Die Anzahl der Fälle von glücklicher Anwendung der Aetherdämpfe

bei chirurgischen Operationen ist bereits zu einem solchen Umfange

angewachsen, daß ich von meinem ursprünglichen Plan, die sämmtlichen

Beobachtungen, welche von meinen Freunden und mir aus den zahlreichen

Journalen des Aus- und Inlandes mit vieler Mühe zusammengetragen waren,

hier ausführlicher mitzutheilen, abstehen muß. Ich begnüge mich daher,

nur eine summarische Uebersicht derselben zu geben, bekenne aber gern,

daß wahrscheinlich noch mancher verdienstvolle Name ausgelassen, manche

interessante Operation nicht angegeben worden ist. Möge man mir

das verzeihen, vielleicht finde ich später ein Mal Gelegenheit, das

Versäumte nachzuholen.

Glücklicher Erfolg begleitete die Aetherisation bei Amputationen

_des Oberschenkels_, Landsdown, Liston, Chiari, Hayward, Warren,

Velpeau, Laugier, Schuh, Jüngken u. A.

_des Unterschenkels_, Laugier, Knowles, Adams, Malgaigne, Jüngken,

Jobert, Velpeau, Roux, Leblanc, Schäfer, Berend u. A.

_des Armes_, Guyot, Velpeau, Duval, Baudens, Siegmund, Schuh u. A.

_der Finger_, Liston, Murdough, Blandin, Malgaigne, Petrequin,

Heyfelder u. A.

_Bei der Abnahme der Brust_, Jobert, Leblanc, Blandin, Goyrand,

Schlegel, Brookes,

_bei der Castration_, Bonnet, Baudens, Lacroix u. A.,

_beim Wasserbruch_, Bruns, Jobert, Ricord, Baudens, Vidal,

Bierkowsky, Langenbeck, Jüngken u. A.,

_beim Steinschnitt_, Arnott, Guersant, Guthrie,

_bei der Steinzertrümmerung_, Serre, le Roy d'Etiolles, Lacroix,

Cutler,

_bei der Phimose_, Thomson, Ricord, Fergusson u. A.,

_beim Bruchschnitt_, Key, Patridge, Morgan, Heyfelder,

_beim Kaiserschnitt_, Key u. A.,

_bei Neubildung von Augenlidern_, _Nasen_, Liston, Heyfelder,

Rothmund u. A.,

_bei Sehnen- und Muskeldurchschneidungen_, Brett, Baudens, Lorinser,

Jüngken, Heyfelder, Berend u. A.,

_bei der Ausschneidung von gut- und bösartigen Geschwülsten_,

Clement, Ricord, Baudens, Malgaigne, Jobert, Hall, Velpeau,

Maisonneuve, Petrequin, Wright, Lederle, Meyer, Hammer, Schuh,

Siegmund, Heyfelder u. A.,

_beim Ausreißen der Nasenpolypen_, Amussat, Gerdy, Serre, Schuh

u. A.,

_bei der Anwendung des Glüheisens_, Blandin, Mickschick, Heyfelder,

Reisinger, Schuh u. A.,

_bei der Anwendung der Brenncylinder_, Baudens, Jüngken u. A.,

_bei der Exstirpation des Augapfels_, Lawrence, Jüngken.

Einwürfe gegen die Anwendung der Aetherdämpfe bei chirurgischen

Operationen.

Mitten unter dem lauten Jubel der Welt: der Schmerz ist bezwungen! das

Menschengeschlecht ist von seinem größten Feinde befreit! ertönt von

einer anderen Seite die Stimme der Warnung. Wehe dem, der es wagt, das

Verdammungsurtheil über die Aetherdämpfe auszusprechen. Ohnmächtig steht

er gegen die Uebermacht da, Einer gegen Tausend. Nur bei Einzelnen

ist die Ueberzeugung von der Schädlichkeit des Aethers so mächtig, das

Durchdrungensein von der Richtigkeit ihrer Behauptungen so innig,

daß sie als Märtyrer der Wahrheit auftreten und kühn behaupten, ein

Schwindel habe die Aerzte ergriffen, der künstliche Aetherrausch sei ein

vermessener, verdammungswürdiger Eingriff in die Rechte der Natur,

der Schmerz eine absolute Nothwendigkeit, dessen sich der Mensch nicht

entäußern dürfe.

