ganz Berauschte bricht in die lautesten Klagen aus, Worte, Stimme und
Geberden drücken ein unbeschreibliches Wehe aus, sein Zustand ist wohl
die wildeste Verzweiflung. Es ist nicht der furibunde Aetherrausch,
wie ich ihn auch ohne Operation bei Aetherisirten gesehen habe, allein,
sondern derselbe ist durch letztere noch gesteigert. Aber auch ohne
vorangegangene furiose Delirien kann ein sanfter, schlafähnlicher oder
heiterer Rausch durch das Schmerzgefühl zum furibunden gemacht werden.
Dieser Zustand zeigt aber große Verschiedenheit. Nach überstandener
Operation erkennen wir aus den Mittheilungen der Kranken, daß
sie wirklich gelitten haben, während in anderen Fällen der ganze
schmerzliche Hergang nur noch dunkel in ihrer Erinnerung lebt. Die
Ursache dieser Erscheinungen ist, wie ich glaube, ganz besonders eine
der Operation vorhergehende, ungewöhnliche Furcht, ein ungemein starres
Festhalten des grausigen Bildes derselben und ein Mithinübernehmen
desselben in den unfreien Aetherrausch. Diejenigen Erscheinungen, wo der
Kranke bei der Operation den Schmerz ausdrückte, ohne daß derselbe sich
nach Beendigung desselben bewußt war, kann man dadurch erklären, daß man
annimmt, er habe nur die Erinnerung an denselben verloren.
Chirurgische Wahrnehmungen bei Aetherisirten.
Die Blutung ist bei chirurgischen Operationen, welche unter der
Anwendung des Aethers vorgenommen werden, immer stärker als sonst. Dies
stärkere Ausfließen des Blutes, die Wunde mag groß oder klein sein, ist
besonders Folge der größeren Verflüssigung desselben durch den Aether.
Modificationen treten indessen bald durch größere Betäubung des Kranken
und Aufregung des Gefäßsystems ein. Amussat sah, daß die dunklere
Färbung des Blutes immer der Betäubung voranging, doch fand ich das Blut
ebenfalls dunkel, auch wenn keine Betäubung eintrat. Die Verflüssigung
des Blutes scheint schon sehr bald nach dem Einathmen einzutreten, indem
der Aetherdunst seiner großen Theilbarkeit wegen sehr schnell die festen
und flüssigen Theile des Körpers durchdringt. Eine zweite Erscheinung,
welche man sogleich wahrnimmt, ist, daß eine größere Anzahl von Arterien
spritzen als sonst, und kleine, welche man sonst nicht bemerkt, in
feinem, scharfen Strahl das Blut fortschießen. Amussat meint, daß diese
stärkere Blutung aus kleinen Arterienästen in Folge der Aetherisation
ein neuer Vortheil für die Chirurgie sei, indem man dieselben entdecken
und durch Unterbindung Nachblutungen vorbeugen könne; aber dies ist
gerade ein Nachtheil. Es wird dadurch die Reizung, man mag die
Gefäße torquiren oder unterbinden, noch vergrößert, und leichter zu
gefährlichen Folgen Veranlassung gegeben. Ich glaube sogar, daß eine der
häufigsten Todesursachen die Unterbindung vieler kleinen Gefäße ist.
Das Blut ist aber nicht bloß flüssiger und dunkler, sondern es hat einen
wirklichen Aethergeruch. Den Aethergeruch möchte man wohl schwerlich
während der Operation, wo Alles im Zimmer nach Aether duftet, an dem
ausfließenden Blute wahrnehmen, aber wenn es aufgefangen und an einem
anderen Orte untersucht wird, verleugnet es den Aethergeruch nicht.
Dieselben Resultate wie der Aether geben auch die Einathmungen von
Kohlengas, Stickgas, Wasserstoffgas u. s. w., nämlich vorhergehende
Empfindungslosigkeit während des Athmens und allmälige Wiederkehr der
Empfindung bei neuer Einathmung der atmosphärischen Luft. Hieraus folgt,
daß die Empfindungslosigkeit das Resultat der Einwirkung des Blutes
auf die Centralpunkte der Nerven ist, welches nicht in den Lungen
umgewandelt ward.
