Herr Baudens hat also den Weg gebahnt, die Aetherbetäubung in die

Criminal-Justiz einzuführen. Vielleicht liegt diese Zeit nahe. Amerika,

das Land, aus dem der Aetherdunst zu uns als nützliche Entdeckung

herüber gekommen ist, hat dadurch die Schmach der Erfindung des

Pensylvanischen Schweigsystems noch keinesweges wieder gut gemacht.

Welche traurige Verirrung, welchen inneren Haß gegen die Menschheit,

welche Bosheit drückt es nicht aus, den Menschen des Wortes zum Menschen

zu berauben! Schon die Barbarei des Alterthums streifte an das moderne

Schweigsystem, indem es dem Verbrecher die Zunge ausriß oder ihn in eine

Nische einmauerte. Das sieben Schritte lange, drei Schritte breite Grab

des Lebenden, die zur Steigerung der Strafe gar gerundete Zelle,

um selbst dem Gedanken jeden Anhaltspunkt zu rauben, führt ihn noch

leichter zum Wahnsinn. Nicht der Anblick des blauen Himmels, der ewig

sich verändernden Formen der Wolken und der Himmelsgestirne ist

ihm vergönnt, sondern eine höhnische, stachelnde Helle, tausendfach

gebrochen durch ein zahllos facettirtes Glas, den Augen der Insekten

ähnlich, welche die Natur ihnen, um viel und weit zu sehen, gab, formte

der Mensch diesen nach, damit der Unglückliche dadurch geblendet,

_nicht_ sehe.

Wir sind auf einen schrecklichen Weg durch die gesteigerte Intelligenz

gerathen. Die Wirklichkeit eines peinlichen Justizbildes wäre die

folgende. Der eines Ansteckungsstoffs verdächtige Verbrecher wird in

der Vorhalle des Pensylvanischen Gefängnisses mit Chlordämpfen

ausgeräuchert. Hierauf gelangt er in die Aetherdunsthalle. Hier glätten

sich alle Falten seines Seelenlebens, und das, was an Leibes- und

Seelentrug in ihm ist thut sich frei vor dem Aether auf, worauf der

Unglückliche nach der Größe der Schuld entweder in der langen oder in

der runden Zelle büßt, bis ein willkommener Wahnsinn ihn von seinen

Qualen befreiet.

Ich habe hier nur meinen Abscheu gegen das Pensylvanische

Gefängnißsystem, welches ich in England näher kennen lernte, ausdrücken

wollen. Da man dort so eben davon zurückkommen will, wird man es bei uns

wohl einführen!

Von der Anziehungskraft des Aetherrausches.

