Was zuerst die Betäubung anbetrifft, von der Gerdy als dem ersten

Zeichen der Aetherwirkung redet, so ist ihm dieselbe allenfalls

zuzugeben. Sie hat aber mit der wirklichen Betäubung bei beginnendem

Rausch nicht die mindeste Aehnlichkeit; denn während diese sichtbarlich

auf der Hervorhebung der Subjektivität gegründet ist, finden wir hier

nichts Anderes als eine plötzlich herabgesetzte und cessirte Anspannung

der Nerventhätigkeit, und zwar in beiden Sphären derselben, in der

sensiblen und in der motorischen. Man kann die Aetherwirkung passend mit

dem das Einschlafen begleitenden Zustand vergleichen. Man könnte zwar

behaupten, daß beim Einschlafen das Gefühl des ohnmächtigen Dahinsinkens

ganz fehle, welches sich hier vorfindet; doch ist auch bei der

Aetherisation dies Gefühl nicht konstant, vielmehr beruht es auf einer

gewissen Aengstlichkeit, die bei öfterer Wiederholung des Versuchs

verschwindet. »So hatte ich, sagt von Graefe, bei den letzteren an

mir selbst angestellten Versuchen statt der von Gerdy erwähnten

rauschähnlichen Betäubung am Anfang ganz das Gefühl einer hohen,

körperlichen und geistigen Trägheit, weshalb willkührliche Bewegungen

und logische Schlüsse, wie sie sonst mechanisch verrichtet werden, zu

ihrer Ausführung die ganze Willenskraft in Anspruch nahmen, und

bald darauf die Empfindung eines durch Abspannung herbeigeführten

Einschlummerns.

Das Gefühl von Hitze im Kopfe und von Kälte der Extremitäten ist

allerdings nicht selten, das Arterienklopfen sogar so häufig, daß

ich darauf die von Gerdy meinen Versuchen zufolge überaus frühzeitig

beobachtete Alteration des Gehörsinns zu schieben geneigt bin.«

Diese Alteration sah ich, allerdings bei Leuten, die zu subjektiven

Gehörerscheinungen irgendwie geneigt sind, sich durch das Gefühl eines

eigenthümlichen, klingenden, doch immer noch rhythmischen Geräusches

manifestiren, das ihnen beim ersten Versuch oft große Angst einflößte,

indessen die Wahrnehmung des Schalls nicht sehr behinderte.

»Das Gefühl von Uebelkeit kann sich in dem ersten Zeitraume der

Aetherwirkung kaum einstellen, wenn es nicht etwa Folge des Schluckens

des Aethers ist. Es muß als eine sympathische Erscheinung der

Cerebralaffektion angesehen werden, die sich erst viel später einstellt.

Was Herr Gerdy über die verschwindende Sinnesthätigkeit sagt, so ist

es gewiß, daß er seinen Versuch nicht lange genug oder bei einer zu

geringen Imprägnation der Luft mit Aethergas fortgesetzt hat.«

Wenn wegen der oben erwähnten Inertie eine mangelhafte Reaktion auf

Sinneseindrücke stattfindet, so ist eine mangelhafte Aktion der Sinne

selbst, und zwar aller Sinne unverkennbar. Mit Unrecht glaubt Gerdy

den Geruchs-, Geschmacks-, Gefühlssinn ausnehmen zu dürfen, die eben

so deutlich und im Allgemeinen noch eher als der Gehörsinn

betroffen werden. Alle Sinne werden dumpf, verlieren allmälig ihren

eigenthümlichen Charakter, lösen sich in eine allgemeine, mechanische

Perception auf und verschwinden endlich ganz. Wie es überhaupt der

Willenskraft gelingt, die Aetherwirkung sehr zu verzögern, so geschieht

dies besonders in dem Zeitraume, wo die Sinneswahrnehmung anfängt sich

zu verwischen; eine angespannte, intense Bethätigung der sensoriellen

Funktionen hält deren Verfall bedeutend auf. So sind denn scharf

riechende, schmeckende Substanzen, Anspritzungen mit kaltem Wasser die

besten und schnellsten Antidota für die Aetherwirkung in diesem Grade.

