Ein anderer junger Mann, welcher ebenfalls mit einem großen Wasserbruch

der rechten Seite behaftet war, hatte sich früher niemals zu der

Operation entschließen können. Die Hoffnung aber, durch Aether

empfindungslos zu werden, gab ihm jetzt den Muth, sich der Operation zu

unterziehen. Nachdem er vier Minuten lang die Dämpfe eingeathmet hatte,

machte ich den Schnitt. Der Kranke schrie dabei gewaltig auf und wollte

um sich schlagen, nachdem die Operation vorbei war. Es hatte für die

Anwesenden das Ansehen, als wenn der Pat. sehr gelitten hätte; er selbst

behauptete dies ebenfalls, hinterher aber verneinte er es und schob die

Schuld seines heftigen Betragens allein auf den Rausch.

* * * * *

Franz B., 21 Jahr alt, athmete 2 Minuten lang, schien völlig betäubt,

und die Operation des Wasserbruchs sollte so eben beginnen, als er

mit dem Oberkörper in die Höhe fuhr und mit geöffneten Augen und

freundlichem Blicke die Versammlung in der Klinik ansah. Er athmete dann

nochmals zwei Minuten und wurde wieder betäubt, doch fing er an, sich

auf den Operationstisch hin und her zu wälzen, und mehrere Menschen

mußten ihn halten, so daß ich nur mit einigen Schwierigkeiten den

Hautschnitt und die Eröffnung mehrerer großen Wasserbehälter, deren

Wandungen sehr verdickt waren, bewerkstelligen konnte. Nachdem das

Wasser abgeflossen, und die Wunde verbunden war, sagte der Patient, er

habe heftige Schmerzen empfunden.

_Zerstückelung des Blasensteins._

Hr. C. R. R. aus Dresden, ein kräftiger Mann in den 50er Jahren, litt

an verschiedenen Beschwerden, welche gewöhnlich den Blasenstein

zu begleiten pflegen. Da ich die Blase für gesund, den Stein nach

angestellter Untersuchung nicht für sehr groß hielt, so beschloß ich die

Zerstückelung desselben. Die große Reizbarkeit des Kranken hätte mich

fast bestimmen können, dem Steinschnitt den Vorzug zu geben, wenn der

Patient nicht seinen Widerwillen gegen die blutige Operation ausgedrückt

hätte. Die Aetherisation, welche ich theils wegen der Korpulenz

und Vollblütigkeit des Kranken, theils um nicht ganz die Empfindung

aufzuheben, nicht über 5 Minuten auszudehnen wagte, führte nur

theilweise Bewußtlosigkeit herbei. Dann brachte ich den Kateter ein

und injicirte einige Unzen Wasser in die Blase. Dies ging gut und ohne

Schmerzen von Statten. Schwieriger war die Einführung des Steinbrechers,

wobei der Patient Schmerzen verrieth. Nachdem das Instrument in der

Blase angelangt war, faßte ich den Stein sogleich. Derselbe zeigte, wie

das Maaß angab, in der Direction, in welcher ich ihn ergriffen hatte,

den Durchmesser einer großen Pflaume. Er ließ sich mit Leichtigkeit

zerbrechen. Hierauf öffnete ich das Instrument noch 5 Mal, ergriff

größere und kleinere Stücke des gesprengten Steines, welche ich

zermalmte, und zog dann den Apparat heraus, da jede zu lang ausgedehnte

Session höchst gefährlich ist. Der Kranke war der Meinung, vollkommenes

Schmerzgefühl gehabt zu haben, woran ich indessen zweifle. Nach der

Operation zeigte er sich vollkommen munter, verlor die ersten Steine

gegen Abend, und konnte schon nach einigen Tagen spazieren gehen.