Eine dritte Erscheinung ist, daß das Blut überhaupt dunkeler aussieht.
Dies fällt weniger bei dem Venenblut auf, als beim arteriellen, welches
oft ein vollkommen venöses Ansehen hat, niemals aber ganz so roth ist
wie sonst. Dies habe ich nicht allein gesehen, sondern fast alle anderen
Aerzte.
Nach Amussat wird während des Einathmens das arterielle Blut dunkel.
Diese Färbung geht dem Eintritt der Unempfindlichkeit vorher. Wird dann
wieder atmosphärische Luft eingeathmet, so wird das Blut schon vor der
Rückkehr der Empfindlichkeit wieder roth.
Verhalten nach der Operation.
Der Zustand der Aetherisirten nach größeren chirurgischen Operationen
zeigt manche Eigenthümlichkeiten, welche allein oder doch größtentheils
dem Aether zukommen. Bei Mehreren stellt sich unmittelbar nach der
Operation starkes Aufstoßen und Erbrechen wie nach einem gewöhnlichen
Rausch ein, bei Anderen ein kurzer Reizhusten und Niesen, welches
beides bald verschwindet. Dagegen haben andere Aerzte bisweilen
heftige Brustbeschwerden und selbst Blutspeien, wahrscheinlich nach der
übertriebenen Aetherisation, beobachtet. Bei mehreren Kranken trat bald
nach dem Einathmen der Dünste Erbrechen ein, bei anderen erst später
nach überstandener Operation. Eine größere Anzahl klagte nur über
Uebelkeit. Viele Kranke leiden hinterher an einem dumpfen Kopfschmerz
und großer Abgeschlagenheit des ganzen Körpers. Manche werden von großer
Schwermuth befallen, und gerade diejenigen am meisten, welche in einem
Meere von Wonne schwebten, und nun beim Erwachen keine andere Seeligkeit
als die einer überstandenen chirurgischen Operation wahrnehmen.
Ein sanfter Schlaf hob indessen gewöhnlich alle diese unangenehmen
Nachwirkungen des Aethers, und am nächsten Morgen waren diese
Erscheinungen gewöhnlich wieder verschwunden.
Unverkennbar ist aber die durch die Aetherisation herbeigeführte Neigung
der Operationswunden zu Nachblutungen. Sie wird hinlänglich durch
die oben bemerkte größere Verflüssigung des Blutes durch den in
den Kreislauf aufgenommenen Aether erklärt. Stärkere Compression,
Tamponnade, kalte Umschläge in Verbindung mit einem kühlenden Regimen
heben indessen die Nachblutungen alsbald.
Gegen ungewöhnlich lange Betäubung sind die vorzüglichsten Mittel
frische Luft und kaltes Wasser, kalte Umschläge auf die Stirn gelegt.
Bei zwei nicht einmal stark von mir Aetherisirten stellten sich
bedeutende Congestionen nach dem Kopfe ein, welche durch Aderlässe aber
sogleich gehoben wurden. Das abgelassene Blut, welches nach Aether roch,
war flüssiger, der Blutkuchen kleiner, das Blutwasser röthlich. Andere
leiden noch längere Zeit an nervösem Kopfweh. Bei Gerdy selbst dauerte
dieses 10 Tage lang.
Das Riechen an Salmiakspiritus, welches man als Antidotum gegen
Aetherbetäubung empfohlen hat, möchte wohl nur beim eingetretenen
Scheintode zu empfehlen sein. Jackson räth, wie schon erwähnt worden,
bei tiefer Betäubung den Kranken Sauerstoff einathmen zu lassen und bei
jeder unter Einwirkung des Aethers vorzunehmenden Operation eine
Flasche mit Sauerstoffgas in Reserve zu haben, doch wird diese Vorsicht
überflüssig, wenn man den Kranken nicht überstark ätherisirt.