Der höchst verführerische Aetherrausch, welchen bereits viele Gesunde

aus Wißbegierde oder Vorwitz gekostet haben, scheint seine mächtige

Anziehungskraft immer mehr und allgemeiner zu äußern. Kranke, welche

unter Anwendung des Aethers operirt waren, sehnten sich häufig nach der

empfundenen Seeligkeit zurück, so daß ich mehrmals die Aeußerung hörte,

sie würden sich noch ein Mal einer Operation unterziehen, wenn es mit

Aether geschehen könnte. Diese Beobachtung ist auch von anderen Aerzten

gemacht worden. So drückt sich Kronser in seiner Schrift höchst naiv

über diese Aetherleidenschaft folgendermaßen aus: »Da früher oder

später nachtheilige Folgen bei wiederholtem Gebrauche des Aethers

begreiflicherweise eintreten müssen, so ist in Rücksicht dessen schon,

weil er wegen des Vorzugs, den vom Taback gesuchten Genuß, in noch

schnellerem, höherem und angenehmerem Grade zu versetzen, so leicht und

billig erlangt werden kann, es also auch ein Nachtheil, denn da mit

6 Kreuzer C.-M. Schwefel-Aether, und dem Apparat 10 Kr. C.-M., die

Auslagen gemacht sind, so dürfte derselbe allzuleicht zu schädlichem

Mißbrauch verleiten.«

Eine neue Leidenschaft, ähnlich der der Opiumesser in China, steht

uns also bevor. Aber noch Traurigeres sehen wir im Hintergrunde,

den Selbstmord durch Aether. Er wird wahrscheinlich den grausigen,

freiwilligen Eisenbahntod bald verdrängen. Ist doch der Mensch immer so

sinnreich und grausam in der Selbstvernichtung. Er trinkt mit Begierde

Schwefelsäure, er verschlingt Arsenik, er ißt Glasstücke, er stürzt sich

von Höhen herab, um sich zu zerschmettern, er wirft sich ins Wasser, er

sprengt sich den Schädel, er erstickt sich mit Kohlendampf -- wir sind

beim Aetherdampf angelangt. Er wird sein Gesicht mit einem mit

Aether getränkten Schwamm bedecken und, in seelige Träume eingewiegt,

hinübereilen!

In die Hand des Verbrechers ist ein neuer Dolch in dem Aether gegeben.

Der Verbrecher sucht immer neue Bahnen, und im Aether wird er Mittel

gegen Eigenthum, Person und Leben Anderer finden. Kronser fürchtet,

man könne einen durch Aether Betäubten davon tragen, um sich seiner

zu bemächtigen. Eine in ein kleines Gemach ausgeschüttete Flasche mit

Aether würde eine ganze sanft schlummernde Familie entweder betäuben

oder tödten; die freigelassenen und angezündeten Aetherdämpfe werden den

Raubmörder zum Brandmörder machen. Ist doch bereits die Kunde vom Aether

in die einsamsten Gefängnisse gedrungen, und hat nicht schon ein in

Frankreich zum Tode verurtheilter Verbrecher um die Gnade, vor der

Execution ätherisirt zu werden, angehalten?

Diese Besorgnisse mögten jedoch nur Träume sein. Immer aber wäre es zu

rathen, den Aether den gefährlichsten Giften gleichzustellen und nicht

bloß das Aetherisiren unbefugten Personen zu verbieten, sondern auch

den Aether selbst dem großen Haufen zu versagen und denselben nur

heilkundigen Männern nach ihrer Vorschrift zu verabfolgen. In mehreren

Staaten sind in dieser Beziehung bereits lobenswerthe Verordnungen

erlassen.

Von der wahrscheinlichen Aehnlichkeit des Aetherrausches mit dem

Sterben.

Das Ende dieses Lebens ist der Tod. Um dahin zu gelangen, müssen wir

sterben. Im Sterben sind wir noch halb auf dieser, halb schon in jener

Welt. Der Mensch fürchtet den Tod nur des Sterbens wegen als etwas

Entsetzliches, als etwas Qualvolles. Die Aetherbetäubung giebt hierüber

herrliche Aufschlüsse, sie ist ein Sterben mit Rückkehr zu diesem Leben.

Im Aetherrausch spiegeln sich die verschiedensten Formen des Sterbens

ab, vom sanften Hinüberschlummern mit seeligem Blick bis zum Ausdruck

des wildesten Widerstrebens. Aber selbst dieser so schmerzlich

scheinende Zustand ist wie das Sterben oft von den angenehmsten

Empfindungen begleitet, und was äußerlich schrecklich erscheint, ist

nur ein Spiel der Muskeln und das Röcheln nur ein mechanisches

Athmungsgeräusch.

Chirurgische Operationen, welche ich unter Anwendung der Aetherdämpfe

vorgenommen habe.