* * * * *

Herr St. R. L. aus Schiefelbein, 64 Jahr alt, litt seit geraumer Zeit

an Steinbeschwerden. Er kam deshalb nach Berlin. Bei der Untersuchung

entdeckte ich einen Stein von mäßiger Größe. Dieserhalb und der normalen

Beschaffenheit der Blase wegen, zog ich die Zerstückelung des Steines

dem Schnitt vor. Nachdem der Kranke 3 Minuten lang ätherisirt worden

war, hörte die Empfindung und das Bewußtsein auf, so daß der Kateter

ohne Schmerz eingeführt, und einige Unzen Wasser eingespritzt werden

konnten. Dann zog ich den Kateter heraus und brachte eben so leicht

die Steinzange von Heurteloup ein, faßte, so wie ich dieselbe flach

niederlegte, den Stein sogleich in der linken Seite der Blase und

zerbrach ihn. Das Maaß gab einen Durchmesser des Steines von 8 Linien

an, doch war dies noch kein Beweis, daß ich ihn in seinem größten

Diameter gefaßt hatte. Ich ergriff noch zu 8 verschiedenen Malen, so oft

ich das Instrument aufthat, Stücke von 2, 3, 4 und 5 Linien, welche ich

zerbrach. Bei der ganzen Operation, welche 7 Minuten währte, gab der

Patient nur einige Male einen leisen Ton von sich, und als er erwachte,

lächelte er, war mit der Schmerzlosigkeit der Operation äußerst

zufrieden und klagte nicht über die geringste Empfindung in der Blase.

Noch an demselben Tage gingen mit dem hellen Wasser und dem Urin

Steinfragmente ab, eben so an den folgenden Tagen, wo das Befinden gut

blieb, so daß eine baldige Wiederholung der Zerstückelung der übrigen

Fragmente unternommen werden kann.

_Bruchoperationen._

Eine Frau von 40 Jahren, Mutter von zwölf Kindern, welche ich schon

vor ihrer Verheirathung durch die Operation von der Lebensgefahr eines

eingeklemmten Bruches befreit hatte, war so unglücklich, auch an

der linken Seite eine Brucheinklemmung und zwar die eines kleinen,

gefährlichen Schenkelbruches zu erleiden. Wie bei dieser Bruchart

überhaupt, welche wegen der Enge der Bruchpforte selten die

Zurückbringung ohne Operation gestattet, sondern dieselbe schnell

erfordert, um dem Brande vorzubeugen, so war auch hier wenig Aussicht,

die Einklemmung ohne operative Hülfe zu beseitigen. Alle bis dahin von

dem Hausarzte der Kranken, Hrn. Weidehaase, angewendeten Mittel und

Versuche, selbst die im Bade angewendete Taxis, waren fruchtlos gewesen.

Schon brach der dritte Tag der Einklemmung an, und die Gefahr war auf

das Höchste gestiegen; heftige Schmerzen im Unterleibe und anhaltendes

Erbrechen folterten die Kranke, und sie sehnte sich nun wirklich nach

der Operation.

Nachdem nur einige anscheinend ganz unwirksame Athemzüge aus der

Aetherflasche gethan waren, stieß die Kranke das Gefäß zurück und wollte

ohne Aether operirt sein. Ich glaubte auch, sie ohne diesen zu operiren,

aber indem sie hingelegt wurde, konnte ich die ganze, einige Minuten

dauernde Operation vollenden, ohne daß auch nur ein Schmerzenslaut

gehört worden war. Bei andauerndem Bewußtsein war hier also völlige

Gefühllosigkeit eingetreten. Der Bruchsack war äußerst dünn, wie

Postpapier, halb durchsichtig, die Darmschlinge noch von guter

Beschaffenheit, nur braunroth gefärbt und hatte die Größe einer Wallnuß.

Die Kranke wurde verbunden und ins Bette gebracht.

* * * * *

Eine 48jährige Frau kam mit einer dreitägigen, von den drohendsten

Symptomen begleiteten Einklemmung eines Schenkelbruches der linken

Seite in die Klinik. Alle vorher unternommenen Versuche, den Bruch

zurückzubringen, waren vergeblich gewesen, und jeder neue Versuch mußte

bei dem hohen Grade der Entzündung die Gefahr nur steigern. Ich nahm

daher die Operation vor, ließ die Kranke nur zwei Minuten Aetherdämpfe

athmen, worauf sie empfindungs- und bewußtlos da lag. Jetzt machte

ich den ersten Schnitt durch die Weichtheile und eröffnete dann den

Bruchsack. Die sich nun zeigende eingeklemmte Darmschlinge war schon

blauschwarz; sie wurde nach dem Einschneiden der Bruchpforte in die

Bauchhöhle zurückgeschoben, und dann die Wunde verbunden. Während der

ganzen Operation, welche freilich nur einige Augenblicke gedauert hatte,

gab die Kranke auch nicht das mindeste Zeichen von Schmerz, sie lag

regungslos da, ohne einen Laut von sich zu geben. Erst nachdem sie zu

Bette gebracht, und das Gesicht mit kaltem Wasser besprengt worden war,

kehrte das Bewußtsein zurück, und noch später überzeugte sie sich erst,

daß die Operation überstanden sei.