Vortrefflich ist das, was von Graefe über das Verschwinden der Sinne

beobachtete. Die Reihenfolge, in der die Sinne verschwinden, variirt

also nach der ihnen willkührlich verliehenen Bethätigung. Schließen der

Augen bewirkt frühzeitiges Verschwinden der Sehkraft, Fixiren einzelner

Gegenstände mit den Augen erhält dieselbe, genaues Aufmerken auf Alles,

was gesprochen wird, erhält das Gehör, Unachtsamkeit macht es bald

stumpf.

Abgesehen von dieser willkührlichen Erhaltung der einzelnen Sinne,

beobachtete man gewöhnlich diese Folgereihe. Das Gefühl wird dumpf, fast

gleichzeitig mit dem Geschmack, dann das Gesicht, dann der Geruch und

endlich das Gehör. Das gänzliche Stillestehen der Sinnesthätigkeit

findet gewöhnlich in derselben Succession Statt. Sehr oft geht aber

die Beobachtung einer deutlichen Folge verloren, nämlich wenn in einem

tiefen Athemzuge der Uebergang von der gedämpften Reizempfänglichkeit

zur vollkommenen Reizlosigkeit und Bewußtlosigkeit vermittelt wird. In

solchen Fällen beobachtet man beim Erwachen gewöhnlich die Rückkehr der

Sinne in der oben beschriebenen umgekehrten Folge.

Unerwähnt ist in dem Bericht von Gerdy der dritte Zeitraum, der auf die

aufgehobene Wahrnehmung mit physiologischer Nothwendigkeit folgen muß,

nämlich die vollständige Bewußtlosigkeit, wo Verstand und Auffassung

nicht mehr frei bleiben. Jede bewußte Communication mit der Wirklichkeit

ist abgeschnitten, der Wille, etwas auszuführen, ist nicht mehr

vorhanden, da dem Geiste alle Anhaltspunkte zur Aufrechthaltung oder

Wiedererlangung des Selbstbewußtseins entzogen sind; dieser Zeitraum ist

es, der allerdings mit dem Rausche zusammengestellt werden kann, da sich

hier die, vorher bloß scheinbare, Gehirnaffektion wie im Schlaf durch

Sinnesbetäubungen, nur auf eine andere Art wirklich ausbildet, wovon

uns die Symptome Rechenschaft geben. War vorher eine Trübung des

Bewußtseins, so findet jetzt ein wirkliches Aufhören desselben Statt.

Die Träume der Aetherisirten, wie von Graefe bemerkt, sind äußerst

verschiedener Art, gewöhnlich nur die traumhaften Vorstellungen aus dem

zweiten Zeitraume, da im dritten ebenfalls hierfür der Rückerinnerung

alle Stützpunkte genommen sind. »Mir selbst blieb,« sagt er, »wie

den meisten Anderen aus diesem Stadium nur das Gefühl einer unendlich

langen, durchlebten Zeit zurück. Vergebens haschte ich in Gedanken nach

der vergangenen Traumwelt, die mir wie vielen Anderen gleichsam einen

reicheren Quell des Lebens zu umfassen schien. Eben so wenig verräth

sich die Natur der Träume durch den Gesichtsausdruck. So hörte ich

Jemanden bei der Aetherisation furchtbar stöhnen und sogar in

förmliche Weinkrämpfe verfallen; er erwachte mit dem Gefühl des größten

Wohlbehagens. Einen Anderen sah ich mit dem entschiedenen Ausdruck eines

himmlischen Verzückens unbeweglich verharren; beim Erwachen glaubte er

sich in der Mitte eines Haufens Gassenbuben, die seiner spotteten etc.

