Ein schöner, 2½jähriger Knabe aus V. wurde von seinen Eltern wegen einer

Entstellung des Gesichtes nach Berlin gebracht. Das Kind war mit einem

Wolfsrachen und doppelter Hasenscharte geboren, und schon theilweise

operirt, es war bereits der Zwischenkieferknochen entfernt, und die

Lippe vereinigt worden. Alles zeugte von der großen Geschicklichkeit des

Arztes, der die Verheilung der großen Spalte glücklich bewirkt und die

Bildung der häutigen Scheidewand der Nase, wie es auch recht war, bis

auf spätere Zeit verschoben hatte. Dieser Theil der Operation fiel mir

nun zu. Die Mutter wünschte, daß ich wegen der Heftigkeit ihres Kindes

den Schmerz durch Aether mindern mögte, woran ich keinen Anstand nahm.

Nachdem ich einen in Aether getauchten und wieder ausgedrückten Schwamm

einige Augenblicke demselben vor Mund und Nase gehalten hatte, hörte

das Kind auf zu schreien, legte den Kopf hintenüber und schloß die

Augen halb. Jetzt schnitt ich die narbige Mitte der Oberlippe durch zwei

Schnitte aus, formirte das Läppchen, welches die Nasenscheidewand bilden

sollte, und heftete die Theile durch blutige Nähte aneinander, so daß

eine ganz natürliche Form herauskam. Während der Operation schrie das

Kind mehrmals, ohne daß mir eine deutliche Schmerzempfindung klar wurde.

Als ich es dann mit kaltem Wasser besprengte, kam es wieder ganz

zu sich, und zeigte auch weiter keine Erscheinungen, welche einen

nachtheiligen Einfluß des Aethers ausdrückten.

* * * * *

Carl T., 7 Monat alt, war mit einer Hasenscharte der linken Seite

und Wolfsrachen geboren. Die Spalte erstreckte sich in die Nasenhöhle

hinein, den ganzen harten und weichen Gaumen hindurch und war sehr

breit. Die Nase war flach. Das Kind schrie heftig, erst nachdem es

3 Minuten lang ätherisirt worden war, wurde die Stimme verändert und

leise. Ich schnitt zuerst die Ränder der Lippenspalte ab, löste dann

die innere Fläche der Lippe vom Knochen und vereinigte die dadurch

nachgiebig gewordene Wunde mit drei umschlungenen Insectennadeln. Das

Gesicht hatte durch die Operation sogleich ein natürliches Aussehen

gewonnen. Den Schmerz schien das Kind bei der Operation nur undeutlich

empfunden zu haben.

_Operation des Lippenkrebses._

Herr L., 70 Jahr alt, sehr rüstig und jugendlich, litt an einem

aufgebrochenen Krebse an der Unterlippe. Er wurde vor der Operation 4

Minuten lang ätherisirt, worauf er unempfindlich schien. Ich schnitt

dann ein Vförmiges Stück aus der Lippe und vereinigte die Wundränder

durch drei umschlungene und zwei Knopf-Nähte. Der Kranke hatte nur eine

geringe Empfindung von der Operation gehabt.

* * * * *

Herr R. St. P., einige 50 Jahre alt, litt seit längerer Zeit an einer

verdächtigen Verhärtung der rechten Lippe und Wange. Schon früher war an

dieser Stelle eine ähnliche Geschwulst herausgeschnitten worden. Es

war kein Zweifel über die Bösartigkeit des Uebels vorhanden. Vor

der Operation ätherisirte ich den Kranken, es währte aber fast eine

Viertelstunde, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Dies schien mir genug.

Ich umgab das Kranke mit zwei durchdringenden Schnitten, welche einen

Keil bildeten, dessen breite Basis aus einem Theil der Oberlippe nahe

dem Mundwinkel bestand. Hierauf heftete ich die weite Mundspalte durch

6 Nähte zusammmen. Die Heilung erfolgte binnen wenigen Tagen auf

dem ersten Wege. Von dem Aetherrausch konnte ich nur die

Empfindungslosigkeit und eine gewisse Müdigkeit wahrnehmen. Der Kranke

schreibt über seinen eigenen Zustand Folgendes:

»Die Wirkung des Aethers äußerte sich bei mir zuerst in den Füßen; es

trat das Gefühl der Schwere ein. Allmälig umhüllte ein leichter Nebel

mein Empfindungsvermögen, ohne es aufzuheben, wovon mich wiederholte

kneipende Berührungen an der linken Hand und am Ohr überzeugten. Nach

etwa 5 Minuten war mein Empfindungsvermögen betäubt; Gehör, Gesicht und

Bewußtsein widerstanden noch, da fühlte ich, daß man meine Oberlippe und

Wange stark anspannte und daß zwei Schnitte durch sie hindurch geführt

wurden. Dies verursachte mir nur in der Mitte einen dumpfen Schmerz.

Das Zusammenfügen der Wundränder durch die Nadeln, das Durchziehen

der Fäden, habe ich empfunden, aber ohne Schmerz. Die Dauer der ganzen

Operation incl. Verband habe ich auf höchstens 10 Sekunden geschätzt.

Ich mag nicht entscheiden, ob die rasche Aufeinanderfolge der

Operationshandlungen mich verhindert hat, zum Bewußtsein des Schmerzes

zu kommen, oder ob der Zustand der Betäubung das Vermögen, den Schmerz

zu empfinden, aufgehoben hatte. Nachwehen der Betäubung habe ich weder

im Kopfe, noch Brust oder Extremitäten verspürt; das Ausströmen des

Aethers war aber nach 24 Stunden noch bemerkbar.«

~P.~

_Operation einer Speichelfistel._

Ein 29jähriger Mann hatte seit mehreren Jahren an Speichelfisteln der

linken Wange gelitten. Durch den längeren Gebrauch allgemeiner und

örtlicher Mittel war es gelungen, die beträchtliche Vergrößerung und

Verdickung der Wange zu heben und die Fisteln zur Heilung zu bringen.

Nur eine, und zwar die vorderste blieb offen und ergoß in anhaltender

Menge den Speichel, wodurch leicht ein Abzehrungs-Zustand herbeigeführt

werden konnte. Dem mußte durch die Operation vorgebeugt werden. Ich ließ

den Kranken zwei Minuten lang athmen, das Bewußtsein dauerte zwar fort,

aber Empfindungslosigkeit trat ein. Es war meine Absicht, die Fistel mit

ihrer harten Umgegend in Gestalt eines Myrthenblattes aus zu schneiden,

die äußere Wunde durch umschlungene Insectennadeln zu vereinigen und

durch die innere Oeffnung der Wunde, welche durch eine eingelegte

Charpiekugel an der Heilung verhindert werden sollte, einen neuen

Abzugskanal für den Speichel in die Mundhöhle anzulegen. Dies wurde mit

dem Eintritt der Empfindungslosigkeit leicht ausgeführt, und der Kranke

drückte bei der Operation keinen Schmerz aus, versicherte, auch als er

wieder ganz klar wurde, nichts gefühlt zu haben.

_Operation eines Sarcoms aus der Rachenhöhle._

Ein Herr von einigen 50 Jahren, von zarter, reizbarer Constitution, litt

an einer geschwürigen Degeneration, welche die untere linke Seite des

Gaumensegels, den Ort des Sitzes und den oberen Theil des Schlundes bis

zu einer beträchtlichen Tiefe einnahm. Von seinem früheren Arzte war das

Uebel schon ein Mal durch die Exstirpation glücklich entfernt worden,

doch hatte sich ein Recidiv eingestellt, welches die abermalige

Operation nöthig machte. Wegen des hohen Grades der Reizbarkeit des

Kranken und der Oertlichkeit des Uebels, welche eine starke Blutung

besorgen ließ, wollte ich die Empfindungslosigkeit nur durch einige

Aetherathemzüge etwas vermindern. Nachdem die Inhalation ein Paar

Minuten lang gedauert hatte, begann ich die Operation. Die Zunge

wurde stark niedergedrückt, ein langer Doppelhaken eingeführt, und der

unterste Theil der Geschwulst fixirt. Hierauf umschnitt ich dieselbe mit

einem geraden, abgerundeten Fistelmesser und vollendete die

Abtrennung in der Tiefe mit einem gekrümmten und geknöpften Pott'schen

Fistelmesser. Dann wurde noch nachträglich eine zurückgebliebene, harte

Partie mit einer langen, gekrümmten Scheere entfernt. Die Blutung war

mäßig. Der liebenswürdige Kranke, welcher die Operation mit größter

Ergebung ertragen, meinte, die volle Empfindung des Schmerzes gehabt

zu haben. Joh. Müller erklärte die exstirpirte Geschwulst nur für ein

Sarkom.