* * * * *

Ein wie ein Hühnerei großer, angewachsener Leistennetzbruch der

rechten Seite, welcher einige Male die Veranlassung zu gefährlichen

Darmeinklemmungen gegeben hatte, veranlaßte eine 34jährige Frau, sich in

die Klinik zu begeben, um sich der Operation zu unterziehen. Kaum hatte

sie vor derselben drei Minuten lang Aetherdämpfe eingeathmet, als

sie regungslos da lag. Ich spaltete die Haut und die auf dem Bruche

liegenden Theile, eröffnete den Bruchsack, schnitt das Netz ab, legte

den Verband an, und erst nachdem die Kranke in ihrem Bette fortgetragen

war, erfuhr sie, daß sie schon operirt worden sei. Sie selbst wußte

nichts davon.

* * * * *

Wittwe S., 61 Jahr alt, in der Klinik, athmete nur 2 Minuten lang und

verfiel in einen Zustand so sanfter Betäubung, wie man sich dieselbe bei

allen Operationen wünschen mögte, denn sie lag regungslos da, ohne daß

ihr Gesicht, der Athem und der Puls nur im mindesten besorgt machen

konnten. Hierauf begann ich die Operation eines merkwürdigen rechten

äußeren Leistenbruches, dessen bereits seit 5 Tagen bestehende

Einklemmung von Erbrechen und Stuhlverstopfung begleitet war. Die Haut

über der Geschwulst erschien geröthet, und die darunter liegenden Theile

fest und entzündet. Beim Hautschnitt zeigte sich dies noch deutlicher.

Nachdem eine dicke Bruchhülle gespalten und zurückgeschlagen war,

zeigte sich eine runde, aschgraue Geschwulst von der Größe einer kleinen

Wallnuß, welche einer brandigen Darmpartie ähnlich sah. Nachdem ich

diese eröffnet hatte, flossen einige Tropfen molkigen Wassers ab, und

kam ein dünnes, zersetztes, etwa einige Gran schweres Netzblättchen zu

Gesicht, nach dessen Entfernung eine kleine, seitlich zusammengefaltete

Darmwand von dunkelbrauner Farbe erschien. Ich nahm dann mit einem

schmalen, geknöpften Bruchmesser die Erweiterung der Bruchpforte vor

und konnte nun sogleich die Darmwand in die Bauchhöhle zurückschieben.

Hierauf wurde der vordere, am meisten verdickte Theil der Bruchhülle

mit der Scheere abgeschnitten, und die Wunde mit Charpie und Pflaster

verbunden. Bei der ganzen Operation hatte die Kranke sich nicht geregt,

durch keine Miene eine Schmerzempfindung verrathen oder einen Laut von

sich gegeben. Als sie erwachte, wußte sie nicht, daß sie schon operirt

worden sei.