So sehr wir uns aber zur Dankbarkeit gegen den Entdecker der Aufhebung

des Schmerzes, Jackson, so wie gegen alle wissenschaftlichen Förderer

derselben verpflichtet fühlen, so fordert die Gerechtigkeit, auch die

Stimme der Gegner zu hören, da durch ihren Gegenkampf die Schattenseiten

der Entdeckung aufgehellt, die Uebertreibung zurückgehalten, der

Mißbrauch verringert, und die Wahrheit immer wahrer wird.

Leider haben die bis jetzt über den Werth der Aetherberauschung zur

Stillung des Schmerzes bei chirurgischen Operationen und bei Geburten

angestellten Beobachtungen einen fast persönlichen Charakter angenommen,

weshalb sie auch zu keinem genügenden Resultat geführt haben. Die Gegner

kämpfen theils mit wissenschaftlichen Gründen, theils berufen sie

sich auf unglückliche Fälle, welche vorgekommen sein sollen. Diese

Thatsachen, welche uns zu ernsten Betrachtungen auffordern, sind nicht

ganz abzuleugnen, -- denn was ist in der Welt vollkommen! Aber das

Mittel ist ein großes, und mit Recht sagt der berühmte Flourens von ihm:

»Was den Schmerz nimmt, nimmt auch das Leben, und das neue Mittel ist

wunderbar, aber auch zugleich furchtbar.«

Der größte Widersacher der neuen Entdeckung ist Magendie. Wir müssen

aber die Stimme des tiefen Forschers des Lebens hören, auch wenn er

sich zu befangen zeigt. Ohne die überraschenden, schmerzstillenden

Erscheinungen des Aetherrausches abzuleugnen, sagt Magendie, daß durch

denselben unter Umständen die heftigsten und unerträglichsten Schmerzen

und peinlichsten Träume herbeigeführt werden können. Eine Frau glaubte

bei den ersten Athemzügen, sie müsse sterben. In anderen Fällen entsteht

danach Klagegeschrei und Schluchzen. Diese Art der Trunkenheit erzeugt

fast im ersten Augenblick des Einathmens eigenthümliche Träume, und

schlafend sieht, hört und antwortet der Kranke. Die Augen schließen sich

und rollen nach oben, die Pupillen sind verengert. In diesem Augenblick

tritt völlige Gefühllosigkeit ein. Wird dann die Operation unternommen,

so verwandeln sich oft die angenehmen Träume in peinliche; einigen kommt

es nur so vor, als würden sie operirt, da man sie doch wirklich operirt,

andere glauben geschlagen und gemißhandelt zu werden und leiden noch

besonders dadurch, daß sie ihre Qualen nicht ausdrücken können. Mitten

in diesen Träumereien wird der Mensch bisweilen wie von Tobsucht

ergriffen, und wie ein Wahnsinniger stürzt er auf Alles los, was ihn

umgiebt.

Es ist nicht zu bezweifeln, daß wenn die Aetherberauschung zu weit

getrieben wird, der Tod auf der Stelle eintreten kann. Bei Thieren

beobachtete man dies wenigstens. Bei der Untersuchung der durch

Aetherdunst getödteten Thiere findet man das Lungengewebe mit

schwärzlichem Blut angefüllt, wie man dies oft nach der Durchschneidung

des zehnten Nervenpaares beobachtet hat. Dasselbe findet man auch bei

Menschen.

Der Aetherrausch bringt eben so wie der vom Wein und Alkohol Störungen

in den Verrichtungen der Organe hervor. Hartnäckige Kopfschmerzen, eine

Art von Säuferwahnsinn, Schwäche des Gehörs und Gesichts, schwacher und

unsicherer Gang sind die Folgen. Im Hospital zu Versailles litten drei

wegen des Zahnausziehens ätherisirte Frauen noch mehrere Tage lang an

fürchterlichen Convulsionen, so daß eine energische ärztliche Behandlung

nöthig wurde.