Uebrigens gilt für diese Träume, was für alle Träume gilt, daß sie im

Allgemeinen die wichtigsten Hebel des inneren Lebens wählen. Träume von

Verstorbenen beziehen sich meistens auf dahingeschiedene Verwandte

und Freunde, welche die Seele sehr beschäftigen, bei Schwärmern sind

Visionen religiöser Personen etc. sehr häufig. Beim Erwachen aus

dem Zeitraume vollkommener Bewußtlosigkeit findet der Uebergang zum

Normalzustande durch den zweiten Zeitraum bei successiver Sinnesrückkehr

Statt. Ist die Aetherwirkung thatsächlich bis in den dritten Zeitraum

gediehen und hat darin einige Zeit bestanden, so tritt sehr häufig

Erbrechen ein, wie ich es an mir selbst zweimal wahrnahm. Was den Puls

anlangt, so ist ebenfalls die Erfahrung des Herrn Gerdy nicht allgemein

gültig.

In den meisten Fällen findet während der ersten Stadien eine bedeutende

Acceleration Statt, die freilich zum großen Theil auf die psychische

Aufregung zu schieben ist, doch erreichte selbst bei den letzten

Versuchen an mir selbst, wo ich sehr ruhig war, der Puls eine Frequenz

von 170 bis beinahe 180 Schlägen. Mehrere Male mußte ich Versuche wegen

großer Pulsfrequenz unterbrechen. Eine Erscheinung, die aber nie fehlte,

war die veränderte Qualität. Der Puls wird stets weich, was auf die

herabgesetzte Contractilität der Arterienhäute zu beziehen ist. In den

meisten Fällen sah ich auch eine kleinere Blutwelle.

Das Athmen ist im Anfange auch bei zweckmäßigen Apparaten stets

beschleunigt, was theils auf die geistige Aufregung, theils auf die

durch veränderte Luftmischung herbeigeführte Beschwerde zu beziehen

ist; es stellen sich aber nach und nach längere Intervalle zwischen den

Athemzügen ein, so daß die Frequenz bald unter das Normale geht und bei

vollendeter Betäubung oft auf 8-10 Schläge sinkt.

Die mit elektrischen Schlägen vielfach angestellten Versuche bewiesen

mir, daß die Empfänglichkeit für dieselben mit dem gänzlichen Erlöschen

des peripherischen Gefühls ebenfalls aufhört. Später wurden auch sehr

starke Schläge von äußerst empfindlichen Individuen gar nicht mehr

percipirt. Sie zuckten zusammen, fühlten aber gar Nichts.

Bei allen zu Krämpfen geneigten Individuen treten dieselben gewöhnlich

bei der Aetherisation ein, weshalb die ersten Stadien des Aetherschlafes

bei Epileptischen und auch vielen Hysterischen verwerflicher sind, als

bei vollsaftigen, die nur das letzte, wirkliche Congestions-Stadium zu

vermeiden haben. -- An 2 Individuen sah ich während der Betäubung eine

ausgeprägte Catalepsie, Arme und Beine verharrten in der ihnen gegebenen

Lage.

Erschwerte Sprache, die _mehrere Tage_ andauerte, sah ich in einem

Versuche unmittelbar nach der Aetherisation.

Im dritten Stadium fand ich gewöhnlich eine relative Retardation und

eine steigende Größe und Fülle des Pulses, Erscheinungen, die auf die

sich entwickelnde Congestion des Blutes in den Centralorganen hindeuten.

Das Verhalten der Pupille variirt auch nach den Zeiträumen, doch bin

ich, wiewohl ich in den letzten 100 Versuchen genau darauf achtete, noch

keineswegs im Stande, eine gültige Regel dafür aufzustellen. Im dritten

Stadium sah ich aber in 1/3 Fällen eine entschiedene Dilatation.

Es ist bei der Beobachtung eines schon an sich so schwierigen Zustandes,

als der Aetherschlaf ist, durch die genauere Analyse der graduellen

Entwickelung wenigstens gehörige Klarheit zu wünschen. Denn Ausdrücke

wie: »der Geruchsinn ist nicht gelähmt« etc. geben ihrer Unbestimmtheit

wegen zu großen Irrthümern Anlaß. Eine solche Analyse nun ist

freilich nicht das Produkt einiger Versuche, sondern kann erst durch

tausendfältige Wiederholung zu erzielen sein. Das Streben nach einer

solchen analytischen Untersuchung möchte aber wenigstens den heut

zu Tage so vielfach angestellten Experimenten eine wissenschaftliche

Methode und ein wohl begründetes Ziel verleihen.«

Verschiedene Arten des Aetherrausches.

