»O nein, Exzellenz,« fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an
Ulinka wandte. »Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.«
Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General
gewendet fort: »Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb'
uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns
jeder lieb haben.«
»Nein, ich kenne sie nicht.«
»Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,« sprach Tschitschikow noch
immer verschmitzt lächelnd. »Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den
Eure Exzellenz sicherlich kennen ...«
»Nein, ich habe nicht das Vergnügen.«
»Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines
Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren.
Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens
gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf.
Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn
unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal
die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?< >Gern<,
sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem
der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure
Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?«
»Nein, ich habe nicht die Ehre.«
»Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber
kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein,
und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten
gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt
nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie
los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen
Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit
von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich
halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und
fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade
verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem
Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken).
Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da
öffnet sich plötzlich die Tür -- und die ganze Gesellschaft stürmt
herein.«
»Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!«
bemerkte der General.
»Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wünschen Sie?<
>He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten veränderten
sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer
offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute!
Her mit den Kassenbüchern!< Der versucht Einwände zu machen. >Hollah. Wo
sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die
Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der
Untersuchungshaft schmachten.«
»Schöne Geschichte!« sagte der General.
Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.
»Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,« fuhr
Tschitschikow fort. »Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau
ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den
Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu
schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem
Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein
wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm:
>Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns
durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen:
Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und
sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<«
Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.
»Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!« sagte sie schnell,
und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... »So eine gemeine
Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...«
»Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,« sagte der General, »aber
was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie
gleich: Liebe uns so weiß wie ...«
»So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow.
»Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder
lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...« Und der ganze Körper des Generals
schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals
Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit
Achselklappen geschmückt wären.
Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch
aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: »he, he, he, he.«
Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur
seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken
Achselklappen.
»Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!« rief der
General aus und fuhr fort zu lachen.
»Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so
gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!«
sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.