Herr Magendie drückte ferner seinen Widerwillen gegen den Aether als

ein die Sinnlichkeit gefährlich steigerndes Mittel aus, wovon er selbst

traurigen Scenen mit beigewohnt habe, und vergleicht seine Wirkungen

in dieser Beziehung mit dem des animalischen Magnetismus. Er findet im

Aetherrausch einen neuen Weg und ein neues Mittel zu Verbrechen, das

wegen seiner Neuheit um so gefährlicher sei.

Der Schmerz, sagt Magendie, ist bei Operationen oft ein wichtiger

Leiter, um die Verletzung edler Theile zu vermeiden. So kann es denn

leicht geschehen, daß ein Nerv gefaßt und mit unterbunden wird. Bei

Operationen im hinteren Theile der Mundhöhle, wie bei dem Ausschneiden

der Polypen, kann dem Betäubten das Blut in die Luftröhre fließen und

dadurch Erstickung herbeigeführt werden, wogegen dasselbe sonst durch

den Reiz, welchen es erregt, ausgestoßen wird.

Lallemand erinnert, daß die Aetherbetäubung bei Amputationen den

Nachtheil habe, daß die Muskeln sich während der Operation gar nicht

zurückziehen, wodurch später ein conischer Stumpf sich bilden müsse.

Wenn es schon bei gewöhnlichen Amputationen oft vorkommt, daß der

Knochen nach einiger Zeit des schützenden Fleischpolsters beraubt wird,

indem sich die Muskeln, besonders die oberflächlichen, nachträglich zu

stark zurückziehen, um wie viel eher wird dies bei Aetherisirten

der Fall sein, bei denen im Augenblicke der Operation gar keine

Zurückziehung der Muskeln eintritt, und die nachfolgende daher viel

bedeutender sein muß. Auch sei das Mitfassen und Unterbinden eines

Nerven zu besorgen.

Als ein gefährlicher Mißbrauch ist schon das lang fortgesetzte Einathmen

der Dämpfe zu betrachten, da danach plötzlicher Scheintod und Tod

eintreten können.

In welchem Verhältnisse steht wohl der augenblickliche Schmerz

beim Ausziehen eines Zahnes mit dem 45 Minuten langen Einathmen der

Aetherdämpfe, wie es bei Landouzy ein Kranker aushalten mußte. Ueble

Nachwirkungen sehen wir auch schon bisweilen, wo die Kranken gar nicht

lange eingeathmet haben, wie z. B. in dem folgenden Falle. Hancock

ließ einem Manne in mittleren Jahren vor dem Ausreißen eines Zahnes den

Aether 2 Mal einathmen, beide Male trat vollkommene Empfindungslosigkeit

ein, beim ersten Male blieb der Puls normal, beim zweiten Male fiel er

bis auf 60 und wurde klein. Die Pupillen waren normal, auch reagirte die

Iris auf Einwirkung von Licht. Nach der Operation klagte Pat. sehr über

Frost und blieb noch zwei Stunden lang ganz verwirrt.

Eine offenbar zu allgemeine Anwendung hat man vom Aether beim Ausziehen

der Zähne gemacht, ohne dabei die Individualitäten zu berücksichtigen.