_Operation der Gaumenspalte._

Ein 26jähriger Mann von blühender Gesundheit und großem, kräftigem

Körperbau, ließ sich einer angeborenen Spaltung des Gaumens wegen in der

Klinik aufnehmen, um durch die Operation von der Mangelhaftigkeit seiner

Sprache befreiet zu werden. Auch bei dieser Operation, welche zu den

schwierigsten gehört, wünschte ich die Aetherdämpfe zu prüfen. Nachdem

der Kranke fünf Minuten lang die Aetherdämpfe eingeathmet hatte,

stellten sich plötzlich mit Sinken des Pulses bedenkliche Erscheinungen

ein. Die Augen wurden stier, Todtenblässe bedeckte das Gesicht, die

Lippen wurden blau, und blaue Flecken zeigten sich auf den Wangen.

Besprengen mit kaltem Wasser, Waschen der Stirn und allerlei

erfrischende, kühlende Mittel wendeten die Gefahr ab. Bei dem noch halb

Betäubten begann ich nun die Operation. Die Ränder der Gaumenspalte

wurden mit einem Häkchen festgehalten und mit einem schmalen Messerchen

abgeschnitten, dann vier Hefte von Bleidraht, mit Stahlspitzen versehen,

mittelst einer Gaumenzange durch die Wundränder hindurchgeführt, die

Spalte durch das Zusammendrehen der Drähte vollkommen geschlossen, und

die Enden dann kurz abgeschnitten. Ganz empfindungslos war der Kranke

bei der Operation nicht, doch war der Schmerz geringer, als er sonst

dabei zu sein pflegt.

_Operationen von Drüsengeschwülsten._

Ein junger, kräftiger, 22jähriger Garde-Husar, welchen Hr.

Regiments-Arzt Puhlmann wegen einer aus großen Drüsenconvoluten

bestehenden Anschwellung der linken Seite des Halses und Nackens, Behufs

der Operation in das Klinikum sendete, bedurfte während sieben Minuten

des Einathmens der Aetherdämpfe, um empfindungs- und bewußtlos zu

werden. Zwei von oben nach unten herabgeführte, mit den Anfangs- und

Endpunkten zusammentreffende tiefe Schnitte, faßten die entartete Haut

und die verdorbenen Drüsen zwischen sich. Dann wurde die Haut von beiden

Seiten abgelöst, die kranken Gebilde mit Doppelhaken gefaßt und aus der

Tiefe exstirpirt. Erst nach Stillung der Blutung und der Anwendung

des kalten Wassers erholte sich der Kranke. Er versicherte während

der Anlegung des Verbandes, daß er volles Bewußtsein bei der Operation

gehabt, und dieselbe gefühlt, aber nicht die Schmerzen empfunden zu

haben. Sechs Wochen nach der ersten Operation war noch eine Masse

überflüssiger und entarteter Haut des Halses und eine große verhärtete

Drüse am hinteren Rande des Kiefers zu entfernen. Der Kranke nahm das

Rohr an den Mund und athmete mit wahrer Gier ein. Nach 4 Minuten war

er vollkommen betäubt. Ich umgab die entartete Hautpartie mit zwei

convexen, anderthalb Finger langen Schnitten, ließ sie mit der

Hakenzange anziehen und schälte die Drüse mit dem Messer, in die Tiefe

dringend, aus. Dann wurde die starke Blutung gestillt, worauf der Kranke

erwachte und angab, abermals nichts gefühlt zu haben.