* * * * *

Ein 42jähriger Arbeiter in einer Zuckerfabrik wurde in die Klinik

gebracht. Derselbe war seit Jahren mit einem rechten Schenkelbruch

behaftet, welcher sich früher schon eingeklemmt hatte, aber

zurückgebracht werden konnte. Der Kranke wurde jetzt durch ein neues

Hervortreten einer kleinen Darmpartie, welche seit 4 Tagen eingeklemmt

war, in die größte Lebensgefahr versetzt. Heftige Schmerzen im Leibe,

große Empfindlichkeit des Bruches und immer zunehmendes Erbrechen

machten die Operation um so dringender nöthig, als bei der schmerzhaften

Anschwellung des Bruches nicht mehr an eine Zurückbringung desselben zu

denken war, und durch jeden erfolglosen Versuch die Entzündung vermehrt

werden mußte. Nachdem der Kranke vier Minuten lang die Aetherdämpfe

eingeathmet hatte, wobei er in eine widerstrebende Aufgeregtheit

gerieth, stellte sich in dem Augenblicke, wo er empfindungslos wurde,

ein unangenehmer Rausch bei ihm ein. Er redete irre, warf sich hin und

her, wollte aufspringen und sich nicht operiren lassen. Dann legte er

sich wieder nieder, und während er wild und verworren sprach, machte ich

die Operation; ich durchschnitt die Weichtheile und fand einen

alten, harten, verdickten Bruchsack von der Größe einer Wallnuß. Der

Schenkelring war sehr eng, weshalb ich ihn vor der Eröffnung des Sackes

durch einen Einschnitt erweiterte. Hierauf öffnete ich den fleischigen,

blutreichen Bruchsack und schob die darin angeklebte, dem Brande nahe

Darmpartie in die Bauchhöhle zurück. Dann wurde der Kranke verbunden.

Auf mein Befragen, ob er Schmerzen bei der Operation gehabt habe? sagte

er: »fürchterliche«, und erzählte dann noch mit lallender Zunge, wie ein

Trunkener, von seinen ausgestandenen Leiden. Ganz glaubwürdig schien mir

dies aber nicht.

* * * * *

Wilhelm W., 1 Jahr alt, ein schöner, kräftiger, blonder Knabe, hatte

einen angebornen äußeren Leistenbruch der rechten Seite. Derselbe

war seit 24 Stunden eingeklemmt, und alle Versuche, denselben

zurückzubringen, vergebens gewesen. Die Bruchgeschwulst hatte die

Größe einer großen Pflaume, war prall, fest und sehr empfindlich.

Alle ferneren Repositionsversuche schienen gefährlich, weshalb ich

die Operation nach vorheriger Aetherisirung vornahm. Es dauerte aber 4

Minuten, bis das kräftige, stark schreiende Kind betäubt wurde. Nachdem

ich nun die Hautdecken gespalten hatte, eröffnete ich die den Darm

einschließende Scheidenhaut auf einer spitzigen Rinnsonde. Es floß

etwa eine Drachme violetten Blutwassers ab. In der vergrößerten Wunde

erschien jetzt die blauroth gefärbte, 3 Zoll große Dünndarmschlinge,

an deren Seite sich bereits einige blauschwarze, verdächtige Flecke

zeigten. Ungeachtet der Bruch ein angeborner war, war der Leistenring

äußerst eng, so daß der Darm dadurch wie durch ein fest umgelegtes Band

zusammengeschnürt wurde. Nachdem ich die Bruchpforte nach verschiedenen

Seiten eingeschnitten und dadurch erweitert hatte, gelang mir durch

sanfte Manipulationen erst nach einer Weile die Zurückbringung des

Darmes. -- Obgleich das Kind vollkommen betäubt wurde, so war in diesem

Falle die Aetherisation doch ohne alle Hülfe bei der Zurückbringung des

Darmes; ihr Nutzen war aber dennoch hoch anzuschlagen, weil das Kind von

alle dem, was mit ihm geschah, nichts fühlte. Erst einige Minuten nach

Beendigung der Operation und Anlegung des Verbandes kehrte Bewußtsein

und Empfindung zurück.

* * * * *

Mad. A., einige 40 Jahre alt, litt seit einer Reihe von Jahren an einem

linken Schenkelbruch. Der großen Empfindlichkeit des Bruches wegen

konnte sie kein Bruchband tragen, und ohne dieses trat der Bruch heraus.

Um die Gefahr einer Einklemmung abzuwenden und sie in den Stand

zu setzen, ein Bruchband tragen zu können, unternahm ich in

Uebereinstimmung mit ihrem Arzte, dem Hrn. Dr. Koner, die Operation.