Nach dem Urtheile von 12 Chirurgen und Zahnärzten in Boston, erzeugt der

Aetherdunst bei den meisten Patienten einen so hohen Grad von Betäubung,

daß dem passiv widerstrebenden Körper große Gewalt bei der Operation

angethan werden muß. Es entsteht Schmerz, ohne daß die Erinnerung daran

bleibt. Der Aether hat gefährliche Nebenwirkungen, welche man nicht

berechnen und nicht beherrschen kann. Man hat die günstigen Fälle

verbreitet, aber es giebt auch ungünstige. Die Symptome sind

überraschend, doch bisweilen bedenklich. Aufregung, heftiger Husten,

Blutandrang nach dem Gehirn und den Augen, Erweiterung der Pupille,

Verzerrung des Gesichts, Prostration, Stertor, Angst, Seufzen, Stöhnen,

Schrecken, Delirien. Das Mittel ist bei Neigung zum Schlagfluß, Gefäß-,

Gehirn-, Herz- und Lungenstörungen gefährlich und darf nur wirklichen

Aerzten anvertraut werden. Aus Mortons Praxis werden mehrere

unglückliche Fälle erzählt, wie mehrtägiges Irresein und mehrmaliges

starkes Blutspeien.

Manche hieher gehörige Fälle sind auch in anderen Ländern beobachtet

worden. Die Schauspielerin Peche vom Hoftheater in Wien, welche sich

einen Zahn ausziehen lassen wollte, gerieth durch die Einathmung der

Aetherdämpfe in einen höchst bedenklichen Grad nervöser Aufregung, dem

ein heftiges Nervenfieber folgte.

Andere unglückliche Zufälle nach dem Zahnausziehen werden in der Medical

Gaz. erzählt. Bei einem Frauenzimmer, welches sich dieser Operation

unterwarf, hatte der Puls vor dem Einathmen 130 Schläge, fiel nach

demselben auf 70. Die Augen rötheten sich, die Respiration wurde

stertorös, Schaum stand vor dem Munde, als sollte ein epileptischer

Anfall ausbrechen.

Bei einem jungen Manne stieg der Puls auf 150 Schläge, die

Schläfenarterien klopften heftig, die Augen waren mit Blut unterlaufen,

die Respiration mühsam.

Ein 20jähriges Mädchen litt nach der Rückkehr des Bewußtseins an

heftigem Kopfschmerz, an Schwindel und Zittern des ganzen Körpers. Ihre

Freundin von gleichem Alter mußte sogar im Delirium nach Hause gebracht

werden, welches mit kurzen Pausen 3 Tage anhielt.

Eine andere Dame verfiel ebenfalls in Delirium, welches eine ganze Nacht

anhielt. Am nächsten Morgen trat starkes Blutspeien ein.

Eine vollblütige Frau von 21 Jahren wurde, nachdem sie nur 1½ Minute

den Aether eingeathmet, ganz unbändig, 2 Männer mußten sie halten,

ihr Gesicht glühte, erst nach einigen Minuten Ruhe konnte ihr der Zahn

ausgezogen werden.

v. Dall-Armi erzählt, daß bei einem Frauenzimmer, welches vor

dem Ausziehen eines Zahnes ätherisirt wurde, nach 5 Minuten

Schlingbeschwerden und krampfhaftes Zittern der Glieder eintraten,

welches 28 Minuten lang bei vollem Bewußtsein anhielt. Bald darauf

stellten sich heftige hysterische Beschwerden mit Betäubung ein. Während

der Remission der Krämpfe zeigten sich die Erscheinungen von Betäubung,

die Muskeln waren, statt erschlafft zu sein, gespannt. Dieser

Zustand dauerte mit ziemlich gleichmäßigem, fast von 5 zu 5 Minuten

wiederkehrendem Wechsel 1¼ Stunde. Nach dieser Zeit verschwanden

alle Zufälle, die Patientin erwachte wie aus einem tiefen Schlaf und

erinnerte sich auch von der Zeit an, wo das Instrument an den Zahn

angesetzt wurde, bis zu ihrem Erwachen, nur eines schweren Traumes.

v. Dall-Armi bemerkt, daß dergleichen Zufälle, wenn sie eine bedeutende

Höhe erreichten, die Anwendung der Aetherdämpfe bei Gebärenden sehr

bedenklich machen mögte.

Fairbrother, enthusiastisch für den Aether eingenommen, gesteht dennoch,

daß beim Zahnausziehen die meisten Patienten einen leidenden Zustand

ausdrückten. Ein Patient, dem bei einer Operation der Nervus ischiadicus

durchschnitten wurde, schrie heftig auf. Ein anderer blieb nach einer

Operation eine Stunde lang völlig bewußtlos.

