Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold
bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem
vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit
einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste
holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue
Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von
allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während
seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die
tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit
und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick
all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen
Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines
heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf
betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.
»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und
wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?«
Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen
verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand
und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben
hätte.
Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:
»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm
an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen
Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.
»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch
ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren
gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster
und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.«
Tschitschikow war ganz erschrocken.
»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es
hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!«
»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste
dadurch annulliert wird.«
»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden
um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich
kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es
aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?«
»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten
die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.«
»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow
soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der
liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn,
Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und
entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb.
Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die
Sache zu beschwören.«
Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.
Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am
Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich
nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie
sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines
Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein
offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel
Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen,
jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.
Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem
Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter
und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im
Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen,
daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte,
daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die
Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge
verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn
aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen
Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn
unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.
Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock
in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen
Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr,
dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der
ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer
weltmännischen europäischen Bildung.
Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des
Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn
über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf
seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und
Beistand vor ihm erstehen.
Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller
irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in
zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein
Sperling in der Hand ihm lieber sei.
Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand
drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und
es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein
äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die
Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte,
wenig nachgab.
»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl
das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend
eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für
einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit
sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum
angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.«
»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich
kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz
enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst
aufgesetzt hätte.«
»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig
sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen,
selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt
keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie
doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen
mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat,
das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung
erkennen, so daß Tschitschikow lange ...
»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir
doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und
Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man
darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.«
»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr
ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf
dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen
Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum
Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie
sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen
einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.«
»Man muß also ...«
»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der
Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details
komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man
muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen
doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!«
wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein
Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel
aus der russischen Grammatik erklärt.
»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen
anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den
Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der
die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt,
schon begriffen hat.
»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden
werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der
Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man
Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann
finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte,
und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man
muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts,
wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich
rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's
eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich
kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre
recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen,
daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil
ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle
miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den
Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich
kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt,
ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen
sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere
Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen
gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer
Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow
wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch
weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.
»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und
verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom
Rechtsanwalt.
Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer
nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl
Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster
zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in
eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck
schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt,
jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen
Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das
Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan
erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die
einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und
grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß
nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er
schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie
ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen
Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen
alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe;
war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für
die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die
Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten
nach Hause zurückzukehren.
»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von
der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau
verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit.
Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut,
während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei
suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck
zu geben.
Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe
haben, Verehrtester.«
Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische
verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand
sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem
Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten
Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann
setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den
Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen
Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen
Produkte vor?«
»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von
der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.«
»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich
noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen
balancierte.
»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen
Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?«
»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte
erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten
nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu
holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten
auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das
Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat,
der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte
erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er
erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.
»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig
gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir
lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie
keinen mit einem Stich ins Rote?«
»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu
werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt:
dafür ist es auch die allerbeste Sorte.«
Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer
Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war
es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß
dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen,
sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu:
»Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.«