als der Finger und Zehen sondern auch ganzer Arme und Beine ist schon
so häufig in der Aetherbetäubung und zwar mit so entschiedenem Vortheil
vorgenommen worden, daß der Werth des Mittels in dieser Beziehung wohl
als günstig festgestellt ist. Bei Amputationen größerer Glieder ist
das Gemüth der Kranken schon vorher durch die traurige Perspective
als Krüppel unter Gesunden einherzuwandeln, so gebrochen, daß nur die
schmerzhafte Zerschmetterung eines gesunden Gliedes, oder die durch
langwierige Knochenkrankheit herbeigeführte Erschöpfung, in tiefster
Resignation in dem Leidenden den Wunsch aufkommen lassen, das dürftige
Leben für einen Arm oder ein Bein zu erkaufen. Aber schon ein günstiges
Ohr dem Arzte leihend, erbeben sie bei dem Gedanken an die Größe und
an die Schmerzen der Operation, die von dem Geübtesten in wenigen
Augenblicken ausgeführt, immer dieselbe bleibt, indem sie, sie mag im
Gelenke oder ausser demselben vorgenommen werden, schon wegen ihrer
Grösse das innerste Leben berührt. Ein herrlicher Gewinn ist hier
die Aetherbetäubung, da die Erfahrung gezeigt hat, daß selbst der
Oberschenkel, ohne daß der Kranke es nur im mindesten fühle, amputirt
werden könne. Ganz unbedingt ist aber so großer Vortheile ungeachtet,
die Aetherbetäubung meiner Meinung nach hier doch nicht zu empfehlen.
Die Amputationen sind überhaupt angezeigt bei Zerschmetterungen der
Glieder, welche eine Erhaltung derselben unmöglich machen, und bei denen
der Versuch die Extremität zu retten, bisweilen mit dem Leben bezahlt
wird, ferner bei solchen Krankheiten der Gelenke, der Knochen oder der
Weichgebilde, welche den Tod herbeiführen, wenn der Kranke nicht, wie
er im Kleinen den schmerzhaften Zahn ausreißen läßt, hier sein krankes
Glied, die Quelle unsäglicher Leiden, Preis giebt. Unter diesen
Umständen ist aber die Aetherisation nicht unbedingt bei dem Amputiren
zu empfehlen. Nur den Kranken, welchem noch ein Theil seiner Körperkraft
geblieben, welcher nicht ganz heruntergekommen ist und einen gewissen
Grad von körperlicher und moralischer Stärke sich hat erhalten können,
mögte ich unbedingt ätherisiren. Dagegen würde ich großes Bedenken
tragen, einen durch langwierige cariöse Zerstörung in oder ausser
dem Gelenke aufs äußerste Erschöpften, durch hektisches Fieber fast
Aufgeriebenen, zu betäuben, damit er von der Operation nichts fühle. Bei
einem so bejammernswerthen Zustande würde man Gefahr laufen, durch den
künstlichen Rausch, bei dem perturbirten Zustande des Gefäßsystems,
augenblicklich tödtliche Congestionen nach Brust und Kopf hervorzurufen.
Ferner wird durch die ätherische Verflüssigung des Blutes, bei dem schon
ohnehin fluiderem Blute des Kranken, zu größerem Säfteverluste, den man
bei der Amputation hier so schon zu vermeiden hat, so wie zu größeren
Nachblutungen Veranlassung gegeben. Höchstens mögte ich dem Kranken
nur die ersten Andeutungen der Aetherberuhigung durch einen wenige
Augenblicke vor Nase und Mund gehaltenen Schwamm genießen lassen
und dann schnell die Operation vornehmen. Daß aber auch noch dem am
stärksten hektischen Fieber Leidenden, dessen Lebenszeit bis auf einige
Tage abgelaufen ist, noch durch die Amputation des kranken Gliedes das
Leben gerettet werden könne, lehren unzählige Erfahrungen.