Dix sah nach einer Operation in der Nähe des Auges heftige Zufälle. Der

Kranke athmete lange und unvollkommen. Nach 35 Minuten sank der Puls von

120 auf 96 Schläge. Der Athem wurde träge, die Glieder kalt. Man

machte kalte Begießungen, ließ an Ammoniak riechen und erst nach einer

peinvollen Stunde kam der Patient, vorzüglich in Folge der starken

Blutung aus der Wunde, wieder zu sich.

Wutzer warnt vor der unbedingten Anwendung des Aethers bei Operationen.

Obgleich die Erfolge im Allgemeinen günstig waren, so beobachtete

er doch auch bei ätherisirten Personen Hitze, Betäubung, fieberhafte

Aufregung und ungewöhnlich stärkere Blutung aus der Operationswunde.

Fischer sah bei der Operation der Einwärtskehrung der Augenlider bei

einem 7jährigen Mädchen keine Betäubung eintreten, und dasselbe schrie

bei jedem Schnitt. Ein 15jähriger, etwas scrophulöser Knabe, an welchem

die Operation beider Klumpfüße gemacht, der aber vorher in Bezug auf den

Aether geprüft werden sollte, war schon nach einer Minute betäubt und

gegen alle Reize unempfindlich. Nachdem er wieder erwacht war, überfiel

ihn ein Schwindel. Dann stellten sich heftige allgemeine Krämpfe ein,

die Hals- und Nackenmuskeln waren so hart wie Holz. Der Kopf wurde oft

auf die linke Seite gezogen, blieb einige Zeit in dieser Stellung und

nahm dann wieder die natürliche an. Das Bewußtsein fehlte und

doch konnte man den Kranken durch Anrufen erwecken. Diese

starrkrampfähnlichen Zufälle waren gegen Abend und in der Nacht am

stärksten. Kalte Uebergießungen über den Kopf, kalte Waschungen des

ganzen Körpers und Citronenwasser zum Getränk milderten am zweiten

Tage die Zufälle. Nach 48 Stunden roch der Athem des Kranken noch nach

Aether. Am vierten Tage war er vollkommen wieder hergestellt. Horst

räth, den Aether nur mit größter Umsicht und Vorsicht anzuwenden,

besonders aber bei großen eingreifenden Operationen. »Wozu«, sagt

er, »kann ein schmerzstillendes Mittel dienen, wenn entweder in dem

Augenblick des Versuches oder später üble Folgen entstehen, oder der

Grund zu anderen chronischen Krankheiten gelegt wird u. s. w.«

Gerdy beobachtete eine nachtheilige Wirkung auch bei einem Kranken

mit grauem Staar, bei dem er das Ausziehen der Linse vornehmen wollte.

Nachdem derselbe betäubt und fast eingeschlafen war, wurde die Hornhaut

durchstochen, aber das Auge des Kranken floh so vor dem Instrument, als

die Operation fortgesetzt werden sollte, daß Gerdy, um dieselbe nicht

zu compromittiren, das Auge fahren ließ. Er wollte hierauf die Linse

niederdrücken, aber das Auge war noch so unruhig, daß er für dieses Mal

die Operation ganz aufgeben mußte. Gerdy stach hierauf den Kranken in

die Nase und in die Lippe, man kniff demselben die Hand, und als er zu

sich kam, erinnerte er sich sehr gut, gekniffen zu sein, aber sprach

nicht von den Stichen an der Nase und der Lippe.

Im Middelsex-Hospital sollte einer Frau, welche geistigen Getränken sehr

ergeben war, eine Einwärtskehrung der Augenlider operirt werden, sie

athmete mit großer Energie während 10 Minuten Aetherdämpfe ein. Da ihr

Gesicht sich sehr stark röthete, und man einen Schlaganfall befürchten

mußte, unterließ man die Fortsetzung der Einathmung, obwohl Patientin

noch nicht bewußtlos geworden. Die Operation des Entropiums wurde an ihr

vollzogen, und die Schmerzen schienen ganz dieselben zu sein, wie sie

gewöhnlich bei dieser Operation empfunden werden.

