Moorluke

I

»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf

schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis

laufen.«

»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken

und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen,

grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing,

weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber

wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.«

»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte

ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen.

»Aber ich hab' die Käfers gezählt -- hör', und nu brummt einer.«

An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.

»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich

soll wohl nun Licht anmachen?«

»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.«

»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn

nich höflich einladet, dann kommt er nich.«

Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke

rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf

zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er

beruhigter über die Decke. »Ja, ja -- nu kriechen die verfluchtigen

Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. -- Mudding, halt mir

das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. -- So -- sieh eins, wie dünn

sie geworden sünd.«

Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.

»Siehst du das Boot noch immer nicht?«

Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden

hinausging, und schüttelte den Kopf.

Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der

Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse.

»Mudding,« gellte der Kranke.

»Lieber Gott -- lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich

umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?«

Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren

Schlag.

Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein

Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und

heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund.

Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte,

hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst

du nicht,« verwies sie matt.

Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig

weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das

Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die

Stirn fielen. -- »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen -- »es wird

nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen

will's nich mehr -- kuck' -- das is ein Zeichen vom lieben Gott.«

»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete

wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an

dem grauen Strumpf weiter.

* * *

Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine

kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben bis unten mit

Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens

stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber

der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die

eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von

der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein

großes Stück heraufreichte.

In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts.

»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten

Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden

von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe

ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in

Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst

entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen

freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.

»Au, Mudding, das tut jo weh!«

»Das soll es ja auch. -- Man immer zu.«

Und das Karren ging weiter.

So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen,

fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu

kümmern, die Handharmonika.

Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man

verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer

Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren

Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach

dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß

Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und

nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz

einzigartig dastehe.

Hann Klüth: Roman · 第 6 / 76 题