8. Variante der andern Fassung.

»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich

besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich

verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem

aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der

Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer

Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte

Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine

ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst

einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich

jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder

noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar

wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!«

»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im

höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher

Plunder noch Gewinn bringen kann!«

»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht:

die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an

seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! --

Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für

Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk!

Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen

will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und

ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen.

Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß

er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder

und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel

dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm

zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen.

Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich

kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich

auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr

zornig und spie vor Wut aus.

Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte

durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann.

Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm,

und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.

»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote

der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas

Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift?

Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen

mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz

aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen,

wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele

Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon

gekommen!«

Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch

Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch

nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir

müssen auch an unsere Nachkommen denken.«

»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren

Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der

Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt

nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern

wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu

lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in

der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule

gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute

heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf,

selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow

heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in

die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines

Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da,

damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin

aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch

wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür,

daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da

finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er

herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll

auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus

lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an

was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen

achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem

gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem

Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute

anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand

besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir

Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als

einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!«

»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu

werden?« fragte Tschitschikow.

»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward

uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange

Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und

veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens

bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und

keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen

gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln!

Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für

mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du

arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein

Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit,

dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der

Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und

Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir,

damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch

Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch

lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden

Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese

dummen Erfindungen.« ...

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 24 / 31 题