Schon zu Anfang dieses Jahres erfuhr ich von England aus die

Jackson'sche Entdeckung, und bald darauf erhielt ich von Frankreich aus

die Bestätigung der schmerzstillenden Eigenschaften der eingeathmeten

Aetherdämpfe bei chirurgischen Operationen. Die Sache, welche mit

allerlei Uebertreibungen ausgeschmückt war, schien mir aber mancherlei

Bedenken zu haben und von so ernster Art zu sein, so gegen alle

bewährten medizinischen und chirurgischen Grundsätze und Erfahrungen zu

sprechen, daß ich mich nicht sobald zur Nachahmung entschließen

konnte. Ich wollte lieber der letzte als der erste Nachfolger in einer

Lebensfrage der leidenden Menschheit sein. Nachdem indessen Männer wie

Liston, Key, Roux, Velpeau u. A. glückliche Erfolge berichteten, nachdem

auch aus mehreren Gegenden unseres Vaterlandes immer mehr günstige

Nachrichten sich verbreiteten, entschloß ich mich, ich kann wohl

sagen, mit einigem Widerstreben, zur näheren Prüfung der Wirkung der

Aetherdämpfe und dann zu ihrer Anwendung bei chirurgischen Operationen.

Die indessen bald darauf eintretenden Ferien unterbrachen die in der

Klinik begonnenen Operationen unter Aether, so daß ich einstweilen nur

an Privatkranken beobachten konnte. Bei diesen Operationen standen mir

mit größter Aufmerksamkeit die Doctoren Holthoff, Völker, Reiche, Hr.

Hildebrandt und Dr. Meyer bei. In der Klinik kann ich nicht genug

den Eifer und die Theilnahme rühmen, welche der Herr Sanitätsrath

Angelstein, so wie die Doctoren Steinrück, La Pierre und Schuft

bezeugten, wie unermüdlich sie in ihren Beobachtungen bei und nach den

Operationen waren, um den Kranken jede Erleichterung zu gewähren und

durch sorgfältige Beobachtung die Wissenschaft zu bereichern.

Ich bediente mich in der ersten Zeit complicirter französischer Apparate

mit Ventilen, fand aber bald einen einfacheren, wie derselbe oben

beschrieben worden, bei weitem zweckmäßiger. Bei dem Einathmen der

Dämpfe wurde die größte Vorsicht angewendet, und niemals das Einathmen

bis zur Asphyxie fortgesetzt, so daß kein Menschenleben gefährdet wurde.

Von dem angerathenen Probeathmen kam ich indessen bald zurück, weil es

öfter trügerische Resultate gab und die späteren Aethereinathmungen

oft ganz andere Zufälle zur Folge hatten als die früheren. Von

mehrmonatlichen Kindern bis zum höheren Alter hinauf habe ich

chirurgische Operationen mit Aether gemacht; aber niemals bei Personen,

deren Constitution das neue Mittel verbot, wie bei Anlage zu Schlagfluß,

bei Reizbarkeit der Luftröhre und der Lunge, bei Schwächlichen welche zu

Blutflüssen hinneigten und s. w. Ausgeschlossen wurden auch diejenigen

Operationen, welche ihrer Kleinheit und schnelleren Ausführung wegen

nicht auf Aether Anspruch machen konnten, so wie mehrere so große,

daß die zu besorgende große Blutung und Erschöpfung nur durch die

Aethereinathmungen vermehrt werden könnten. Auch aus örtlichen

Rücksichten operirte ich nicht mit Aether so wie z. B. in einigen Fällen

mit großen Rachenpolypen wegen zu befürchtender Erstickungsgefahr.

Die Krankengeschichten sind lebende Bilder zu dieser Schrift; einigen

ist eine besondere Zierde durch eigene schöne Schilderung des Zustandes

der Kranken ihres Aetherrausches geworden. Vielleicht finden Aerzte

darin Einiges, welches Ihnen der Beachtung werth erscheint.