So glücklich auch die von Pomly vorgenommene Schieloperation ablief, so

hatten doch die vorhergehenden Umstände etwas sehr Widerwärtiges.

Fairbrother machte die Amputation des _Unterschenkels_ bei einem

Mädchen von 15 Jahren von zarter Constitution. Sie wurde einige Minuten

ätherisirt. Der Puls blieb zwar normal, aber die Pupille dilatirte sich,

wurde unthätig, und es trat Empfindungslosigkeit ein. Die Amputation

des Unterschenkels wurde jetzt begonnen, sie schrie aber gleich bei

dem ersten Schnitte und machte starke Bewegungen. Darauf setzte man die

Einathmung während der ganzen Dauer der Operation fort.

Meermann sah, daß ein 17jähriges Mädchen, an dem ein anderer Arzt

die Schieloperation machte, welches nur 1½ Minuten lang Aetherdämpfe

eingeathmet hatte, 3 Minuten lang völlig empfindungs- und bewegungslos

war. Die Pupillen blieben bei dem stärksten Lichtreiz erweitert und

unempfindlich, und der Puls sehr beschleunigt. Drei Minuten später

kehrte die Empfindung wieder zurück, bei jedem Schnitt drückte die

Kranke Schmerzempfindungen aus, während sie sich nicht bewegte. Nach

Beendigung der Operation gab sie an, daß sie den Anfang zwar nicht,

aber das Ende derselben gefühlt habe. Sie verfiel hierauf in einen

schlafsüchtigen Zustand mit Zuckungen des ganzen Körpers, welcher trotz

der Anwendung des Salmiakgeistes noch über drei Stunden dauerte.

Den folgenden Tag erinnerte sie sich noch recht wohl der empfundenen

Schmerzen. Sehr wahr schließt Meermann mit den Worten: »gerade die

denkenden Aerzte, die es ehrlich mit der Natur und Wissenschaft meinen,

sind es darum, welche erst nach vielfachen Beobachtungen und Versuchen

bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen am lebenden

Organismus mit der größten Behutsamkeit Gesetze zu abstrahiren wagen,

und es sich zur Hauptaufgabe machen, die naturgemäße Begränzung der

Heilmittelwirkungen zu ergründen.«

Bei einer Castration, welche Baudens vornahm, schrie der ätherisirte

Kranke wild und versicherte dennoch nach Beendigung derselben, daß er

keine Schmerzen empfunden, aber die Operation recht gut gesehen, und

Nichts vergessen habe.

Arnott machte bei einem 63jährigen Manne den Steinschnitt. Der Kranke

wurde nach 2 Minuten der Einathmung in hohem Grade betäubt, das Gesicht

livid, die Glieder welk. Die Operation wurde er nicht gewahr, obgleich

er früher wegen heftiger Schmerzen kaum untersucht werden konnte. Aber

noch am Abend befand er sich fortwährend in einem seeligen Rausche,

dabei waren die Glieder kalt, und der Puls klein und schwach. Erst am

dritten Tage hatte sich die Sorge um den Kranken verringert.

Lawrence schnitt ein von Melanose ergriffenes Auge eines Mannes welcher

an starke Getränke und Opiate gewöhnt war, aus. Der Aether brachte einen

heftigen Kehlreiz hervor. Arme und Beine wurden stark contrahirt, dann

trat Erschlaffung und vollkommene Bewußtlosigkeit ein. Das Gesicht war

blau, und es fand ein heftiger Blutandrang nach dem Gehirn Statt. Der

Kranke lag wie eine Leiche da. Eine Minute nach der Operation kehrte

einiges Bewußtsein zurück. Die Blutung war stark. Hinterher sagte

der Kranke, er habe zu ertrinken geglaubt, offenbar das Gefühl der

Erstickung durch den Aetherdunst.