_Theilweise Resectionen der Kiefer._

Der 38jährige Carl L. litt seit Jahren an einem Knochenschwamm des

vorderen Theils des Oberkiefers, wodurch die Schneidezähne nach innen

gegen den harten Gaumen zu gedrängt waren. Die Oberlippe deckte die

Geschwulst nicht mehr, so daß ihr vorderer Theil zwischen den Lippen

hervorragte. Die Geschwulst fühlte sich knorpelhart an und war mit der

Schleimhaut des Mundes bekleidet. Nach einem 4 Minuten langen Einathmen

der Aetherdämpfe trat eine stumpfe Betäubung ein. Ich konnte nun den

wuchernden Theil des Oberkiefers mit der Säge und dem Messermeißel

wegnehmen, ohne daß der Kranke durch irgend eine Bewegung oder einen

Laut eine schmerzhafte Empfindung verrieth, weder das Geräusch der

Säge noch das Schlagen mit dem Hammer wurden empfunden. Dieselbe

Unempfindlichkeit dauerte bei der Anwendung des Glüheisens auf die

Knochenwunde und bei der Wegnahme eines nach innen umgekehrten Zahnes

fort. Nach vier Minuten, -- so lange währte die Operation, kam der

Patient wieder zu sich. Er schien sehr heiter gestimmt zu sein, denn

als ich ihn fragte, ob er Schmerzen empfunden habe, lächelte er, ohne zu

antworten.

* * * * *

Mad. G., eine zarte Dame, litt seit Jahren an einer Knochenauftreibung

der rechten Seite des Oberkiefers, welche bereits in cariöse Zerstörung

übergegangen war. Sie wollte sich der Operation nur unter der Bedingung

unterziehen, daß ich sie vorher ätherisirte. Dies geschah. Kaum hatte

sie einige Athemzüge gethan, als sie gleich einer Verklärten auf dem

Stuhle da saß. Mit einer kleinen Säge sägte ich den kranken Knochentheil

aus und stillte dann die Blutung. Die Kranke hatte bei der Operation

keinen Laut von sich gegeben und versicherte, nichts empfunden zu haben.

Auf meinen Wunsch gab sie mir eine Beschreibung ihres Zustandes, welche

gewiß vom höchsten Interesse ist, und für die ich derselben meinen Dank

hiermit abstatte.

»Trotz der großen Beängstigung hatte ich mir doch vorgenommen genau

aufzumerken, in welcher Art der Aetherrausch sich meiner bemächtigen

werde. Als ich den Schlauch an den Mund nahm, athmete ich zuerst nicht

stärker als gewöhnlich. Man sagte mir, dies reiche nicht hin, und

ich nahm nun stärkere Züge, die ich herunterschluckte, ohne daß ich

anfänglich irgend eine Wirkung auf meinen Körper bemerkte. Plötzlich

bekam ich ein Gefühl im Kopfe, als erweitere sich derselbe zu beiden

Seiten der Schläfen, und eine Müdigkeit befiel mich, die mir die Augen

schloß. Als ich dieselben öffnete, erkannte ich noch Alles und hörte

auch noch ganz deutlich. Indem ich sie aber wieder zumachte, war ich

wie in einem milden, gelblichen Lichtmeer. Ich sah noch einmal auf, sah

durchs Fenster den Tag und auf dem Fenster die Blumentöpfe. Von jetzt

an verstärkte sich die magische Helle vor den Augen; sie war nicht

imponirend, doch ungemein mild, klar und beruhigend. -- Ich empfand ein

ganz leises Auftupfen auf die rechte Hand, und hörte wie von fern her

die Frage des Hrn. Dieffenbach: »ob ich dies fühle?« Doch konnte ich

nicht mehr die Augen öffnen, und nur durch Zeichen es bejahen. Dann

hörte ich noch, wie dumpf verschollen, Bemerkungen der Aerzte, das Gehör

betreffend, (war jedoch im Stande, ihre Stimmen genau zu unterscheiden,)

