Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald
lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein
glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule,
deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner
Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das
Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und
zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß.
Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im
Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte
es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt,
seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der
Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig,
sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten
können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen
hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang,
der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche
und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm
bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht
ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl
wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen
vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich,
einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche
ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu
unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den
Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen,
um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger
Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag,
der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht,
sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu
erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.
Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern
unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne
Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen
Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu
machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in
wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es
sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete,
das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens;
wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst
begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen
müsse.
Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches
erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die
Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf
sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht,
daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug,
wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen
gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich
ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre
bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel
Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses
Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er
erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen
Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde
er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von
Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich
zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche
Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu
beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre
schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von
Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und
Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum
jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber
Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die
Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte
er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen
Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand
darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen
Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater
Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle
Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben,
alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen
nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen.
Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen
gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern
ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz
in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen
Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein
beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort,
welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen
Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse
aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu
zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut
und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und
Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte
allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß
ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden
schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch
vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die
wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren
abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden
hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu
halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange
aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst
quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und
Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander
Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch,
gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen
Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.
4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet
sich folgende Variante dieser Stelle:
»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor
Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz
andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der
Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und
Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere
Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute
während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als
paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz
zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des
schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren
Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die
fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen
begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut,
als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger
erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der
Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen
sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes
Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber
gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht
erreichen.«