Vorher athmete die zarte, reizbare Kranke einige Minuten die

Aetherdämpfe. Sie verlor danach das Bewußtsein keinesweges, doch schien

die Empfindlichkeit etwas abgestumpft zu sein. Nach Durchschneidung der

Weichgebilde und Eröffnung des Bruchsackes, fand sich dieser mit einer

klaren Flüssigkeit angefüllt, und auf seinem Grunde, am Rande des

Schenkelringes ein angewachsenes, hartes, kleines Netzstück, welches ich

abschnitt. Der Bruchsack wurde mit Charpie angefüllt, und die Wunde mit

Pflasterstreifen bedeckt. Die Kranke, welche bei der Operation keinen

Laut von sich gegeben hatte, war indessen der Meinung, den natürlichen

Grad des Schmerzes empfunden zu haben.

* * * * *

Bei nicht eingeklemmten Brüchen, welche durch ein gutes Bruchband

zurückgehalten werden können, bin ich gegen alles Operiren. Noch weit

mehr bei denen, welche nicht zurückgehalten werden können, weil es da

noch gefährlicher ist und noch weniger hilft. Ich sage wie Lawrence:

»Wer einen eingeklemmten Bruch hat, unterwirft sich der Operation, um

sein Leben zu retten. Derjenige aber, der sich einen nicht eingeklemmten

Bruch operiren läßt, setzt sein Leben auf das Spiel, um einiger

Beschwerden überhoben zu werden, und die Operation giebt ihm doch keine

andere Aussicht zur gänzlichen Heilung, als er auch ohne dieselbe gehabt

haben würde.« Die frühere Chirurgie zeigt uns eine grausenvolle Menge

von Todesfällen nach den Versuchen der radicalen Heilung der Brüche,

und die Ueberlebenden waren meistens nicht geheilt. Die Gerdy'sche

Invagination ist freilich minder gefährlich als manche andere Methode,

doch meistens ohne Erfolg, auch nicht ohne Todesfälle. Unzähligen

Personen, an denen die Operation in und außerhalb Deutschlands erfolglos

gemacht worden, und welche mich um Rath fragten, weil sie nicht geheilt

waren und nach wie vor ihr Bruchband trugen, sagte ich, sie sollten es

nur fort tragen. -- Ein junger Mann wollte mich einstens fast zwingen,

ihn zu operiren, aber ich wollte nicht. Darauf stieß er sich einen

gekrümmten Troikar in die Gegend des Bruches in dem Wahn ein, sich

selbst heilen zu können. Ich fand ihn in seinem Blute. Doch starb er

nicht. -- Einen ähnlichen Bruchpatienten mit zwei äußeren Leistenbrüchen

sollte ich kürzlich davon befreien. Diese Idee war bei dem

liebenswürdigen, braven, jungen Manne so fix geworden, daß er das Zimmer

nicht mehr verließ und immer hinter herabgelassenen Rouleaux saß. Nichts

vermochte ihn von seiner Hypochondrie zu heilen. Ich durchschnitt ihm

die krallenförmig zusammengezogenen, das Gehen erschwerenden Beugesehnen

der Zehen, -- er blieb immer bei seinen Brüchen. Nur die Furcht vor

Geistesstörung oder noch etwas Schlimmerem ließ mich endlich an die

unheimliche Invagination denken. Ich nahm diese zuerst an dem

rechten, größeren Bruche vor. Der Kranke ward nach fünf Minuten langem

Aetherisiren sehr unruhig, sprach verworren und versicherte nach

Beendigung der Operation, daß die Schmerzen sehr groß gewesen wären,

obgleich dieselbe nur in der Einschiebung einer Hautfalte in den

Leistenkanal und dem Anlegen einer Naht bestanden hatte.

Vierzehn Tage nach der Operation des Bruches an der rechten Seite, bei

der die Heilung durch Bildung eines Abscesses oberhalb der Leistengegend

gestört war, der indessen nach früher Eröffnung keine weiteren üblen

Folgen hatte, nahm ich die Operation an der linken Seite vor. Binnen

drei Minuten war der Patient vollkommen betäubt. Ich invaginirte die

Haut in dem Leistenkanal und befestigte sie mit einem Doppelstich,

wobei mittelst der Fadenschlinge ein Schwammstück mit in den

Kanal hineingezogen, und die Enden auswendig auf einem zweiten

zusammengeknüpft wurden. Dies war das Werk eines Augenblicks. Beim

Erwachen war der Kranke erstaunt, daß die Operation vorüber sei, von der

er diesmal nichts gefühlt hatte.