_Die Trepanation des Schädels._ Von allen großen chirurgischen
Eingriffen verbietet keiner so sehr die Aetherisirung als die
Trepanation des Schädels, eine Operation, welche bei Kopfverletzungen
in neuerer Zeit wegen ihrer Undankbarkeit schon an und für sich bei den
besten Chirurgen so sehr in Mißkredit gekommen ist, daß man sie nur noch
in wenigen Fällen anwendet. Die Aetherisirung von Personen mit schweren
Kopfverletzungen vor der Trepanation würde vielleicht noch das Gute
haben, den Kredit derselben noch mehr herabzusetzen (da der Tod danach
noch häufiger eintreten würde) und späteren Kranken das Leben zu retten,
indem man noch weniger als jetzt trepanirte.
Der Zustand eines Kopfverletzten ist oft schon dem eines stark
Aetherisirten ähnlich, todtähnlicher Schlaf, gänzliche Bewußtlosigkeit,
oder wilde Delirien, Convulsionen u. s. w. geben das schreckliche Bild
der Störung der intellectuellen Functionen. Die Trepanation wird wohl
bisweilen vorgenommen, ohne daß der Kranke etwas davon fühlt oder weiß.
Selbst in minder schweren Fällen ist er sich des blutigen Eingriffs nur
undeutlich bewußt und drückt seine unklaren Empfindungen nur durch ein
dumpfes Stöhnen aus. Wer also unter solchen Umständen dem Kranken zur
natürlichen Betäubung noch eine künstliche durch Aether hinzufügen
wollte, um ihm und sich die Sache zu erleichtern, würde dadurch seine
traurige Beschränktheit verrathen. Aber auch bei Kopfverletzungen mit
vollkommenem Bewußtsein, wo die Trepanation nothwendig erscheint, ist
die Aetherisirung gefährlich, indem durch sie der Blutandrang nach dem
verletzten oder gereizten Hirn bedeutend gesteigert, und der Ausgang
der Krankheit um Vieles zweifelhafter gemacht wird. Zum Glück ist diese
Operation aber noch nicht unter der Einwirkung des Aethers unternommen
worden.
Bei _Augenoperationen_ läßt sich eben so viel für als wider den Aether
sagen. Die Zartheit des Organs, und die Feinheit der Operation begehren
die absoluteste Ergebung und Stille des Kranken, wenn dieselbe nicht von
der geübtesten Hand ausgeführt wird. Dahin gehören die Staaroperation,
die Pupillenbildung und die Schieloperation. Kann der Kranke
durch Aether dabei noch passiver gemacht werden, so ist dies eine
Erleichterung für den Arzt, welcher noch geschwinder sein Werk vollenden
kann, und für den Kranken, weil er nichts dabei fühlt. Die bisherigen
Beobachtungen sprechen noch zu Gunsten der Aetherisation bei
Augenoperationen. Es läßt sich aber dagegen einwenden, daß die geringe
Schmerzhaftigkeit mancher Augenoperationen und die Schnelligkeit, mit
welcher sie ausgeführt werden können, die Aetherisation überflüssig
macht. Von grösserem Bedenken ist aber der Umstand, wenn der Rausch
unter der Operation plötzlich ein ungestümer wird, wo das Instrument,
welches sich gerade im Auge befindet, dasselbe verletzen oder z. B. eine
Staarnadel darin abbrechen, so daß es schon als ein Glück zu betrachten
wäre, wenn es schnell aus dem Auge vor vollendeter Operation gezogen
werden könnte. Bei Augenoperationen würde ich, da bei ihnen Alles von
der Art des Rausches abhängt, rathen, einige Tage vor der Operation
versuchsweise den Kranken zu ätherisiren, obgleich auch dies noch nicht
immer eine zuverlässige Bestimmung über die Art des späteren Rausches
giebt, bei der Operation aber selbst möglichst stark zu ätherisiren,
eine Weile noch die Operation anstehen zu lassen, und wenn er ruhig
bleibt, sogleich zu operiren: wenn er wild wird, bis zum gänzlichen
Ablauf des aufgeregten Zustandes zu warten.