und fühlte auch, daß ich unwillkürlich stöhnte. -- Doch hier hören meine

Beobachtungen auf. -- Ein Traum begann. -- Fortdauernd umflossen von

einer himmlischen Helle, umgab mich unbeschreibliche Ruhe, und eine

unnennbare Glückseligkeit und Zufriedenheit, der jeder irdische Wunsch,

jede menschliche Regung fern war, ergoß sich in meine Seele, die

zugleich ein unbestimmtes Gefühl, ich möchte es dem des Dankes am

nächsten stellen, empfand. Und wiederum war ich nicht unthätig, mir war,

als nahm ich großen Antheil an Etwas, das mich lebhaft interessirte,

ohne daß ich jetzt sagen könnte, welcher Art dies gewesen. -- Aber kein

leiser Anklang an Geschehenes, Vergangenes tauchte in mir auf, und den

tiefen, gottvollen Frieden störte nicht die entfernteste Rückerinneruug

an das Leben -- es war vergessen! -- Da schlug ich die matten Augen auf

-- ich war erwacht! -- Erst Verwunderung, dann ein Gefühl von Wehmuth

bemächtigte sich meiner, -- der schöne Traum war zerronnen! -- Ich wurde

mir bewußt, ich sei auf der Erde. Da hörte ich sprechen, sah die Herren

um mich, fühlte eine Art Druck im Munde und plötzlich fiel mir ein, daß

ich zu einer Operation mich gesetzt hatte! -- Aber die Instrumente waren

weg! Die Vorkehrungen waren beseitigt, und Blut an meinem Tuche bewies

mir, daß Alles geschehen sei. Mein Erstaunen war grenzenlos! -- Während

einer sonst gewiß sehr schmerzhaften Operation, vor der ich mich so

sehr geängstigt hatte, war ich ruhiger, glücklicher gewesen, als je eine

irdische Freude mich gemacht hat; während mein Körper den Leiden der

Erde unterworfen gewesen war, hatte meine Seele den Himmel geträumt! --

Von der Operation selbst hatte ich auch _nicht das Mindeste_ gefühlt!

Ich hatte weder Anfang noch Ende derselben bemerkt und keine einzige

unangenehme Empfindung gehabt. Jetzt fühlte ich mich matt, aber sonst

vollkommen wohl, nur waren meine Glieder etwas ungelenkig, und ob ich

gleich wieder ganz frei denken konnte, ging es mit dem Sprechen doch nur

langsam und schwach. Doch nach Verlauf einer Stunde war auch dies Alles

wieder zu seiner gehörigen Ordnung zurückgekehrt. Eigen und mir ganz

unbegreiflich ist noch, daß schon eine Weile vorher, ehe ich zum

Bewußtsein dessen kam, was um mich her vorging, ich Alles, was man von

mir wünschte, gethan haben soll, als: ein Glas gehalten, Wasser in den

Mund genommen u. s. w., dessen ich mich nachher durchaus nicht entsinnen

konnte.«

~M. G.~

* * * * *

Wilhelmine B., ein 16jähriges Bauermädchen, litt seit einer Reihe von

Jahren an einer enormen Auftreibung des Unterkiefers, welche die unteren

Seitentheile und den Kinntheil einnahm und eine große Kugelgeschwulst

bildete. Die Krankheit, welche Johannes Müller unter dem Namen

Enchondrom so schön beschrieben hat, ist nach meinen Erfahrungen schon

dadurch heilbar, daß man die überflüssige Masse fortnimmt, worauf der

erhaltene Theil, sich rückbildend, wieder die Festigkeit des Knochens

annimmt. Nachdem die Aetherdämpfe 4½ Minute lang eingeathmet waren, trat

vollkommene Betäubung ein, worauf die auf dem Operationstisch sitzende

Kranke niedergelegt wurde. Ich spaltete nun die Mitte der von der großen

Knochengeschwulst weit ausgedehnten Lippe und Kinnhaut, vom Rande

der ersteren an bis einen Zoll vor dem Kehlkopf, führte hier einen

Querschnitt, und trennte dann die Weichgebilde von beiden Seiten in der

Gestalt großer Lappen von der Geschwulst ab. Hierauf setzte ich an

ihre Basis eine Messersäge und umsägte dieselbe von allen Seiten. Dann

meißelte ich von den eingesägten Furchen aus den ganzen Tumor mit einem

starken, breiten Messermeißel ab. Nach Stillung der Blutung und Wegnahme

der scharfen Knochenränder mit einer Knochenscheere, vereinigte ich die

Wundränder der Weichtheile, durch zwölf, theils umschlungene, theils

Knopf-Nähte. Unter die Lippen auf dem Knochen wurde ein Bausch-Charpie

gelegt. Die Kranke hatte bei der ganzen Operation keinen Laut von sich

gegeben und war auch nach derselben noch halb betäubt. Sie hatte keine

Art von Schmerzen empfunden.

