6. Variante der andern Fassung.

Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann

träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm

für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war

Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer

englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand.

Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit,

sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen

Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte.

Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas

Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als

schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein

klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches

Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht

ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei

denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war

alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie

ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und

wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben

können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde

nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder

grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn

verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück

gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne

darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr

Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen

wäre.

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 22 / 31 题