Gefährlich scheint es zu sein, dem Kranken nach überstandener Operation
starke Getränke zu geben. (Fairbrother reichte dieselben bei einer
Amputation und ätherisirte abwechselnd den Patienten.) Es kann nämlich
dadurch eine gefährliche Steigerung des Rausches herbeigeführt werden.
Lehrreich ist in dieser Beziehung das Beispiel von Siegmund, welcher bei
einem Manne, auf welchen der Aether nicht zu wirken schien, von einem
Glase Wein einen starken Nachrausch entstehen sah.
Mehrere Aerzte beobachteten starke Schweiße nach der Operation als üble
Folge der Aetherisation. Ich habe diese späten Schweiße nur zwei Mal
gesehen, sie waren für den Kranken keinesweges erschöpfend, sondern
schienen vielmehr einen ganz wohltuenden Einfluß zu üben.
In Folge der großen Theilbarkeit der Aetherdämpfe nehmen wir bei
ätherisirten Personen noch längere Zeit einen durchdringenden
Aethergeruch wahr. Nicht bloß die ausgeathmete Luft, sondern auch
der Schweiß und die Oberfläche des Körpers riechen noch nach mehreren
Stunden, selbst noch mehrere Tage lang nach Aether. In einem Falle nahm
ich noch am dritten Tage nach der Operation den Aethergeruch wahr.
Die ausgeathmete Luft ätherisirter Kranken enthält nach Despretz
nur halb so viel Sauerstoff als die gewöhnliche Luft, denn bei einer
Temperatur von 20 Grad ist die elastische Kraft des Aethers ungefähr der
Hälfte des mittleren Druckes der Atmosphäre gleich.
Die unter Aether Operirten scheinen nach überstandener Operation,
abgesehen von dem Gefühle der Abgeschlagenheit, weniger glücklich
darüber, was sie nicht wahrgenommen, als die es sind, welche unter
Schmerzen operirt worden, daß der gefürchtete Augenblick vorüber ist. Es
stellt sich bei ihnen eine eigenthümliche Furcht vor dem Verbande ein,
bei dem sie sich weit sensibler zeigen, als die nicht Aetherisirten,
denen das Unbehagliche des Verbandes höchst unbedeutend im Vergleich zu
dem Schmerze bei der Operation erscheint.
Spätere nachtheilige Einflüsse von großer Bedeutung auf das allgemeine
Befinden der Kranken oder auf die Operationswunden habe ich nicht
bemerkt. Diejenigen Wunden, welche durch Heftpflaster oder Nähte zur
unmittelbaren Verwachsung geführt werden sollten, waren oft in wenigen
Tagen, wie sonst, vollkommen geschlossen.
Bei Wunden mit Substanzverlust beobachtete ich keine stärkere
Entzündung, als gewöhnlich, (vielleicht eine geringere). Der Eiterungs-
und Granulationsproceß war bald natürlich, bald die Plasticität
vermindert, die Heilung erfolgte in der gewöhnlichen Zeit auch wohl
etwas später.
Auch die festen Theile scheinen einige Veränderungen durch den Aether
zu erleiden. Die Haut ist welker und zeigt einen geringeren Grad
von Elasticität beim Durchschneiden, weshalb sie sich weniger
stark zurückzieht. Das Zellgewebe ist dunkler und blutreicher, die
willkührlichen Muskeln bei starker Betäubung schlaffer und unverkennbar
von einer leicht braunen Färbung. Auch die unwillkührlichen Muskeln, wie
die des Darmkanals, erschlaffen; daher mitunter größere Leichtigkeit,
incarcerirte Brüche zurückzubringen. Eben so die Blase deren
willkührlicher Schließungsmuskel bisweilen sich öffnet und den Urin
ausfließen läßt. Bei einer Frau (siehe unten), welcher ich einen
eingeklemmten Bruch operirte, fand sich auf der anderen Seite ein großer
beweglicher Bruch, nur von papierdicken Hüllen bedeckt. Die durch sie
hindurch deutlich wahrnehmbare aufgeblähte Darmschlinge war in großer
Aufregung, und die peristaltische Bewegung sichtbar. Nach der Einwirkung
der Aetherdämpfe erlahmte diese Bewegung allmälig, und die Darmschlinge
kroch langsam in die Bauchhöhle zurück.