Die Aetherdämpfe erzeugen einen eigenthümlichen Zustand, welcher

am meisten Aehnlichkeit mit dem durch den Genuß geistiger Getränke

herbeigeführten Zustand, welchen wir Rausch nennen, hat, er

unterscheidet sich von diesem besonders dadurch, daß er von subtilerer

und mehr geistiger Natur ist. Indessen wiederholen sich in ihm auf

gesteigerte Weise alle die im Zustande der Trunkenheit gewöhnlichen

Erscheinungen. So wie ein Mensch schon von einer geringen Menge

eines geistigen Getränks berauscht werden kann, so reichen oft wenige

Athemzüge des Aetherdampfes hin, Trunkenheit zu bewirken, und so wie ein

Anderer keine Wirkung von großen Quantitäten geistiger Getränke bei

sich verspürt, so zeigt sich das Nämliche auch nach langem Einathmen der

Aetherdämpfe. Man hat mehrere Menschen über eine Stunde lang inspiriren

lassen, ohne daß sich die geringste Veränderung bei ihnen einstellte.

Die Dauer des Rausches richtet sich besonders nach der Dauer der

Einathmung. Wer augenblicklich betäubt wird, kommt augenblicklich wieder

zu sich, und wer lange Zeit, etwa eine halbe Stunde, gebraucht, um

narkotisirt zu werden, ist nur langsam und schwer aus seiner Betäubung

wieder zu erwecken. Die mindere oder größere Empfänglichkeit für den

Aether hängt wie bei geistigen Getränken vom Alter, vom Geschlecht,

vom Grade der Reizbarkeit des Nervensystems, oder dem größeren oder

geringeren Abgestumpftsein gegen Spirituosa ab.

Wenn wir nun also den durch den Aether bewirkten eigenthümlichen

Zustand Rausch nennen müssen, so zeigt sich in ihm wieder eine mehrfache

Verschiedenheit, welche uns eine abermalige Aehnlichkeit mit dem

Trinkrausche zeigt. Wir nehmen deutlich vier verschiedene Arten des

Rausches wahr. 1, einen ohnmächtigen Rausch, 2, einen heiteren Rausch,

3, einen albernen Rausch, 4, einen tobsüchtigen Rausch. So wie beim

Trinken in Vino veritas, so gilt hier beim Athmen in aethere veritas.

_Im ohnmächtigen Rausche_ erscheint das Individuum als ein schlaffer,

empfindungsloser, welker, warmer Leib, mit gänzlich schlummerndem

Seelenleben. Das Auge ist ganz oder halb geschlossen, das Gesicht

bleich, die Züge ausdrucksloser als im gewöhnlichen Zustande oder in der

Ohnmacht. Den welken Gesichtsmuskeln fehlt alle Mimik. Selten hört man

einen leisen Seufzer oder ein Schnarchen, die Regel ist Stummsein. Wird

dieser Rausch laut, so giebt er sich durch trübe, schwermüthige Stimmung

und dumpfe Klage kund, ohne jemals heiter oder tändelnd oder zornig

zu werden. Dem Erwachen gehen gewöhnlich einige tiefe Einathmungen und

bisweilen Seufzen vorher.