_Ausziehen einer Messerklinge aus der Hand._

Louis Schneider, ein 27jähriger, kräftiger Mann, kam mit der

angeschwollenen, unbrauchbaren rechten Hand in die Klinik. Er sagte, er

sei vor 3 Jahren mit einem spitzigen Tischmesser in der Hand gefallen,

das Messer sei nicht weit vom Griff abgebrochen, und auf dem Rücken der

Hand, nahe am Zeigefinger, habe sich eine Wunde vorgefunden, welche

bald darauf geheilt sei. An dieser Stelle befand sich jetzt eine kleine

eiternde Oeffnung, durch welche man mit der Sonde auf einen harten

Körper stieß. Ich zweifelte nicht, daß die Klinge noch in der Hand und

zwar zum Theil in dem Metacarpalknochen des Zeigefingers stecke und in

schräger Richtung bis zur Handwurzel hinreiche. Der Mann wurde nun durch

Aetherdämpfe betäubt. Das geschah binnen 4 Minuten vollständig. Anfangs

war der Rausch wild, er riß die Augen auf, schrie und zeigte sich

unbändig. Auf sanftes Zureden wurde er ruhiger, schloß die Augen wieder,

und ich konnte die Operation anfangen. Ein Assistent hielt die Hand

gut fest. Hierauf vergrößerte ich die Fistelöffnung bis zu einem Zoll,

führte die Schnäbel einer starken, geraden Zange, womit die oberen

Schneidezähne ausgezogen werden, ein, faßte den Rand der Klinge am

Bruchende und zog dieselbe erst nach großer Anstrengung, da sie durch

ihre verrostete Oberfläche im Knochen festgehalten wurde, aus. Sie hatte

die Länge eines kleinen Fingers, war schwarzblau und an beiden Seiten

corrodirt. Bei dem ganzen gewaltsamen Akt des Herausziehens verhielt

sich der Kranke ruhig und nachdem er wieder zu sich gekommen war, konnte

er sich nur undeutlich des ganzen Vorganges erinnern. Die Wunde wurde

dann mit Pflasterstreifen verbunden.

_Operationen an der Brust._

Das 30jährige Fräulein L., von zartem Körperbau, war vor einem Jahre von

einer skirrhösen Drüsengeschwulst von der Größe eines Hühnereies, welche

ihren Sitz zwischen der linken Brust und der Achselhöhle hatte, befreit

worden. Ungeachtet einer sorgfältigen Nachbehandlung hatte sich in der

Nähe der Stelle, an welcher früher die Operation gemacht worden war,

eine neue, steinharte Geschwulst von derselben Größe gebildet, welche

aller angewendeten Mittel, des Zittmann'schen Decocts, des Jods, der

äußerlichen Einreibungen und der Blutegel ungeachtet, immer stärker

wurde, so daß ich der Kranken zu einer neuen Operation rieth, als an

einer Stelle der Aufbruch sich vorbereitete.

Nachdem die Kranke vor der Operation drei Minuten die Aetherdämpfe

eingeathmet hatte, wobei der Puls anfangs schneller, dann wieder

langsam, das Athmen tief und kräftig wurde, schien sie betäubt zu sein.

Ich umgab die Geschwulst nun mit zwei länglichen, in spitzen Winkeln

zusammenlaufenden Schnitten, und trennte sie dann vom äußeren Rande des

großen Brustmuskels los. Während der nur einige Augenblicke dauernden

Operation gab die Kranke keinen Laut von sich, kniff aber die Hände

krampfhaft zusammen; dann rollte sie die halb geschlossenen Augen

nach oben, seufzte einigemal tief, zeigte übrigens keine bedenklichen

Erscheinungen. Die Wirkungen des Aethers waren schnell vorübergehend,

denn nach dem Bedecken der Wunde und dem Zubettebringen war das

Bewußtsein wieder klar, nur die Abspannung noch sehr groß. Die Kranke

beschrieb das, was sie empfunden, mit eigenen Worten folgendermaßen.

