumpf hatte sie noch immer in den Händen.

* * *

»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus

den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen.

Hann Klüth: Roman · 第 9 / 76 题