_Der heitere Rausch_, welchen wir häufig bei jugendlichen Personen,

besonders beim weiblichen Geschlecht beobachten, drückt sich oft schon

nach wenigen Athemzügen, wenn der erste Widerwille gegen den Zwang des

Apparats und die neue Luft verschwunden ist, durch milde, freundliche

Erheiterung der Gesichtszüge aus. Eine unbeschreibliche Zufriedenheit

und Fröhlichkeit verbreitet sich über das Gesicht, die Wangen röthen

sich bisweilen, das Auge wird glänzend und schließt sich dann sanft, um

sich von der Außenwelt abzukehren. Es wankt der Boden unter den Füßen,

der Geist streift ab, was Körper ist, die niederen Sinne und Begehrungen

werden mit dem Körper abgelegt. Das Reich der Träume bekommt die

Oberhand, und es verkünden unzusammenhängende, einzelne Worte die

unnennbare Seeligkeit. Die niederen Sinne, das Gefühl, der Geschmack und

der Geruch schlummern und zeigen keine angenehme Täuschung irgend einer

Art. Das innere Auge erblickt nun die glänzendste Farbenpracht und

beim äußeren Schlafe des Ohrs schwelgt der Sinn des Gehörs in den

entzückendsten Tönen. Kein verworrenes Bild stört die Glücklichen, im

Gefühl des gänzlichen Entkörpertseins, eines bis dahin nie gekannten

Zustandes, fehlt ihnen alles Zeitmaaß. Es erscheint ihnen dieser ganze

überirdische Genuß bald als ein einziger seeliger Augenblick, bald

als eine himmlische Ewigkeit. Eben so wenig ist es deutlich, ob

diese Phantasiebilder ausgeschmückte und verwandelte Recitationen

von Erlebtem, oder neu geschaffene Wonnen sind. Zärtlichen Kindern

erscheinen die liebenden Eltern als verklärte Gestalten, und liebende

Mütter sehen das Gewand ihrer Kinder in unbeschreiblich blendender Weiße

prangen. Wer nie in der Musik gelebt, wird im wonnigen Selbstgefühl

zum Meyerbeer, das Mädchen ohne Stimme zur Jenny Lind, der trockenste

Prosaiker zum Dante, der Furchtsame zum Helden, der die Schlacht

gewonnen und im glänzenden Heereszuge unter Pauken- und Trompetenklang

im Triumph in die schöngeschmückte Vaterstadt heimkehrt, der Diener zum

großen Herrn. Unter die Stellung, welche Jeder im Leben hat, träumt

sich Keiner hinab. Alle steigen auf Adlers Schwingen hinauf in eine

glänzende, azurne Bläue oder zu einem gelben, schimmernden Goldmeer.

Keiner tritt die harte Erde, die Füße und die Schwere des Leibes sind

abgelegt, Alle schweben gewichtlos und in einem weiten Raume. Sind es

niedere, irdische Erinnerungsbilder, welche vor die Seele treten, so

nehmen Theater und Concerte meistens die erste Stelle ein. Siegmund

beobachtete, daß ein junger Mann seine ganze orientalische Reise

nochmals durchträumte. Kronser meint, schlechte Poeten könnten durch

Aetherdämpfe gehoben und verbessert werden. Wenn das möglich wäre, so

wäre es ein Glück, und vielleicht könnte auch die Prosa dadurch veredelt

werden.

Dem heiteren Rausche würden auch die sinnlichen Träume, welche bisweilen

beobachtet sein sollen, und aus denen man ein bedenkliches Argument

gegen den Aether entnommen hat, angehören. Wir haben dergleichen

in keinem einzigen Falle weder beim männlichen noch beim weiblichen

Geschlecht gesehen. Dagegen kam mehrere Male bei Aetherisirten

unwillkührlicher Urinabgang vor.

_Der alberne Rausch_ kommt zum Glück selten vor. Schon bei dem ersten

Eintritt der Wirkung des Aethers bekommt das Gesicht einen anderen

Ausdruck, und der Mensch wird sich ganz unähnlich. Die Gesichtsmuskeln

beginnen ein vibrirendes Spiel, die Augen werden weit aufgerissen und

krampfhaft wieder geschlossen. Unruhe verbreitet sich über den ganzen

Körper und es treten abwechselnd willkührliche und unwillkührliche

Bewegungen der Glieder ein. Der Athmungsapparat wird entfernt, der

Mensch fängt an ohne deutlichen Zusammenhang zu sprechen, bald Albernes

zu improvisiren, Scherze mit den Umstehenden zu treiben und diesen

wohl ein Lachen abzunöthigen. Alles mit unheimlichen Geberden und

Gestikulationen begleitet. Dazu gesellen sich wohl convulsivische

Bewegungen, und die ganze Scene endet mit einer Betäubung, aus welcher

er dann erwacht. Die Kranken wissen von ihrem Zustande kein deutliches

Bild anzugeben, sie versichern nur, daß ihnen sehr verworren zu Muthe

gewesen sei und hegen die Besorgniß, daß sie durch ihr Betragen wohl

Anstoß gegeben hätten, und bitten tausendmal um Verzeihung.

