»So ein Esel!« dachte Tschitschikow. »Solch eine Tante würde ich hegen
und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.«
»Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!« sagte
Chlobujew. »He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.«
»Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,« fiel hier Platonow ein.
»Ich auch nicht,« sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich
kategorisch, weiter zu trinken.
»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt
besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die
Honoratioren der Stadt.«
»Wie!« rief Platonow aus. »Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben
Sie Diners?«
»Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine
Pflicht,« versetzte Chlobujew. »Sie haben mich doch auch eingeladen.«
10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten
herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der
andern Fassung an:
»Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land,
und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er
rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht
drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen
Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu
feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar
besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir
heilig.«
»Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?«
»Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er
will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den
Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar,
aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind,
und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.«
»Hm!« dachte Tschitschikow. »Wie ich sehe, seid ihr alle beide
raffinierte Kerls.« Und er fügte laut hinzu: »Mir scheint, diese Sache
läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand
findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....«
Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten
sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der
»Toten Seelen« hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle
gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt
wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.
»... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten
Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten
Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann
könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu
geben, könnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so,
als ob sie noch am Leben wären.«
»Da haben wir's!« dachte Lenitzyn: »das ist aber eine höchst merkwürdige
Geschichte.« Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er
befand sich in der höchsten Verlegenheit.
»Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir
einverstanden sein werden,« fuhr Tschitschikow fort, »denn das ist eine
ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie
bleibt natürlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und
vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.«
Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen
Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm
noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat
umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet.
Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus
entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre,
ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die
lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen;
der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in _einer_ Hand
vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen
befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein
Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im
guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine
schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er
wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen
sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes
Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn
gewandt, dann hätte er sagen können: »Ach Unsinn, das sind Torheiten!
Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!«
Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele
Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte
der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas
abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.
In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins
Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie
war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso
geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die
ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe.
Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie
aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit
der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte,
genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf
das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann,
sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar
freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern
schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte.
Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig
auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann
sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.
Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder
etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes.
Frau Lenitzyn schrie laut auf: »Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch
den ganzen Frack verderben!«
Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und
war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: »Wenn dich doch
der Teufel holte, verdammter Schelm!« murmelte er ärgerlich vor sich in.
Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um
kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn
zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.
»Das macht nichts, das macht wirklich nichts,« sagte Tschitschikow: »Was
kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?« Zugleich aber dachte er
sich: »Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein
goldenes Alter!« bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein
freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.
»Tatsächlich,« versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem
freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, »was gibt es Schöneres als
das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft
...«
»Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,« entgegnete
Tschitschikow.
»Sofort!« sagte Lenitzyn.
Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen
solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es
ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu
sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.
Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch
der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur
Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.
Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn
noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so
angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so
freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so
großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich:
»Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch
so sehr wünscht ...«