Der Zustand der Empfindungslosigkeit selbst bei der größten
chirurgischen Operation, zeigt gerade das Umgekehrte von dem, was wir
an einem an der asphyctischen Cholera Leidenden sehen. Während bei jenem
die Operationswunde stärker blutet, ist die Empfindlichkeit vollständig
aufgehoben. Bei blauen Cholerakranken giebt die Wunde keinen Tropfen
Blut, sie ist fast trocken, und selbst die großen Arterien an
den Gliedern sind leer, und dennoch ist der natürliche Grad des
Empfindungsvermögens in allen Theilen der Wunde vorhanden. Eine
grausenvolle Erscheinung! Also Lebensausdruck in dem Todtscheinenden und
Todeserscheinungen in dem Lebendigen.
Von der Anwendbarkeit der Aetherdämpfe bei den einzelnen chirurgischen
Operationen.
Die Chirurgen und chirurgischen Schriftsteller haben in neuester Zeit
häufig den Aether über die Operation gestellt. Sie reden von glücklichen
und unglücklichen Versuchen, von glücklichen und unglücklichen
Operationen, und damit meinen sie nur den Aether, nicht die eigentliche
chirurgische Operation. Abgesehen, daß der Ausdruck _Versuch_ beim
Menschen in einer ernsten Sache nicht recht passend ist, da man nur
höchstens an Thieren experimentirt, am wenigsten an einer 6 Monate
schwangeren Frau, wie Herr Cardan mit dem Aether that! (s. u.)
Glückliche Operationen werden jetzt also diejenigen genannt, bei denen
der Kranke den Aether gut geathmet und einen guten, sanften Rausch
gehabt hat; ungünstige dagegen die, wo er widerspenstig beim Athmen
gewesen ist, einen wilden Rausch gezeigt, dabei geschrieen und getobt
und die Operation schmerzlich empfunden hat. Der chirurgische Theil der
Operation ist also gegen den Aether ganz in den Hintergrund gestellt,
daß bei Vielen es so aussieht, als wäre die Operation und ihre
künstlerische Ausführung ganz Nebensache, als wäre es ganz Nebensache,
ob der Kranke sich hinterher gut oder schlecht befunden habe, gefährlich
krank geworden oder gar gestorben sei, wenn er nur nicht unmittelbar
darauf und der Aetherbetäubung unterlegen hat.
Diese Einseitigkeit in der Auffassung einer der größten Entdeckungen
kann derselben aber nur schaden, zu Irrungen verleiten und den Gegnern
gefährliche Waffen in die Hand geben. Vieles kann und darf mit Aether
operirt werden, Manches darf durchaus nicht mit Aether operirt werden,
und bei noch Anderem ist der Aether Luxus, d. h. die Aetherisirung steht
nicht im Verhältniß zur Operation, sie ist zu klein, und das Mittel
zu groß; es ist, als wolle man mit einer Kanone nach einem Sperling
schießen, oder eine Fliege statt mit einer Klappe mit einer Holzaxt
todtschlagen. -- Das wird man vielleicht übel nehmen und sagen, ich sei
ein Gegner des Aethers.
Die Aetherisation ist unter allen Umständen bei allen Operationen
aber zu vermeiden, wenn der Mensch an Krankheiten der Luftwege, an
Congestionen nach der Brust und dem Kopfe, an Neigungen zu Blutflüssen
und großer Reizbarkeit des Nervensystems leidet. Blutungen, Schlagfluß,
gefährliche Nervenzufälle können das Leben dann auf das Spiel setzen,
und die Eröffnung eines Geschwürs oder das Loswerden eines kranken
Zahnes viel zu theuer erkauft werden. Eben so wenig giebt auf der
anderen Seite die bedeutende Größe einer Operation die alleinige
Bestimmung zur Anwendung des Aethers, da dieser durch manche wichtige
Umstände verboten sein kann. Der einsichtsvolle Arzt wird dies Alles zu
berücksichtigen wissen.