_Der tobende Rausch_ zeigt uns ein weit schrecklicheres Bild als der

stärkste vom Trunke herrührende. Zum Glück ist er in seiner Heftigkeit

nicht viel häufiger als der alberne Rausch. Mit dem Einathmen nimmt

das Gesicht sogleich einen tiefen Ernst und dann den Ausdruck einer

unerbittlichen Strenge an. Die Augen werden weit geöffnet und rollen

und blitzen jähzornig. Jetzt schließen sie sich. Nun liegt der Kranke

regungslos da und erhebt seine Stimme zu den furchtbarsten Drohungen.

Ein undeutliches Schmerzgefühl entflammt ihn noch mehr, er ist sich

einer äußeren Gewaltthätigkeit unklar bewußt, er verwünscht seine

Henker. Ihr Verfluchten! rief Einer aus, Ihr Henker, Ihr Mörder! Und so

ergoß er sich in eine Fluth von Schmähungen, gegen welche sich Papier

und Feder sträuben. Endlich tritt Ermattung ein, und nach einigen

tiefen, schnarchenden Athemzügen kehrt das Bewußtsein wieder, meistens

ohne Erinnerung dessen, was in der Seele vorgegangen, oder was der Mund

gesprochen. -- Bei Anderen äußert sich der tobende Rausch nur durch

heftige Muskelactionen; ohne viel zu reden, schlägt der Mann um sich,

stößt mit den Füßen und entwickelt eine Kraft, welche kaum zu bändigen

ist. Endlich erschöpft sich die wilde Gewalt, der Körper bedeckt sich

mit Schweiß, und mit schnarchenden Athemzügen tritt der Zustand der

Ruhe und der allgemeinen Erschlaffung ein. Entweder hat er gar keine

Erinnerung von diesem Zustande, oder er erzählt nur, er habe einen

höchst verworrenen Traum gehabt, über welchen er nichts Näheres angeben

könne.

Diese vier verschiedenen Arten des Aetherrausches sind gewöhnlich von

einander verschieden, doch bemerkt man auch bisweilen Uebergänge von der

einen Form zur anderen. Der heitere Rausch verwandelt sich wohl in den

albernen und der alberne in den tobenden. Fanden Uebergänge Statt, so

folgten sie in derselben Ordnung, wie sie hier angegeben worden;

eine rückgängige Umwandlung sah ich nie. Bei Frauen habe ich nur den

ohnmächtigen und heiteren Rausch gesehen, den albernen und wüthenden nur

einige Mal bei Männern.

Wirkung der Aetherdämpfe in Bezug auf den Schmerz bei chirurgischen

Operationen.

Ich habe vorhin die geistigen und körperlichen Zustände der

Aetherisirten, wie wir sie sowohl bei Gesunden als bei Kranken

beobachteten, angegeben. Hier folgt nun das Nähere, was die Beobachtung

in Bezug auf das Schmerzgefühl bei chirurgischen Operationen lehrt. Dies

ist eigentlich die Hauptsache in der ganzen Angelegenheit des Aethers.

Wir nehmen in dieser Beziehung bei ätherisirten Personen, an welchen

chirurgische Operationen gemacht werden, folgende verschiedene Zustände

wahr. 1, der Kranke ist völlig empfindungslos, er fühlt weder den

Schmerz noch die Operation, 2, er fühlt den Schmerz und die Operation

undeutlich, aber ganz anders wie im natürlichen Zustande, 3, er fühlt

keinen Schmerz, aber die Operation, 4, er fühlt Beides, doch anders wie

gewöhnlich, 5, er empfindet größeren Schmerz als im nicht ätherisirten

Zustande. Der Schmerz wird durch den Aetherrausch gesteigert, aber

umgeändert.