Von entschiedenem Werthe ist die Aetherisation bei anderen gröberen und
größeren Augenoperationen, wo eine zufällige Nebenverletzung auch bei
unruhigen Kranken nicht zu besorgen ist. Dahin gehört die partielle oder
totale Exstirpation des Augapfels. Wenn schon die schmerzlose Wegnahme
des großen dunklen Staphyloms der Hornhaut, welches den baldigen
Aufbruch des Auges und den Uebergang in Augenkrebs fürchten läßt,
eine große Erleichterung für den Kranken sein muß, so sind wir der
Aetherbetäubung die höchste Anerkennung schuldig, wenn wir eine der
grausenvollsten und schmerzhaftesten Operationen, das Ausschneiden des
durch Krebs, Blut- oder Markschwamm zerstörten Auges, die Durchtrennung
der Sehnerven und wohl gar mit dem Augapfel zugleich die Entfernung der
vom Krebse ergriffenen Augenlider vornehmen können, und der
Unglückliche der vernichtenden Schmerzen dabei überhoben wird. Unter den
Augenoperationen steht in Bezug auf Aetherisirung die Ausschneidung
des Augapfels also oben an, und es ist kein einziger Grund gegen sie
vorhanden.
Bei _Operationen an den Augenlidern_, besonders wenn sie von größerem
Umfange sind, und bei der künstlerischen, plastischen Operation, wo ein
Augenlid zu ersetzen ist, ist die Aetherisation von Nutzen, unpassend
aber bei allen kleineren Operationen, z. B. dem Ausschneiden von kleinen
Balggeschwülsten u. s. w.
Bei der _Nasenbildung und anderen größeren Gesichtsoperationen_, ist die
Aetherbetäubung mit großem Vortheil anzuwenden. Das Künstlerische dieser
Operation, wobei ein neuer, edler Theil geschaffen werden soll,
begehrt von Seiten des Kranken die größte Ruhe und Ergebenheit, um
die mißgestaltete oder den Ort der fehlenden Nase durch Incisionen
und Exstirpationen zur Aufnahme eines aus der Stirn- oder Armhaut
einzusetzenden Lappens vorzubereiten. Ein noch stilleres Verhalten
des Kranken erfordert die künstliche Ausschneidung des Stirn- oder
Armlappens, damit diese rein und schön nach dem aufgezeichneten Maaß
oder der dem Künstler vorschwebenden Idee gelinge. Unendlich erleichtert
werden aber dem Arzte diese Akte, wenn der Kranke durch Aether betäubt
ist, da diese Operation durch das Schreien, Jammern und Widerstreben
sehr in die Länge gezogen werden kann. Weit größeren Vortheil, als der
Arzt, hat der Kranke bei der Rhinoplastik von seinem Aetherrausch. Sonst
von den gräßlichsten Schmerzen gefoltert, empfindet er bisweilen gar
nichts von dieser Operation, die im Zustande der Berauschung, in dem
dritten Theil der Zeit gemacht werden kann. Nach den von mir
gemachten Erfahrungen glaube ich also, daß bei der Nasenbildung die
Aetherbetäubung einen der ersten Plätze einnimmt, und ihre Vortheile
eben so groß für den Patienten als für den Arzt sind. Nur in dem einen
von mir erzählten Falle (s. unten) traten unter der Operation sehr
stürmische Erscheinungen ein, wodurch dieselbe eher erschwert als
erleichtert wurde.
Zu empfehlen ist ferner der Aether bei dem so schmerzhaften _Ausziehen
größerer Nasenpolypen_, noch mehr aber bei der großen, complicirten
Operation dieser Art, wo in Folge sehr bedeutender polypöser oder
fibröser Geschwülste die Nasen- und Gesichtsknochen vor- und auseinander
getrieben sind. Hier, wo die Weichtheile der Nase erst abgelöst werden
müssen, ehe die Geschwülste herausgeschnitten werden können, wird
der Betäubungszustand dem Kranken und dem Arzte die Operation sehr
erleichtern.
Bei anderen größeren Gesichtsoperationen, bei der _Augenlid-_,
_Mund-_ und _Lippenbildung_, bei der _Hasenscharte_, besonders der
mit Wolfsrachen complicirten, wenn das Kind nicht etwa sehr jung
und schwächlich ist, beim Ausschneiden krebsiger Entartungen mit
gleichzeitigem Wiederersatz, ist die Anwendung des Aethers eben
so erleichternd für den Kranken als für die Operation. Die
Hasenschartoperation kann unruhigen Kindern durch Vorhalten von einem
kleinen, in Aether getauchten Schwamm erleichtert werden.
