»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich
besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich
verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem
aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der
Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer
Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte
Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine
ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst
einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich
jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder
noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar
wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!«
»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im
höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher
Plunder noch Gewinn bringen kann!«
»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht:
die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an
seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! --
Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für
Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk!
Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen
will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und
ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen.
Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß
er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder
und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel
dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm
zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen.
Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich
kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich
auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr
zornig und spie vor Wut aus.
Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte
durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann.
Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm,
und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.
»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote
der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas
Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift?
Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen
mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz
aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen,
wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele
Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon
gekommen!«
Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch
Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch
nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir
müssen auch an unsere Nachkommen denken.«
»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren
Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der
Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt
nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern
wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu
lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in
der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule
gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute
heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf,
selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow
heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in
die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines
Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da,
damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin
aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch
wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür,
daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da
finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er
herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll
auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus
lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an
was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen
achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem
gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem
Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute
anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand
besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir
Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als
einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!«
»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu
werden?« fragte Tschitschikow.
»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward
uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange
Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und
veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens
bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und
keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen
gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln!
Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für
mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du
arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein
Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit,
dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der
Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und
Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir,
damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch
Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch
lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden
Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese
dummen Erfindungen.« ...