_Operation einer angebornen Phimose._

Ein 1½jähriger Knabe litt an einer angebornen Phimose. Des hohen Grades

des Uebels wegen sammelte sich der Urin hinter der Vorhaut, so daß diese

blasenförmig aufgetrieben wurde, worauf er dann in einem feinen Strahl

und zuletzt tropfenweise aus der haarfeinen Oeffnung abging. Da die

Operation nicht länger aufgeschoben werden konnte, so ätherisirte

ich das unruhige Kind durch Vorhalten eines mit Aether angefeuchteten

Schwamms. Nach anderthalb Minuten wurde es ruhig und schloß die Augen.

Beim Abschneiden der Spitze des Präputiums und bei der Spaltung der

inneren Lamelle ließ das Kind einen dumpfen Seufzer vernehmen, schien

übrigens nicht zu leiden.

_Operation eines Mastdarmpolypen._

Friedrich P., ein schöner, 5jähriger Knabe litt seit langer Zeit an

Blutungen aus dem Mastdarm, welche durch einen Polypen hervorgebracht

wurden. Nach 2 Minuten der Aethereinathmung wurde das Kind bewußtlos.

Ich führte einen Finger in den Mastdarm, brachte dann einen zwei Zoll

von der Oeffnung aufsitzenden Polypen von der Gestalt, Größe und Farbe

einer dunkelrothen Gartenerdbeere heraus und durchschnitt den dünnen,

sehnigen Stiel. Das Kind hatte von der Operation nichts gefühlt und kam

dann bald wieder zu sich.

_Operation eines Mastdarmvorfalls._

Ein fremder Herr, 57 Jahre alt, von kräftigem Körperbau, seit vielen

Jahren mit einem wie ein Hühnerei großen prolapsus ani behaftet, welcher

die Quelle unsäglicher, das Leben verbitternder Leiden geworden war,

entschloß sich zur Operation unter der Einwirkung der Aetherdämpfe. Der

Kranke athmete lange und tief, aber er wurde nicht betäubt, auch nicht

empfindungslos. Da dann in Folge des langen Einathmens das Gesicht

dunkelroth wurde, so ließ ich ihn aus Besorgniß, daß es zu viel werden

könnte, den Dunst nicht mehr einziehen; auch sagte er mir, »es wird

Ihnen nicht helfen, ich bin zu sehr an starke Getränke gewöhnt.« Ich

schnitt nach vorher durchgeführten Fäden aus den vorliegenden, zum

Theil entarteten Darmpartien, zwei große Keilstücke aus, vereinigte die

Wundränder, stillte dadurch die heftige Blutung und reponirte den Rest.

Obgleich sich der Aether hier anscheinend ganz unwirksam zeigte, und der

Kranke sich sehr über Schmerzen beklagte, so schienen mir dieselben doch

nicht in dem Grade stark zu sein, wie ich sie sonst bei dieser Operation

wahrgenommen hatte.

_Operation eines Panaritiums._

Dieser Fall ist durch das häufige Vorkommen des Uebels ohne alles

Interesse, merkwürdig dagegen durch den so unerhört schnellen Eintritt

der Betäubung. Eine Dame von einigen dreißig Jahren war seit 8 Tagen

durch ein Panaritium am linken Zeigefinger von den fürchterlichsten

Schmerzen, welche ihr den Schlaf raubten, gefoltert. Sie wollte nicht

einmal die Berührung des kranken Fingers erlauben, noch weniger sich

zu einem Einschnitt verstehen, obgleich ich ihr sonst den Verlust oder

wenigstens die Verkrümmung des Zeigefingers prophezeite. Als ich

ihr dann die vorherige Betäubung durch Aether empfahl, willigte sie

wenigstens darin, einen mit Aether befeuchteten Schwamm vor Mund und

Nase zu halten. Ich befeuchtete nun einen Schwamm von der Größe einer

großen Untertasse mit Aether, drückte denselben aus und ließ ihn

unmittelbar auf Mund und Nase legen. Zu meinem größten Erstaunen

trat schon nach 1/3 Minute völlige Empfindungslosigkeit mit gänzlich

aufgehobenem Bewußtsein ein. Alle Sinne, selbst das Gehör waren

aufgehoben, und der Puls äußerst langsam. Ich machte jetzt, ohne daß die

Kranke es nur im Geringsten merkte, an der einen Seite des Fingers einen

Einschnitt bis auf die Knochen, worauf sich eine Menge Eiter entleerte.