_Das Ausziehen der Zähne_ während des Aetherrausches, welches bereits
eine ausgebreitete Anwendung gefunden hat, ist für empfindliche Personen
eine unendliche Wohlthat; aber auch insofern als sich Furchtsame jetzt
leichter zum Ausziehen von Zähnen entschließen, deren Entfernung durch
Krankheiten der Kiefer nothwendig gemacht werden. Bisweilen wird die
Operation aber dadurch erschwert, daß der Betäubte die Zähne fest
zusammenbeißt, so daß die Instrumente nicht dazwischen gebracht werden
können. Bei dieser Operation ist indessen Zweierlei zu besorgen, nämlich
zuerst, daß bei mehreren schadhaften Zähnen der unrechte ausgezogen
werden könnte, und zweitens daß Mißbrauch mit der Anwendung des Aethers
von unbefugten Personen getrieben würde, wenn nicht ein Arzt zugegen
wäre.
Bei der _Operation des Zungenkrebses_ ist die Aetherisirung ein
herrliches Mittel, auch wenn der Arzt es dabei anfänglich mit dem
Zusammenbeißen der Zähne zu thun hätte. Die Schnelligkeit, mit welcher
dieselbe nach vorheriger Anwendung der Fadenschnüre bei meiner Methode
gemacht werden kann, wird noch durch den bewußtlosen Zustand des
Patienten vermehrt, und derselbe schnell über die Schrecken dieser
widerwärtigen Operation hinweggeführt. Die hier nach anderen Methoden zu
fürchtende Nachblutung, welche durch die Anwendung des Aethers vermehrt
werden könnte, wird durch die angelegte Fadennaht gänzlich beseitigt.
_Die Aussägung des Ober- und Unterkiefers._ Zu den größten und
erschütterndsten Operationen gehören die Resectionen des Ober- und
Unterkiefers, wozu sich die Chirurgie bei gewissen Krankheiten
dieser Theile, besonders beim Knochenschwamm, welcher mit ungeheurer
Vergrößerung verbunden ist, genöthigt sieht. Der Umfang der Operation,
die starke Blutung, die Nähe des Gehirns, die Insultatation größerer
Nervenäste, machen dieselben zu den gefährlichsten, so daß der Kranke
wohl unmittelbar nach der Operation seinen Geist aufgeben kann. Wenn
nun hier von der einen Seite die Betäubung, um den Kranken über den
schrecklichen Akt hinwegzuführen, äusserst wünschenswerth erscheint,
so tritt dagegen wohl ein Bedenken gegen dieselbe ein, daß bei dem
gewaltigen Eingriff und der gleichzeitigen Betäubung alle Reaction
aufgehoben werden, und der Kranke nicht wieder erwachen könnte. Sprechen
einige günstig abgelaufene Operationen auch hier für den Aether, so
halte ich es wenigstens für gerathen, den Kranken in solchen Fällen nur
auf der Stufe der Empfindungslosigkeit zu erhalten, ihn aber nicht zur
vollkommenen Betäubung hinüberzuführen. Operationen dieser Art sind
bereits unter Anwendung des Aethers mehrmals vorgenommen worden (s. u.).
_Operationen in der Rachenhöhle._ Bei Operationen in dem hinteren
Theile der Mundhöhle, der Rachenhöhle und Rachen-Nasenhöhle, ist
die Aetherisation, wenn auch nicht unbedingt zu verwerfen, doch nur
ausnahmsweise anzuwenden.