_Operation des Schielens._

Hr. N., Pharmaceut, schielte mit dem rechten Auge sehr stark nach innen,

und wünschte davon befreit zu werden. Seine Empfindlichkeit für den

Aether war so groß, daß er schon durch das Vorhalten von einem mit

Aether besprengten Schwamm binnen 3 Minuten bewußt- und empfindungslos

wurde. Ohne daß er sich im mindesten regte oder einen Laut von sich

gab, konnte ich beide Augenlidhalter unter die Augenlider bringen, diese

auseinanderziehen, die Bindehaut durchschneiden, den stumpfen Haken

unter den inneren Augenmuskel bringen und diesen durchschneiden. Nach

der Operation, welche etwa 1/4 Minute gedauert hatte, kam der junge Mann

bald wieder zu sich und gab an, keine Schmerzen empfunden zu haben.

* * * * *

Hr. Wilhelm E. schielte mit beiden Augen nach innen und wurde operirt,

indem ich den inneren geraden Augenmuskel durchschnitt. Die Operation

des linken Auges geschah ohne Aether, die des rechten mit demselben.

Ich fand keinen Unterschied in der Operation, sie war auf beiden Augen

gleich leicht und erforderte nur einige Augenblicke. Nach dem Erwachen

des Kranken, zu dessen Betäubung nur 1½ Minuten gehörten, gab er an, die

Operation des Auges, bei der er ätherisirt worden sei, gar nicht, die

andere nur wenig empfunden zu haben.

_Operationen von Wasserbrüchen._

Gottlieb L., 58 Jahr alt, mit einem großen Wasserbruch der rechten Seite

wurde drei Minuten lang ätherisirt, und dadurch völlig betäubt. Des

vorgerückten Alters wegen war die Radicaloperation hier unstatthaft,

und nur die Palliativoperation angezeigt. Weder beim Einstechen des

Troikars, noch beim Abfließen des Wassers, noch beim Herausziehen der

Röhre hatte der Kranke irgend eine schmerzhafte Empfindung.

* * * * *

Ein junger Engländer, welchem ich die Radikaloperation eines

Wasserbruches unter Einwirkung der Aetherdämpfe machte, schrieb darüber

Folgendes wörtlich nieder.

»Den 10. März 1847 sollte ich an einer Hydrocele von Dieffenbach operirt

werden. Da ich beschlossen hatte, vor der Operation die Aetherdämpfe

einzuathmen, um den Schmerz zu vermeiden, so versuchte ich schon den

Abend vorher dies Mittel, um seine Wirkung auf mich zu prüfen. Als

ich ungefähr drei oder vier Minuten in tiefen Zügen eingeathmet hatte,

verdunkelten sich allmälig meine Sinne, während mein Geist wach blieb.

Dabei ging eine seltsame Verwandlung mit mir vor. Ich konnte mich

durchaus nicht erinnern, wo oder in welchen Verhältnissen ich wäre,

und fühlte bloß das lebhafteste Verlangen, bald zu mir zu kommen, aus

Furcht, es möchte mir in diesem befremdlichen Zustande etwas zu Leide

geschehen (lest I should be kidnapped in this strange state). In der

Absicht, mich zu vertheidigen, bewegte ich Hände und Füße lebhaft,

konnte aber nicht den Mund öffnen, um laut zu schreien. Nach dem

Erwachen wußte ich, daß ich unruhig gewesen war, und da ich deshalb für

den Erfolg der Operation fürchtete, nahm ich mir vor, am nächsten Tage

alle meine Willenskraft anzuwenden, um mich so viel als möglich ruhig

zu verhalten. Merkwürdiger Weise hatte mein Entschluß den gewünschten

Erfolg. Als ich den folgenden Tag auf dem Operationstische den Aether

wieder einathmete, verschwanden mir eben so schnell wie gestern meine

Sinne. Obgleich das Einathmen dieser Luft mir unangenehm war, hätte ich

es doch länger fortsetzen können, wenn mir nicht der Zweck desselben

ganz entfallen wäre. So wünschte ich, davon befreit zu werden, und stieß

nach ungefähr drei Minuten den Apparat aus dem Munde. Ich fühlte

mich nun wie in einen Traum versetzt, ohne klare Vorstellung von dem

operirenden Arzte oder den Umherstehenden oder den Händen, die mich

hielten. Nur die Idee, daß ich operirt werden solle, lebte in mir fort

und veranlaßte mich zu dem Ausrufe, die Operation jetzt zu beginnen.