Serre operirte einen Mann von 60 Jahren am Nasenkrebs. Nach acht Minuten

wird er schwach, und die Augen schließen sich. Das Schneiden fühlt er

nicht, aber beim Brennen tritt deutliches Schmerzgefühl ein. -- Eine

Frau athmet die Aetherdämpfe ein, will aber lieber sterben als durch

Aether ersticken.

Le Roy hatte einem wegen Steinzerstückelung Aetherisirten das Instrument

so eben herausgezogen, als derselbe plötzlich sich aufraffte und

Drohungen gegen die Zuschauer ausstieß. Wäre dieser Zustand früher

plötzlich eingetreten, so hätte die Blase schwer verletzt werden können.

Charles erfüllt uns mit Erstaunen und Schrecken, daß er einer Frau,

welche an einer heftigen Luftröhrenentzündung und einer krebsigen

Entartung an der Brust litt, Aetherdämpfe einathmen ließ. Es stellte

sich danach sehr heftiger Husten ein, das Gesicht wurde geröthet, die

Züge sehr verändert, der Puls klein und schnell, man mußte deswegen mit

den Einathmungen einhalten. Obwohl in diesem Falle die Aetherwirkung

nicht vollkommen erzielt werden konnte, und Patientin während der

Amputation der Brust laut wimmerte, erklärte sie doch nach der

Operation, daß sie gar keine Schmerzen empfunden und sehr heiter und

wohl sei.

Key machte eine Bruchoperation, wobei er ein Stück Netz abschnitt und

die Gefäße unterband. Die Operation dauerte 18 Minuten. Schon beim

ersten Schnitt wurden die Schenkel gewaltsam angezogen, bei dem

Einschneiden des Randes der Bruchpforte stöhnte der Patient, und das

Herz schlug schwach, so daß der Zustand bedenklich erschien.

Culler wollte einen Finger abnehmen. Der Kranke athmete unvollkommen

und litt dabei sehr, denn er wurde im Gesicht roth und blau. Bei der

Operation widersetzte er sich und empfand Schmerzen.

Ein Bauer kam mit einer Verwundung des Fingers, welche eine Amputation

desselben nöthig machte, in voller Trunkenheit ins Hospital. Nach den

ersten Einathmungen der Aetherdämpfe stellte sich Erbrechen ein. Nachdem

er sich etwas erholt, ließ man ihn von Neuem die Dämpfe einathmen,

sein Auge wurde stier, die Pupille erweitert, aber auch die Finger

contrahirt, erst nach längerer Fortsetzung der Einathmung erschlafften

die Muskeln, aber dennoch schlug Patient, als man die Operation begann,

mit Händen und Füßen um sich; dieser Anfall ging bald vorüber, und es

folgte ihm Stupor, aus dem der Kranke bald erwachte; er begehrte jetzt,

daß man die Operation vollzöge und wollte kaum glauben, daß sie schon

vollendet sei. Die doppelte Trunkenheit hatte keinen üblen Einfluß auf

die Heilung der Wunde.

Johnson amputirte in der Betäubung den Unterschenkel, aber der Kranke

erwachte schon beim Sägen.

Adams nahm einem Manne den Fuß in der Fußwurzel ab, dabei stellte sich

ein närrisches Delirium ein, und der Patient rief: »gieb mir noch einen

Schluck.«

Ein Mädchen von 17 Jahren athmete 12 Minuten Aetherdämpfe ein, bis sie

in eine Lethargie verfiel. Bei der Amputation des Unterschenkels, welche

Rayner vornahm, rief sie in der Mitte der Operation aus: »sie schneiden

mir mein Bein ab«, doch nicht, als ob sie Schmerzen dabei empfände, und

da man die Einathmungen fortsetzte, wurde die Operation ohne irgend eine

Schmerzensäußerung von Seiten der Patientin vollendet; beim Nähen schien

die Wirkung des Aethers schon verschwunden zu sein, denn bei jedem Stich

klagte sie über heftigen Schmerz. Die Heilung des Stumpfes ging gut von

Statten.

Der Aether gegen den Schmerz · 第 6 / 13 段