_Die Gaumennaht_, eine der schwierigsten Operationen, wird durch
die Aetherisation nur erschwert. Sie ist eine Operation des vollen
Bewußtseins, der moralischen Kraft und des Willens. Schneiden, Nähen
in der Tiefe des Mundes, eine starke Blutung stillen und dabei einen
Betäubten vor sich zu haben, dessen Rausch nicht bei der langwierigen,
aus vielen kleinen Akten zusammengesetzten Operation ausreicht, dann
nachäthern zu müssen bei einem halb Leblosen, welcher den Blutstrom
und das eingespritzte Wasser nicht ausspeien kann, vermehren die
Schwierigkeit dieser Operation, wie ich gefunden habe. Einige Athemzüge
Aether vorher könnten die Empfindlichkeit indessen ein wenig abstumpfen.
_Die Ausschneidung großer Polypen oder fibröser Geschwülste_ hinter
dem Gaumensegel, welche bis in die Rachenhöhle und selbst in den oberen
Theil des Schlundes hinabreichen, wird durch die Betäubung bedeutend
erschwert, und ich habe dieselbe deshalb in zwei mir kürzlich
vorgekommenen Fällen von großen Rachenpolypen mit Aether nicht gewagt.
Erstickungszufälle, bei der schon durch die Beengung des Raumes
vorhandenen Athmungsnoth, Eindringen des Blutes in die Luftröhre und
Herabfließen desselben in den Schlund können leicht zum Tode des Kranken
unter der Operation Veranlassung geben. Gänzlich zu verwerfen ist das
Aetherisiren aber bei Unterbindung größerer Polypen der Rachenhöhle, da
hier schon durch die Zusammenschnürung der Basis und die Anschwellung
des Polypen, erschwertes Athmen bis zum Abfalle desselben herbeigeführt
wird.
_Die Ausschneidung_ der Mandeln haben mehrere Wundärzte bei
Aetherisirten mit Erfolg vorgenommen, wiewohl man danach bisweilen üble
Zufälle gesehen hat. In den von mir beobachteten Fällen fanden diese
nicht Statt. Indessen war mir die Operation nicht gerade erleichtert,
aber auch nicht erschwert, sondern sie verhielt sich an Nüchternen oder
Berauschten gleich. Bisweilen ist sie etwas erschwert, wenn z. B. der
Mund nicht geöffnet werden kann, oder der Patient unruhig ist, wie ich
dies erfahren habe.
_Operationen am Halse._ Bei allen größeren Operationen am Halse ist
die Aetherisation angezeigt, ausgenommen bei solchen, bei denen die
Luftröhre eröffnet ist, oder geöffnet werden muß, wie z. B. beim
Luftröhrenschnitt wegen eingedrungener fremder Körper. Es wäre gewiß ein
Wahnsinn, einem Erstickenden durch Aetherdampf Erleichterung verschaffen
zu wollen, wenigstens wäre diese so groß, daß derselbe unter dem Aether
oder unter dem Messer erstickte. Bei der Operation des _Kropfes_ oder
dem Ausschneiden anderer großen Geschwülste am Halse wird man sich
indessen mit Nutzen des Aethers bedienen.
_Abnahme der Brust._ Die Abnahme der durch Krebs oder eine andere
bösartige Krankheit entarteten Brustdrüse, so wie das Ausschneiden nicht
zertheilbarer Knoten, können mit großem Vortheil unter der Einwirkung
der Aetherdämpfe geschehen. Manche Umstände machen dies Verfahren hier
wünschenswerth. Operationen dieser Art sind bei aller ihrer Größe so
einfach, daß selbst ein stürmisches Verhalten der Kranken bei denselben,
keinen wesentlichen Einfluß haben und keine nachtheilige Störung
herbeiführen kann. Die oft erschreckende Größe der Operation, das durch
die Phantasie der Kranken tief erschütterte Gemüth, die Vorstellung,
durch die grausenvollste Krankheit gezwungen zu sein, sich diesem
Eingriff hinzugeben, der namenlose Schmerz bei demselben, die
schreckenerregende Blutung, sind Umstände, welche die Betäubung der
Kranken durch Aether nicht bloß wünschenswerth machen, sondern diesem
großen Mittel hier einen der ersten Plätze anweisen. Mit lebhaftem
Dankgefühle gegen dasselbe habe ich Operationen der Art gemacht;
die Kranken wußten nach der Operation nichts von dem, was mit ihnen
vorgegangen war.
