11. Variante der andern Fassung.

Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold

bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem

vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit

einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste

holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue

Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von

allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während

seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die

tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit

und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick

all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen

Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines

heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf

betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.

»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und

wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?«

Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen

verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand

und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben

hätte.

Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:

»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm

an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen

Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.

»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch

ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren

gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster

und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.«

Tschitschikow war ganz erschrocken.

»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es

hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!«

»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste

dadurch annulliert wird.«

»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden

um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich

kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es

aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?«

»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten

die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.«

»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow

soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der

liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn,

Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und

entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb.

Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die

Sache zu beschwören.«

Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.

Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am

Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich

nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie

sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines

Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein

offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel

Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen,

jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.

Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem

Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter

und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im

Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen,

daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte,

daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die

Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge

verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn

aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen

Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn

unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.

Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock

in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen

Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr,

dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der

ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer

weltmännischen europäischen Bildung.

Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des

Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn

über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf

seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und

Beistand vor ihm erstehen.

Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller

irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in

zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein

Sperling in der Hand ihm lieber sei.

Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand

drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und

es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein

äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die

Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte,

wenig nachgab.

»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl

das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend

eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für

einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit

sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum

angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.«

»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich

kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz

enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst

aufgesetzt hätte.«

»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig

sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen,

selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt

keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie

doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen

mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat,

das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung

erkennen, so daß Tschitschikow lange ...

»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir

doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und

Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man

darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.«

»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr

ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf

dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen

Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum

Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie

sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen

einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.«

»Man muß also ...«

»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der

Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details

komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man

muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen

doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!«

wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein

Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel

aus der russischen Grammatik erklärt.

»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen

anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den

Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der

die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt,

schon begriffen hat.

»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden

werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der

Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man

Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann

finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte,

und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man

muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts,

wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich

rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's

eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich

kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre

recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen,

daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil

ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle

miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den

Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich

kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt,

ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen

sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere

Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen

gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer

Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow

wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch

weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und

verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom

Rechtsanwalt.

Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer

nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl

Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster

zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in

eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck

schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt,

jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen

Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das

Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan

erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die

einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und

grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß

nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er

schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie

ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen

Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen

alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe;

war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für

die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die

Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten

nach Hause zurückzukehren.

»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von

der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau

verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit.

Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut,

während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei

suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck

zu geben.

Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe

haben, Verehrtester.«

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische

verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand

sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem

Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten

Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann

setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den

Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen

Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen

Produkte vor?«

»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von

der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.«

»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich

noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen

balancierte.

»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen

Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?«

»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte

erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten

nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu

holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten

auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das

Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat,

der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte

erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er

erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.

»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig

gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir

lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie

keinen mit einem Stich ins Rote?«

»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu

werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich

mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt:

dafür ist es auch die allerbeste Sorte.«

Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer

Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war

es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß

dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen,

sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu:

»Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.«

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 26 / 31 题