Wiewohl diese verschiedenen Zustände oft ineinander übergehen, so

lassen sie sich doch in der Regel, wenn man eine größere Zahl eigener

Beobachtungen vor sich hat, ziemlich genau nachweisen.

1. Der Aetherisirte ist völlig betäubt und hat bei der größten und

peinlichsten Operation gar keinen Schmerz. Er zuckt nicht, er klagt

nicht und verräth selbst beim nothwendigen Durchschneiden von Nerven

nicht die mindeste Empfindung. Die ganze Operation wird also bei

vollkommener Betäubung und Unempfindlichkeit vollendet, und beim

Erwachen weiß er durchaus nichts von dem, was mit ihm geschehen ist. --

Oder der Aetherisirte ist nicht betäubt, er hat nur das Aussehen eines

Müden mit gläsernen Augen. Man glaubt, er sehe und wisse Alles. Es wird

an ihm die kleine oder große schmerzhafte Operation vollzogen, nach

deren Beendigung er eben so wenig wie Jener weiß, daß er operirt

worden ist, obgleich wir glaubten, seine Empfindung sei nur vermindert.

Auffallend ist es besonders hierbei, daß er sich mancher anderen,

geringfügigen Umstände erinnert, was dieser oder jener gethan oder

gesagt.

2. Das Gefühl ist verkehrt. Der Kranke fühlt statt des Wundschmerzes

etwas ganz Anderes, bald an dem Orte, wo er operirt wird, bald an einer

entfernten Stelle. Ihm ist es, als würde er gekratzt oder gedrückt, wenn

er gebrannt oder geschnitten wurde. Auch percipirt er wohl eine geringe

Unbequemlichkeit anderer Art, eine unangenehme Lage, die unbequeme

Stellung eines Gliedes, oder den Druck der Hand eines Gehülfen mehr als

die Operation selbst.

3. Er fühlt keinen Schmerz, wohl aber die Operation. Dies ist in der

Reihe der Erscheinungen die wunderbarste! Der Kranke ist betäubt oder

wachend. Im letzteren Fall kann er ziemlich genau Alles wissen, sehen

und hören: er wird operirt und hat nicht das mindeste Schmerzgefühl.

Im Scheinschlaf oder im Scheinwachen folgt er genau den Bewegungen

des Messers bis in die Tiefe seines Leibes, er unterscheidet auf das

Genaueste alle seine Bewegungen und begleitet es auf allen seinen Hin-

und Herzügen ohne alle Combination. Es ist nicht das Erkennen durch

das gewöhnliche, Allgemeingefühl, sondern gleichsam eine Steigerung

der örtlichen inneren Wahrnehmung, eine Potenzirung körperlicher

Selbstbeschauung. Und bei dem Allen keine Spur von Schmerz, Unbehagen,

Furcht oder Reflexion, keine Art einer sensoriellen Einmischung! Seele

und Leib scheinen von einander gelöst zu sein, und jene diesen nur aus

der Ferne von oben herab ohne Urtheil oder Conjectur zu beschauen. Es

erinnert uns dieser Zustand lebhaft an die Wunder des Magnetismus, an

welche wir nicht glaubten, und welche wir hier fast mit Händen greifen

können.

4. Schmerz und Operation werden empfunden -- in der That aber wird

fast nur der Schmerz natürlich empfunden. Denn bei einem empfindlichen

chirurgischen Eingriff fühlt man eigentlich nur den Schmerz, in dem das

Gefühl des Operirtwerdens ganz aufgeht. Der Kranke äußert sich unter

der Operation ganz so wie es sonst geschieht, mit demselben Stöhnen und

verhaltenem Klagen, obgleich er sich im Zustande anscheinender

Betäubung befindet. Auch nach der Operation beschreibt er die erlittenen

Schmerzen, ähnlich den gewöhnlichen.

Der Aether gegen den Schmerz · 第 3 / 13 段