_Die Operation des Empyem's_ oder der Eiterbrust verbietet aus leicht
zu erklärenden Gründen den Aether. Der ohnedies an Athmungsbeschwerden
leidende Kranke kann durch das Einathmen des Aetherdampfes in die größte
Gefahr gerathen.
_Der Speiseröhrenschnitt_ gestattet sehr wohl die Aetherisation.
_Der Kaiserschnitt_ wurde in London im St. Bartholomäus Hospital von
Skey bei einer Frau von 25 Jahren wegen einer bedeutenden Verkrümmung
des Beckens vorgenommen. Nachdem die Frau 5 Minuten ätherisirt worden,
wurde sie empfindungslos, und man vollzog die Operation, ohne daß
sie Schmerzen äußerte. Das Kind blieb leben, die Mutter starb in der
folgenden Nacht.
_Reposition des eingeklemmten Bruches._ Die Betäubung des Kranken
durch Aether beim eingeklemmten Darmbruche ist oft ein großes
Unterstützungsmittel, denselben ohne Operation zurückzubringen, wenn er
seiner Natur nach überhaupt zurückgebracht werden kann, wie z. B. der
Leistenbruch. Die Erschlaffung der Bauchmuskeln und die verminderte
Thätigkeit der Gedärme führen diese Erleichterung herbei. Dagegen
kann auch die Gefahr gesteigert werden. Wenn nämlich der Kranke beim
Zurückdrücken und Kneten des Darmes keine Schmerzen hat, kann durch die
Abwesenheit dieses leitenden Symptoms der Arzt leicht verleitet werden,
seine Manipulationen zu lange fortzusetzen und den Darm entweder
zerdrücken oder brandig kneten. Geht der Bruch doch nicht zurück,
und muß die Operation vorgenommen werden, so wird ihr Ausgang um
so zweifelhafter sein, je mehr der Darm durch die angewandte Gewalt
gelitten hat.
_Die Bruchoperation._ Bei der Brucheinklemmung, welche, wie es meistens
der Fall ist, nur durch die Operation gehoben werden kann, wie z. B.
beim Schenkelbruch, ist das Aetherisiren zwar ein Mittel gegen
den Schmerz, doch treten hier einige Bedenklichkeiten von größerer
Wichtigkeit ein. Zuerst ist die Dauer einer von einer geübten Hand
ausgeführten Operation außerordentlich kurz, oft nur von wenigen
Minuten. Bei ihr ist wie bei Augenoperationen die größte Ruhe nöthig.
Der Kranke muß regungslos da liegen, da die kleinste Bewegung bei der
Eröffnung des Bruchsackes, beim Bloßlegen des Darmes und der Erweiterung
der Bruchöffnung, eine Verletzung des vorgefallenen Darmstücks und den
Tod zur Folge haben kann. Dies erkennen die Kranken gewöhnlich sehr wohl
und regen sich deshalb nicht im Geringsten. Welche Gefahren drohen
aber nicht bei der Operation, wenn der Aetherisirte in einen ungestümen
Rausch verfällt, schnell die Schenkel anzieht, sich hin- und herwälzt,
wobei kaum verhindert werden kann, daß er sich vom Tisch herabstürzt.
Schon diese Umstände könnten dem eingeklemmten Darme höchst gefährlich
werden und selbst eine Zerreißung desselben herbeiführen, noch ehe die
Operation selbst begonnen hätte. Bei einem so wilden Rausche müßte die
Operation auch jedenfalls bis zum Eintritt der vollkommenen Erschlaffung
aufgeschoben werden. Bei den von mir bis jetzt unter Einwirkung des
Aethers operirten Bruchkranken kam nur der stille Rausch vor, die
Operation war mir aber durch die Betäubung nicht erleichtert, doch auch
nicht erschwert, vielleicht etwas erschwert, weil ich jeden Augenblick
eine willenlose, stürmische Bewegung fürchtete. Die Därme gingen auch
nicht leichter zurück als bei nicht ätherisirten Kranken.
_Exstirpation des Gebärmutterhalses._ Bei der schaudervollen
Ausschneidung des krebsigen Gebärmutterhalses ist die Aetherbetäubung
ein unvergleichliches Mittel. Wenn dies auch nur ihr alleiniges Feld
wäre, so müßten wir uns doch schon über diese Bereicherung freuen.