Von den vielen Hunderten von chirurgischen Operationen, welche an eines
kranken Menschen Leib, um ihn wieder gesund zu machen und sein Leben
zu erhalten, ausgeführt werden können, will ich einige in Bezug auf die
Anwendbarkeit des Aethers durchgehen.
Man möge es mir verzeihen, wenn ich nicht die Namen aller der Männer,
welche diese oder jene Operation mit Erfolg unter der Anwendung
des Aethers vorgenommen haben, anführe, da das Material bereits zu
massenhaft angehäuft ist.
_Das Brennen._ Das Feuer ist gefürchteter als das Messer. Die Schrecken
des glühenden Eisens und der Brenncylinder geben der Aetherbetäubung
hier eine ihrer ersten Stellen. Die Anwendung des Glüheisens ist zwar in
neuerer Zeit bei Gelenkkrankheiten sehr beschränkt worden, indeß müssen
wir die Betäubung des Kranken bei der häufig anzuwendenden Moxa als
ein herrliches Mittel, ihre unerträglichen, nachhaltigen Schmerzen
aufzuheben, betrachten. Die meisten Wundärzte haben sich bereits mit
glücklichem Erfolge hier des Aethers bedient und vielen Kranken die
Schmerzen erspart, da sie nach überstandener Operation durchaus keine
Erinnerung davon hatten. -- Bei der Operation kann man indessen in
Bezug auf Feuer und Licht nicht vorsichtig genug sein. So wie der Kranke
betäubt ist, muß der Apparat und das Licht aus dem Zimmer entfernt,
und wenn dieses klein ist, ein Fenster geöffnet werden, damit keine
gefährliche Entzündung entstehe. Charrière hat deshalb, wie schon oben
bemerkt, auch seinen Apparat, wie die Davy'sche Sicherheitslampe der
Bergleute, mit einem feinen Drahtnetz umgeben.
_Verrenkung der Glieder._ Bei der Verrenkung der Glieder ist die
Aetherbetäubung zum Wiedereinrichten derselben ein wunderbares Mittel.
Durch sie wird das verwirklicht, wonach man Jahrhunderte vergebens
gesucht hat, und wovon man nur den kleinsten Theil auffand. Bei frischen
Verrenkungen ist die Schwierigkeit der Wiedereinrichtung zwar nicht
groß, doch bedarf es dazu einiger Geschicklichkeit und Uebung. Bei der
Verrenkung eines großen Gliedes, besonders wenn schon einige Zeit danach
verstrichen ist, kommt es, um dasselbe wieder einzurenken, oft nicht
bloß auf Geschicklichkeit und richtige Leitung der helfenden Kräfte an,
sondern vornehmlich auf Erschlaffung der krampfhaft zusammengezogenen
Muskeln. Diesen Zustand allgemeiner Abspannung suchte man in
schwierigen Fällen durch Blutentziehungen bis zur Ohnmacht, betäubende
Arzeneimittel, durch Abführungen, Brechmittel, Ekelkuren, Hungern, laue
Bäder, ölige Einreibungen u. s. w. herbeizuführen; Dupuytren bediente
sich sogar des Schreckens, indem er plötzlich mit einem großen Messer
auf den Kranken losging, als wolle er ihn amputiren, wo er dann dem
vor banger Furcht Zusammenbrechenden schnell das Glied einrenkte. Die
widerstrebende Macht der zusammengezogenen Muskeln großer Glieder, wie
bei der Verrenkung des Oberschenkels, ist bei starken Männern bisweilen
so groß, daß selbst Flaschenzüge den Widerstand nicht zu überwinden
vermögen, und die Muskeln leichter zerreißen als nachgeben. Nur die
Durchschneidung der am meisten zusammengezogenen Muskeln half bisweilen
die Schwierigkeiten der Einrichtung überwinden. Den wünschenswerthen
Zustand der gänzlichen Erschlaffung der Muskeln führt nun die
Aetherbetäubung in einer Weise und in einem Grade herbei, daß dieser
schwierige Theil der Chirurgie dadurch an Sicherheit und glänzendem
Erfolg für immer gewonnen hat. Sollte der Aether auch bei allen blutigen
Operationen wieder in Verfall kommen, so wird er bei Luxationen sich
immer erhalten. Als Regel muß hier aber gelten, daß der erste Grad der
Aetherisirung, die Aufhebung der Empfindung, nicht ausreicht, sondern
daß der Zustand der vollen Betäubung zur Erschlaffung aller Muskeln
herbeigeführt werden muß. So renkte Velpeau mit Leichtigkeit den
Oberschenkel wieder ein. Eben so leicht gelang anderen Wundärzten die
Wiedereinrichtung des verrenkten Oberarmes so wie anderer Glieder.
