3. Variante der andern Fassung.

Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald

lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein

glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule,

deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner

Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das

Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und

zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß.

Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im

Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte

es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt,

seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der

Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig,

sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten

können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen

hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang,

der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche

und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm

bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht

ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl

wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen

vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich,

einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche

ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu

unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den

Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen,

um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger

Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag,

der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht,

sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu

erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern

unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne

Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen

Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu

machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in

wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es

sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete,

das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens;

wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst

begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen

müsse.

Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches

erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die

Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf

sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht,

daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug,

wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen

gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich

ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre

bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel

Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses

Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er

erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen

Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde

er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von

Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich

zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche

Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu

beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre

schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von

Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und

Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum

jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber

Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die

Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte

er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen

Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand

darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen

Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater

Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle

Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben,

alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen

nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen.

Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen

gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern

ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz

in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen

Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein

beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort,

welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen

Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse

aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu

zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut

und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und

Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte

allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß

ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden

schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch

vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die

wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren

abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden

hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu

halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange

aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst

quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und

Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander

Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch,

gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen

Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.

4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet

sich folgende Variante dieser Stelle:

»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor

Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz

andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der

Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und

Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere

Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute

während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als

paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz

zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des

schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren

Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die

fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen

begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut,

als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger

erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der

Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen

sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes

Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber

gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht

erreichen.«

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 20 / 31 题