Es wurde der erste Schnitt gemacht, der mir sehr oberflächlich zu

sein schien und den ich deutlich fühlte, ohne daß dieses Gefühl etwas

Schmerzhaftes hatte. Beim zweiten Schnitte hatte ich den Gedanken, daß

das Messer sehr scharf wäre und sehr sanft einhergleite; auch sei

dieser Schnitt tiefer und dauere länger als der vorhergehende. Lebhaften

Schmerz fühlte ich auch hier nicht, fürchtete aber, mein Muth könnte

mich verlassen, wenn ein dritter und tieferer Schnitt folgen sollte,

und streckte deshalb meinen Arm aus, damit die Assistirenden mich halten

mögten, wenn ich unruhig würde. Allein ich fühlte nicht, daß Jemand

mich angefaßt hätte. Plötzlich erwachte ich und wollte über meinen

sonderbaren Traum lachen. Nur der Schmerz, den ich jetzt zu fühlen

anfing, überzeugte mich, daß ich wirklich operirt worden war.

Thomas Christie, st. phil. aus Glasgow.

* * * * *

Einem 23jährigen Manne wollte ich einen großen Wasserbruch der rechten

Seite operiren. Vorher ließ ich ihn Aetherdämpfe einathmen. Anfangs

stieg in Folge des beschwerlichen Einathmens der Puls um dreißig Schläge

in der Minute, dann wurde er allmälig langsam, und zugleich trat leichte

Betäubung ein. In diesem Zustande verdrehte der junge Mensch die

Augen schrecklich. Jetzt machte ich den Hautschnitt, wobei er stark

zusammenfuhr, und hierauf ließ ich das Wasser durch die Durchschneidung

der Scheidenhaut aus, wobei ein nochmaliges Zucken erfolgte. Nachdem er

das Bewußtsein wieder erlangt hatte, sagte er, er habe sich selbst wie

todt gefühlt, aber an den dunkel empfundenen Schmerzen gemerkt, daß er

noch lebe.

* * * * *

Gottfried M., einem 23jährigen, schlanken, großen Manne, mußte ich in

der Klinik einen großen Wasserbruch der rechten Seite operiren. Vorher

wurde er ätherisirt, athmete aber so schlecht, daß ich endlich davon

abstand, als der Kranke noch immer bei vollem Bewußtsein war, sprach und

ein natürliches Aussehen zeigte. Nachdem der Schnitt, wobei er gar nicht

zuckte, gemacht, und das Wasser abgelassen war, meinte er, nichts von

der Operation gefühlt zu haben.

* * * * *

Ein anderer Patient befand sich, nachdem er fünf Minuten die

Aetherdämpfe eingeathmet, in solcher Betäubung, daß man ihn

empfindungslos glauben konnte, und daß man mit der Einathmung aus

Besorgniß für ihn nicht fortzufahren wagte. Gleich beim ersten

Messerzuge benahm sich der Kranke wie ein Betrunkener, der einen Schmerz

im Taumel undeutlich fühlt; er bewegte machtlos die Arme und stieß

unzusammenhängende, unverständliche Laute hervor. So blieb sein Benehmen

während der ganzen Operation, und sagte er, zu sich gekommen, aus, daß

er den Schmerz zwar gefühlt habe, aber sehr dumpf, ohne zu wissen, wo,

und was eigentlich mit ihm geschehen.

* * * * *

Ein junger Mann mit einem Wasserbruch der linken Seite verfiel nach

einem fünf Minuten langen Einathmen der Dämpfe in einen einer Ohnmacht

ähnlichen Zustand, von höchster Erschlaffung des ganzen Körpers

begleitet. Nach der schnell vollführten Operation und der Anlegung des

Verbandes kam er wieder zu sich und drückte sein Erstaunen darüber aus,

daß die Operation, von welcher er nichts gefühlt habe, schon vorbei sei.

* * * * *

Der Aether gegen den Schmerz · 第 11 / 13 段