Von _complicirten Knochenbrüchen_ größerer Gliedmaßen, besonders des
Unterschenkels, wo die Bruchenden übereinander geschoben sind, und wo
Alles darauf ankommt, die Bruchflächen wieder gegeneinander zu stellen,
gilt dasselbe wie von den Luxationen. Die Erschlaffung der durch die
Verletzung gereizten und zusammengezogenen Muskeln, welche durch die
Betäubung des Kranken herbeigeführt wird, macht die Einrichtung mit weit
geringerem Kraftaufwande als sonst möglich, so daß zwei Menschen
jetzt dasselbe leicht erreichen können, was sonst vier nur mit aller
Kraftanstrengung und unter den größten Schmerzen zu Stande zu bringen
vermochten.
Bei _Resectionen der Gelenkenden_, so wie beim Ausziehen großer
Sequester, ist die Aetherbetäubung ebenfalls mit größter Erleichterung
für die Kranken bereits mehrere Male gemacht worden. So resecirte
Heyfelder den Kopf des Oberarms unter Aether.
_Die Operation der Pulsadergeschwulst._ Bei der Unterbindung großer
Gefäßstämme zur Heilung des Aneurysma's ist der Vortheil der Betäubung
nicht groß. Die Operation ist selten sehr schmerzhaft, und die Kranken
pflegen sich aus Furcht ruhig zu verhalten. Ein unruhiger oder gar
wilder Rausch könnte hier sehr gefährlich werden und eine Verletzung der
bloßzulegenden und zu unterbindenden Arterie veranlassen. Zwei wichtige
Umstände scheinen mir hier der Betrachtung werth zu sein. Der eine ist
für die Operation vielleicht nützlich, der andere steht ihr entgegen.
Die durch den Aether bewirkte Verflüssigung des Blutes muß nach
Unterbindung des Hauptstammes der Arterien die Herstellung des
Collateralkreislaufs befördern und die Gefahr des Absterbens der Glieder
vermindern. Auf der anderen Seite tritt uns ein neues Bedenken entgegen.
Die Aetherisirung vermindert die Plasticität des Blutes, es bildet sich
nicht immer ein gehöriger Thrombus und nach der Durchschneidung des
Gefäßes durch den Unterbindungsfaden entsteht eine Blutung.
Noch weniger ist aber die Aetherisirung angezeigt, um eine zufällig
verwundete größere Arterie zu unterbinden, da, außer den oben
angegebenen Bedenklichkeiten, die Blutung durch das Einathtmen des
Aethers noch vergrößert werden würde. Die Torsion erscheint bei
Aetherisirten gewiß sehr bedenklich und läßt wohl noch leichter
Nachblutungen zu als die Unterbindung.
