Varianten zum zweiten Teil der »Toten Seelen«.
Der zweite Band der »Toten Seelen« wurde im Jahre 1840 begonnen, allein
das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten
Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines
Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten
Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist
jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser
Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842
beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten
und entwirft in diesen Heften: »ein Chaos, aus dem der Kosmos der >Toten
Seelen< hervorgehen soll«. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe
des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser
Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom
Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten
der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum
vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick
in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des
unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.
_Der Herausgeber._
* * * * *
1. Wir haben unserem Text auch die _letzten_ Verbesserungen und
Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf
dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist
mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte
nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:
Ob solche Charaktere _geboren_ werden -- oder ob sie allmählich dazu
werden, was sie sind -- diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir
wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner
Erziehung erzählen -- und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor
der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz
außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen
eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind,
das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um
ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn
verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging
erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut
zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander
Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und
Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die
die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und
daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken.
Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen
pflegte er zu sagen: »Ich verlange Verstand und nichts anderes von
meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der
denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.«
Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube
ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu
kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: »Was soll ich machen? Ich habe
nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen
sollen.« Er hielt es auch für notwendig, vor allem ....
2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion
von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden
Wortlaut: »Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den
Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz
pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören
werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit
sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß
er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er
selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.«