»Als ich mich zum Einathmen des Aethers anschickte, nahm ich mir fest

vor, so ruhig wie möglich einzuathmen. Sobald mir der Schlauch an den

Mund gebracht wurde, sog ich den Aetherdunst gleich so heftig ein, daß

ich nach dem ersten Athemzuge glaubte, es würde mir unmöglich sein,

ruhig fortzuathmen. Ich fühlte, wie der Aether in alle Theile der Brust

und des Kopfes drang und im Kopfe ein eigenthümliches Sumsen, fast

Klingeln, erregte und daß, obgleich mein Bewußtsein noch vollkommen

klar war, bald Betäubung erfolgen müsse. Da mir gesagt wurde, nicht mit

solcher Heftigkeit einzuathmen, so machte ich es langsamer. Der Athem

wurde mir nun immer kürzer, mein Bewußtsein blieb aber noch vollkommen

klar, bis plötzlich eine gewisse Umnebelung meiner Sinne eintrat.

Dennoch hörte ich jedes Wort, welches die Umstehenden sprachen, ich

unterschied auch, wer sprach. Mit der größten Aufmerksamkeit achtete ich

auf meinen Zustand und fühlte deutlich, daß ich bald bewußtlos werden

würde. Meine Gedanken verwirrten sich aber nicht im Geringsten, auch

verursachte mir das Einathmen jetzt keine Unbequemlichkeiten oder

Schmerzen. Jetzt fühlte ich, daß man mich langsam auf die Matratze

niederlegte und dachte dabei, nun wird das Bewußtsein verschwinden.

Meine Angst war aber ganz vorüber. Wie lange es währte, bis ich

bewußtlos wurde, konnte ich nicht beurtheilen, noch weniger wie lange

die Bewußtlosigkeit anhielt. Ich hatte keine Träume und als ich wieder

zu mir kam, hörte ich zuerst die Stimme des Hrn. D. Ich war nun sogleich

bei vollkommenem Bewußtsein, aber meine Empfindung kehrte erst etwas

später zurück. Alle Schrecken der Operation traten erst jetzt vor meine

Seele, denn ich glaubte, sie solle erst geschehen, ich vermogte nicht zu

sprechen oder mich zu bewegen, nicht einmal die Augen zu öffnen. In dem

Augenblicke fühlte ich einen Ruck im Arm und ich glaubte das wäre die

Operation, doch war diese schon vorüber, und ich stieß einen lauten

Schrei aus, daß ich selbst darüber erschrak. Jener Schmerz rührte aber

nur von einer Bewegung des Armes her. Jetzt hörte ich sagen: »es ist

noch eine Ader zu unterbinden«, worauf ich es wagte, die Augen zu

öffnen. Ich muß also von der Operation gar nichts gefühlt haben und ich

sehe wohl ein, daß der Aether mich gegen die Schmerzen der Operation

unempfindlich machte. Nachdem ich wieder aufgerichtet war, fühlte ich

weder Schwindel noch Schmerzen und mich frei von jedem Unbehagen.«

~L. L.~

* * * * *

Mad. S., die Frau eines fremden Kaufmannes, 32 Jahr alt, kam einer

bösartigen Krankheit der rechten Brust wegen nach Berlin. Vergebens

hatte die Kunst bis dahin alle Mittel erschöpft, die glückliche Mutter

blühender Kinder wollte um jeden Preis leben, und der gräßliche Anblick

einer kindskopfgroßen, an mehreren Stellen aufgebrochenen Brustdrüse mit

champignonartigen, rothen Wucherungen zeigte deutlich die Natur eines

bösartigen Schwammes. Ich konnte mich anfangs nicht zu der Operation

entschließen und nahm dieselbe, weniger durch das Flehen der Kranken,

als durch die nach einer längeren Zittmann'schen Cur herbeigeführte

Erschlaffung des kranken Gebildes bewogen, vor.