Noch immer lag die Kranke in tiefer Betäubung da, und erst nach dem

Besprengen mit kaltem Wasser öffnete sie die Augen und erhob sich, noch

in dem Glauben stehend, der Schnitt soll erst jetzt vorgenommen werden.

_Amputationen größerer Glieder._

August S., ein Mann von 39 Jahren, litt an einer cariösen Zerstörung der

Knochen der Handwurzel und Hand, welche keine Hoffnung auf Heilung mehr

zuließ. Nur die Amputation konnte dem Kranken noch das Leben retten.

Derselbe wurde zuvor ätherisirt. Es dauerte vier Minuten, bis Betäubung

eintrat. Ich machte die Cirkel-Amputation über dem Handgelenk. Weder

beim Durchschneiden der Haut, noch der Muskeln und der Durchsägung

der Knochen gab der Kranke ein Zeichen des Schmerzes von sich, er lag

regungslos da, und selbst die Unterbindung der Gefäße und das Anlegen

des Verbandes konnte vor dem Erwachen des Patienten vorgenommen

werden. Erst dann brach er nach einem Gestöhn in die Worte aus, er sei

betrunken, und wir Alle. Hierauf ward er wieder vollkommen verständig,

stieg, ohne daß er unterstützt werden wollte, vom Operationstisch. Als

ich ihn fragte, haben Sie Schmerzen gefühlt? »Nein. Ich habe zwar etwas

empfunden, aber keine Schmerzen, es war mir nur, als ob ich angefaßt

würde.«

* * * * *

Henriette W., 38 Jahre alt, von großem, kräftigem Körperbau, war mit

einem rechten Klumpfuß höheren Grades geboren. Das Uebel war nicht

geheilt und hatte Gelegenheit zu schwieliger Entartung des Fußes, zu

großen, callösen Fußgeschwüren und endlich zur speckigen Degeneration

des Unterschenkels gegeben. Das Glied hatte die Dicke und Form eines

Elephantenbeins und war nicht mehr zu heilen. Nur die Amputation konnte

allenfalls das Leben noch retten. Nach vier Minuten langem Einathmen

der Aetherdämpfe wurde die Patientin vollständig betäubt. Auf dem

Operationstisch liegend, den gesunden Fuß auf einen Stuhl gestützt, den

rechten von geübten Assistenten gehalten, machte ich den Cirkelschnitt

dicht über dem Kniegelenk; durchschnitt beim ersten Schnitt die Haut,

beim zweiten die dicken Muskeln mit einem Zuge, schob die Weichgebilde

mit meinem Retractor zurück und sägte den Knochen ab. Dies war das Werk

einiger Sekunden. Kein Laut des Schmerzes oder des Unbehagens vernahm

man dabei. Dann wurden die Arterien unterbunden, und der Verband

angelegt. Jetzt kehrte das Bewußtsein allmälig zurück. Die Kranke sprach

jetzt die Worte: »warum weckt ihr mich? wo war ich denn? es war so

schön, ich war in einem schönen Garten mit Blumen, warum habt ihr mich

denn aufgeweckt?« Sie blickte umher, machte eine schüttelnde Bewegung

mit dem Kopfe und sank gleichsam einschlummernd zurück. Sie wurde dann

vom Tisch ins Bette gelegt und auf ihr Zimmer gebracht.

_Sehnen- und Muskeldurchschneidungen._

Hermann B., 2½ Jahr alt, war mit einer rechten Klumphand des

höchsten Grades geboren. Vor der Operation athmete er 6 Minuten lang

Aetherdämpfe, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Bis dahin hatte

er fortwährend geschrieen, jetzt aber wurde die Stimme matter und

veränderte sich auch nicht weiter während der subcutanen Durchschneidung

der verkürzten Beugesehne der Handwurzel und Hand. Dann wurde der

Verband angelegt, wobei sich das Kind wieder munter zeigte.

* * * * *

Der Aether gegen den Schmerz · 第 12 / 13 段