_Orthopädische Operationen._ Bei den größeren orthopädischen Operationen
findet die Anwendung des Aethers als Schmerzstillungsmittel ein sehr
geeignetes Feld, da sie besonders dann empfindlich sind, wenn
ein großes, viele Jahre lang gekrümmt gewesenes Glied, nach der
Durchschneidung der verkürzten Sehnen oder Muskeln, schon vor der
Anwendung der Maschine einigermaßen gestreckt werden muß. Dies gilt
besonders von Contracturen des Hüft- und Kniegelenkes. Von unendlichem
Nutzen ist hier die Aetherisation, wie ich bei meinen Operationen
bisweilen gesehen habe, Dasselbe wird auch von Anderen angegeben. Wo
aber nur die Achillessehne, wie beim Pferdefuß oder dem niederen Grade
des seitlichen Klumpfußes, zu trennen ist, oder bei der Contractur
im Ellenbogengelenk oder dem schiefen Halse, wenn nur eine Sehne
zu durchschneiden, ist der Aetherrausch weniger am Orte, da diese
Operationen weniger schmerzhaft sind und nur einen Augenblick erfordern.
Hätte der Kranke aber gar einen üblen Rausch, so würde man ihm und sich
die Operation sehr erschweren. Anders verhält es sich mit den höheren
Graden des Klumpfußes, wo theils die Verdrehung des Fußes, theils seine
Formveränderung die Durchschneidung mehrerer Sehnen erfordert, besonders
aber wenn wegen großer Zusammenziehung und Mißstaltung des Fußes,
Durchschneidungen in der Fußsohle nöthig wären, um dem Gliede
durch zweckmäßige Nachbehandlung die natürliche Stellung, Form
und Brauchbarkeit zu verschaffen. Bei diesen Operationen ist die
Aetherisirung dringend zu empfehlen. Dasselbe gilt auch von
der Einrichtung veralteter Luxationen mit Hülfe der Sehnen- und
Muskeldurchschneidung, z. B. des Schulter-, Arm-, Hand-, Knie- und
Fußgelenkes. Der starre Widerstand der durch die lange Dauer des Uebels
verkürzten Theile wird durch die Betäubung etwas gemindert und dadurch
ihre Durchschneidung noch mehr erleichtert. Eine große Wohlthat ist es,
bei diesen schmerzhaften Unternehmungen dem Kranken die Empfindung zu
rauben, und gewiß wird die Einrichtung hier jetzt auch in den Fällen
bisweilen gelingen, wo sie früher nicht immer möglich war.
_Die Exstirpation von Geschwülsten_ begehrt den Aether, wenn sie
groß sind, und die Operation schmerzhaft ist. Dies gilt sowohl von
Geschwülsten an der Oberfläche des Körpers als von den in zugänglichen
Höhlen. Von den letzteren ist an einem anderen Orte noch besonders
die Rede. Die Operation großer, festsitzender fibröser, skirrhöser und
steatomatöser Tumoren, der Fett- und Balggeschwülste, wird dem Kranken
und dem Arzte durch den Aether sehr erleichtert, so daß er dieselbe bei
größerer Ruhe, welche die Kranken gerade bei diesen Operationen nicht
zu haben pflegen, in viel kürzerer Zeit ausführen kann. Dagegen ist die
Aetherbetäubung ein zu großes Mittel, um sie beim Ausschneiden jeder
kleinen Balggeschwulst, wie z. B. bei einem Grützbeutel auf dem Kopfe
oder an einem anderen Körpertheile anzuwenden. Nur die Individualität
des Kranken wird hier eine Ausnahme machen, so daß man auch bei kleinen
Operationen dieser Art sehr furchtsamen und sensiblen Kranken,
besonders wenn sie sich sehr nach dem Aether sehnen, eine leichte
Empfindungslosigkeit vor der Operation zu Gute thun kann.
_Beim falschen Gelenke_, welches nach einem nicht wiedergeheilten
Knochenbruche entstanden ist. Die Durchbohrung der Knochenenden und die
Einführung von Zapfen in dieselben, zur Hervorrufung einer entzündlichen
Anschwellung mit neuer Callusbildung machen bei dieser intricaten
Operation eine Erschlaffung der Muskeln und völlige Regungslosigkeit des
Kranken höchst wünschenswerth.