Nach vier Minuten langem Einathmen der Aetherdämpfe zeigte die Kranke

keine Empfindung mehr. Jetzt begann ich die Operation, indem ich in

weiten Grenzen die kranke Brust und die stellenweis zerstörte Umgebung

umschnitt und dann die enorme Geschwulst von den darunter liegenden

Theilen ablöste. Die Blutung dabei war außerordentlich stark, und

eine Menge krankhaft erweiterter Pulsadern überschütteten mich und die

Gehülfen mit einem blutigen Regen, wobei ich aufs deutlichste bemerkte,

daß das arterielle Blut sich kaum in seiner Färbung von dem aus dem

Gewebe und den großen durchschnittenen Venen hervorquellenden dunklen

Blute unterschied. Unter der Operation stieß die Arme leise, gegen

das Ende derselben laute Klagetöne aus, doch beim Erwachen aus dem

Aetherschlaf versicherte sie, nichts von der Operation empfunden zu

haben. Sie wurde dann verbunden und ins Bette gebracht. Außer mehreren

jungen Aerzten war Hr. Reg.-A. Dr. Müller und Hr. Dr. Jäger bei der

Operation zugegen.

* * * * *

Einer Dame von mittleren Jahren exstirpirte ich eine bösartige

Geschwulst von der Größe einer starken Faust aus der rechten Brust.

Die Patientin war sehr ängstlich. Der Puls hatte unmittelbar vor der

Operation 100 Schläge. Das Einathmen der Aetherdämpfe geschah ohne

alle Beschwerde. Die ersten Züge verursachten leichtes Husten. Die

Pulsfrequenz der ersten Minute betrug 110, und stieg in der zweiten bis

auf 130 Schläge. Die Kranke fühlte jede irgend empfindbare Berührung

ihres Körpers, beantwortete die an sie gerichteten Fragen, und zeigte im

Ausdruck und in der Farbe des Gesichts nicht die geringste Veränderung.

In der dritten Minute sank der Puls auf 120. Die Augen waren

geschlossen, ihr Gesicht jetzt ein wenig mehr geröthet. In der darauf

folgenden vierten Minute fiel der Puls bis auf die Zahl von 100

Schlägen, die er vor dem Beginne der Aethereinathmung gehabt hatte;

Empfindung und Bewußtsein der Patientin waren erloschen. Während der

Operation, welche ich in der Art ausführte, daß ich die Verhärtung mit

zwei ovalen Schnitten umgab und dann vom Grunde löste, verrieth die

Kranke keine Empfindung des Schmerzes. Ein unbestimmter, weder der

Freude noch dem Schmerze angehörender Ton und eine instinktmäßige

Bewegung der Hand nach dem leidenden Orte hin waren die einzigen

Regungen. Die Bewußtlosigkeit dauerte noch einige Augenblicke nach der

Operation fort. Sie richtete mit geschlossenen Augen ihren Oberkörper

etwas in die Höhe und bemühte sich, mit der Hand nach der Wunde zu

fassen. Das Gesicht zeigte hierbei jene eigenthümliche Mischung von Lust

und Schmerz, wie man sie oft in den Zügen der Aetherisirten beobachtet.

Erst nachdem die Wunde verbunden war, konnte man ihr die Ueberzeugung

verschaffen, daß die Operation bereits geschehen sei. Die Kranke

schrieb in Bezug auf die Operation Folgendes. »Nachdem ich den Aether

eingeathmet hatte, fühlte ich, daß man mich niederlegte. Ich habe weder

die Operation noch einen Schmerz empfunden, doch fühlte ich, daß das

Blut warm herabfloß, auch daß man die Adern zuband. Nach der Zeit war

ich bei vollem Bewußtsein. In meinem bewußtlosen Zustande habe ich weder

Träume gehabt, noch sind mir Bilder vorgekommen.«

~J. H.~

* * * * *

Eine Dame in den vierziger Jahren, seit längerer Zeit an einer

schmerzhaften Vergrößerung der linken Brust leidend, gegen welche die

ausgezeichnete Behandlung der Aerzte fruchtlos gewesen war, kam nach

Berlin. Die Brust von kugelrunder Gestalt und der Größe eines kleinen

Kindskopfes war mit ihrem Grunde nur locker zusammenhängend und zeigte

sich bei der Untersuchung elastisch. Auf der Oberfläche sah man einige

ausgedehnte Venen bläulich durch die Haut hindurchschimmern. Die Haut

selbst war durch den beträchtlichen Umfang der Geschwulst zwar

sehr verdünnt, übrigens aber gesund. Die Achseldrüsen waren nicht

angeschwollen. Die Kranke von zarter Constitution und einem höchst

reizbaren Nervensystem wünschte bei der Operation dringend die Anwendung

der Aetherdämpfe. Eine am Tage zuvor angestellte Prüfung mit dem Mittel

erzeugte schon binnen einer Minute einen fast bewußtlosen Zustand,

welcher nach einigen Minuten wieder verschwand.