Dasselbe gilt von der Operation der Blasenscheidenfistel, der
Gebärmutterpolypen, der Naht des zerrissenen Darmes und vom
Steinschnitt. Fast alle diese Operationen sind so groß, so schmerzhaft,
zum Theil von mancherlei erschwerenden Umständen begleitet und sich in
die Länge ziehend, dabei die Lage der Kranken so peinlich und ermüdend,
daß durch gehörige Betäubung derselben eine Erleichterung um die Hälfte
verschafft wird. Bei ihnen steht der Anwendung des Aethers daher in
chirurgischer Beziehung nichts entgegen, und nur ein stürmischer Rausch
könnte sie erschweren.
Bei der _Operation der Blasenscheidenfistel_, wo man auf große Unruhe
und heftigen Widerstand der Kranken gefaßt sein muß, ist der Vortheil
auf Seite des Aethers sehr groß. Bei der Naht eines veralteten
Dammrisses ist die Aetherisation ebenfalls angezeigt, zu verwerfen
dagegen beim frischen Dammriß.
Beim _Steinschnitt_ haben mehrere Beobachtungen bereits den Werth der
Aetherisation außer Zweifel gesetzt. Bei der _Zerstückelung_ des Steins
in der Blase ist ebenfalls schon die Aetherberauschung mit Erfolg
vorgenommen worden, und einer glücklichen Erfahrung ist nicht viel
zu widersprechen. Dennoch muß ich hier mein Bedenken gegen den Aether
aussprechen. Eine Steinzerstückelung soll fast ganz ohne Schmerz
verlaufen und höchstens etwas Unbequemes sein. Wenn der Kranke sehr
dabei leidet, weil der Stein groß, oder die Blase krank, oder der
Operateur ungeschickt ist, so wäre der Steinschnitt besser gewesen.
Schreit der Kranke unter der Operation, so findet eine starke
Insultation der Blase Statt, welcher eine gefährliche Entzündung
folgt. Der Eintritt einer Schmerzempfindung, welche das
Zerstückelungsinstrument in der Hand des Geschickten erregt, ist ein
Zeichen, daß der Operateur die Blase selbst beeinträchtige; der Schmerz
dirigirt hier seine Hand und das Instrument, er ist der sicherste
Moderator seines Handelns. Wenn der Kranke aber betäubt ist und gar
nicht fühlt, so kann er wohl eine kleine Falte der Blasenwand mit einem
Steinfragment fassen und letzteres zwar zerbrechen, aber auch zugleich
die Blasenfalte mit zerquetschen, ohne es zu merken. So mögte er dann,
wenn er das Instrument herausgezogen hat, wohl glauben, durch seine
vortreffliche Operation dem Kranken das Leben gerettet zu haben, während
er die Ursache seines Todes ist. Der Wiedererwachende wird sogleich die
heftigsten Schmerzen empfinden, und ein starker Blutabgang lehren, was
in der Blase vorgegangen ist.
Bei der _Radicalcur des Wasserbruchs_ durch Injection oder durch
Incision, bei der Phimose und Paraphimose, bei der Castration, der
Amputatio penis und vielen anderen kleinen Operationen an den männlichen
Genitalien ist die Aetherbetäubung wegen der Schnelligkeit, mit
welcher dieselben zu machen sind, von geringerem Werthe, doch nicht zu
verwerfen, da man auch den schnell vorübergehenden Schmerz dem Kranken
gern ersparen will. Dasselbe gilt auch von manchen kleinen Operationen
an den weiblichen Genitalien.
Bei der _Operation des Mastdarmkrebses_, wie schon oben bemerkt, und
der des Vorfalls des Mastdarms ist, wegen der großen Schmerzhaftigkeit
dieser Operationen, die Aetherisation passend. Weniger dagegen bei der
leicht und schnell ausführbaren Operation der Mastdarmfistel und der
Hämorrhoidalknoten.
Ueberblick der chirurgischen Operationen unter günstiger Anwendung der
Aetherdämpfe.