Diese erfreuliche Erscheinung belebte den Muth der durch langes

Leiden tief erschütterten Kranken und ließ sie hoffnungsvoll auf die

vorzunehmende Operation hinblicken. Der verhängnißvolle Tag brach an.

Geh. Rath Busch, der Arzt der Kranken, und mehrere junge Aerzte waren

bei der Operation zugegen. Diesmal gelang das Aetherisiren nicht so gut

wie vorher, und es dauerte zehn volle Minuten, während welcher Zeit sich

die Kranke mehrmals erbrach, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Der Puls

hatte 18 Schläge in 1/4 Minute. Anfangs war die Kranke sehr aufgeregt,

und mehrere Ausbrüche heftiger Leidenschaftlichkeit mit schnellem,

gereiztem Pulse, wildem Blicke, Zurückstoßen der helfenden Hände der

Aerzte veranlaßten uns, den Sturm erst vorübergehen zu lassen. Mit dem

Eintritt einiger Ruhe, bei 15 Pulsschlägen in 1/4 Minute, begann ich die

Operation, welche in einigen Augenblicken vollendet war; dabei erfolgte

öfteres starkes Aufstoßen und Erbrechen wie in der Trunkenheit, worauf

nach Bedecken der Wunde die Kranke in ihr Bett gebracht wurde. Wo bin

ich? sagte sie dann mit Heftigkeit, indem sie die Augen wieder öffnete,

was soll mit mir geschehen? Wir beruhigten sie, daß Alles vorüber sei.

Sie wollte dies aber durchaus nicht glauben und widersprach lebhaft.

Erst die Untersuchung mit der eigenen Hand überzeugte sie, daß sie

wirklich die Operation überstanden, und ohne das Mindeste davon gefühlt

zu haben.

* * * * *

Bei einer Dame von einigen 40 Jahren hatte sich seit geraumer Zeit

zwischen der linken Brust und der Achselhöhle eine steinharte, mit dem

Rande des Brustmuskels und den Rippen fest verwachsene Drüsengeschwulst

von verdächtigem Charakter gebildet, so daß die Exstirpation nöthig

wurde. Die Kranke athmete die Aetherdämpfe 1/4 Stunde lang, und erst

dann trat Empfindungslosigkeit von einem schlafähnlichen Zustande

begleitet, ein. Zwei lange Ovalschnitte, welche die mit der Geschwulst

verwachsene Haut umfaßten, wurden gemacht, die Geschwulst mit der

Muzeux'schen Zange hervorgezogen und dann aus dem Grunde ausgeschält.

Dies war das Werk einiger Augenblicke, worauf die spritzenden Arterien

unterbunden, und die Wunde mit Pflasterstreifen genau vereinigt wurde.

Bei dieser Kranken ist zu bemerken, daß vom ersten Augenblicke

des Einathmens der Dämpfe das Gesicht sich stark röthete, daß die

Empfindungs- und Bewußtlosigkeit sehr spät eintrat, daß schon vorher

Uebelkeit und Erbrechen sich einstellte und sich auch nach der Operation

wiederholte, und daß die Kranke hinterher angab, von der Operation

durchaus nichts empfunden und durchaus nicht geträumt, sondern ruhig

geschlafen zu haben. Hr. Reg.-Arzt Branco hatte die Güte, mich bei

dieser Operation zu unterstützen.

* * * * *

Der Aether gegen den Schmerz · 第 8 / 13 段