Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal
eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber
versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos
versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich
den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen
verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar
früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene
gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat
schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der
seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier
verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und
Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren,
erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen
Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen
deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier
sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit
und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich
ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich
ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten
befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und
Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt
hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel
Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren
festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen
Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen
Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet,
und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein
Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und
aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine
Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern
könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten,
und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren
Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier
täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu
dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, -- wer mehr,
und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der
Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos
durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des
früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis
gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen,
marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien,
Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter _mit_ und
_ohne_ Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier
nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen
vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von
Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer
Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein
Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit
Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich
hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die
Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren
der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine
Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das
eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen
Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender
Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung
erkennen. Die Worte »... Rubel! ... Rubel!« die von allen Seiten
ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden
Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu
wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das
jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste
fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend
war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die
dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar,
dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was
jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das
intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie
betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu
blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des
Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der
Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die
Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte
Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf
die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten
wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht
plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie
gewandt hätte: »Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen
zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder
andere!«
Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den
Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit
langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse
freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die
sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche
Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller
modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen
Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele
der Anwesenden persönlich kannten.
»Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,« fuhr er fort, als
er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, »Sie würden
doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern,
wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit
anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das
Porträt ist, das ich suche.«
Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und
selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer,
neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung
wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich
nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht
immer interessanter und spannender wurde.
»Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna
nennt,« begann er. »Hier ist alles anders als in den andern Teilen
Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die
Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute,
als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften
verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig
und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als
Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive
Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr
Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich
daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem
Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die
sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang
in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag
für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich
findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem
einen Worte »die Aschgrauen« bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug
und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben,
wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint,
sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel
hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu
ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und
Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen
rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft,
sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die
geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an
etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht
ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer
Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen
ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen
Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher
Handwerksbursche -- dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und
alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, --
allerdings erst -- wenn Mitternacht vorüber ist.
In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in
dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel
allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher
Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren
oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung
kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee
miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören
hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen,
die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die
teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben
gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches
Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig
tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage
nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie
alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da,
und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände,
die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine
Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man
jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun,
höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese
Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das
gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso
schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem
Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die
trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die
sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen
ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach
dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu
verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit,
dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu
verbessern vermöchte.
[Fußnote 14: Kleinbürgerstraße.]
All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu
zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche,
vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu
nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die
ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese
kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen,
denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur
Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht
kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten
Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes
menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier
darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen
will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der
verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß
auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend
verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder
Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer
Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites,
asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine
südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob
er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas
Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle,
magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und
die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen
ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen
Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte
keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte
in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu
errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren
alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen.
Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß
er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein
verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen
Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante
Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame
hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß
seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und
verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber
trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh
sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme
Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch
allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen
Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am
auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das
seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen
alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz,
nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit
Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es
doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen
abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die
Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen
aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im
Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein
glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer
menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch,
der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er
sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet
wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen
übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem
er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der
junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte
allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf
eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine
Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise
verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre
Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war,
wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen
aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer.
Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging
eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein
Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An
allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten
und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die
französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den
Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall
fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm
eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er
sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer
ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und
machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen
Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron
gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in
hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist,
darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr
tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es
seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und
vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform
seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs
verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre
natürlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze
erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein
Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden
konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern
mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher
politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis
jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man
müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn
sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen
Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle
schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen:
sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers
kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin
diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere
mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon
sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall.
Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen
eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der
Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte
Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines
Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn,
daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern
seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr
seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz,
vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer
drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein
Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls
vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere
nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen
anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle
Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein
kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein
Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben.
Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum,
Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der
interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R...,
ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet
und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller
Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson.
Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt,
und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den
Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie
gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade
gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein
bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt,
allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald
darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus
entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe
bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf
findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen
erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des
Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft
geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche
Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm
eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit
beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid
aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt --
und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall
schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge.
Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus
die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen.
Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem
Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen
Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen
und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen
entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau
beständig quälte, und scheute schließlich -- was niemand voraussehen
konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er
peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die
Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende
Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden
Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie -- unfähig, ihr schweres Los
noch weiter zu ertragen -- ein Wort über Scheidung fallen, aber der
Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der
ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein,
und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht
überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller
Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein
Leben in schrecklichen Qualen.
Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt
abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter
den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso
entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden
plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein
Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient
hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige.
Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr
ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas
eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr
daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich,
daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge
steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern
mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe,
von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ...,
mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf.
Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze
Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner
Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden
Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die
höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein
Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen,
vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem
Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer
seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus,
drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne
verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon
in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich
den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben.
Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem
Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten
buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst
seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf
hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die
dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein
Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei
solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: »Ein Teufel!
Ein wahrhaftiger Teufel!« Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem
Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser
Geschichte ist.
Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein
seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem
jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen
Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz
aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach
ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst
unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er
war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht
selten mit dem verletzenden Beiwort »ungebildeter Mensch« bezeichnet und
die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und
abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen
schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die
ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem
Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm
die wahre Bedeutung des Wortes »Historische Malerei« auf, er begriff,
warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo
da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung
hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur
ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit
ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene
Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des
Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß
weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so
vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden.
Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe
grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die
Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über
seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und
versöhnlich äußerte. »Wozu soll ich mich nach ihnen richten?« pflegte er
gewöhnlich zu sagen; »ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine
Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird
mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann
man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür
versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu
braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch
erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann
ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei
deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen
eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der
so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine
Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.« Er
arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum
Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot.
Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen
Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen,
frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der
Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen
hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens
strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose
Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu
erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen
hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde
für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er
gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich
nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der
gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte.
Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In
der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die
auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl
oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich
unwillkürlich: »Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!« Und nun
stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als
eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht
wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß
sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper
überlief.
»Du bist Maler?« fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater.
»Ja, ich bin Maler!« versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun
folgen würde.
»Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder
habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will
weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen
Eindruck des Lebens macht?«
Mein Vater dachte: »Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich
mir selbst als Modell für den Teufel an!« So willigte er denn ein, sie
einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien
mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern,
die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die
mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame
Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen
eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten
so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen
konnte. »Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!«
sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er
befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. »Was
für eine Kraft in ihm liegt,« wiederholte er leise; »wenn es mir nur zur
Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er
alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir
wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur
im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!« wiederholte er
unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst,
wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber
je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst
unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem
aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten
Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem
beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel
Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf
dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um
jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus
ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte
er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch
unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele
erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst
nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er
es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele
bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage
wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er
warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er
könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche
Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf
sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und
flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes
Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen,
schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der
Leinwand festgehalten -- wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden
-- werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter
fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der
Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie
erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette
wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte.
Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den
ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine
Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie
erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben
wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am
Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers,
und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion
beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und
seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem
Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer
merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht
begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm
erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines
seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und
Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und
eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von
einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die
sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz
unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein
Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem
vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine
furchtbare Wut. »Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph
gönnen!« rief er aus. »Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten
in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in
mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub
zieht!« Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich
allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets
verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den
Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben
wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften.
Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an
die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze
Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat
kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß
ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht,
aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum
Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter -- wenn
ich nicht irre, ein Geistlicher -- eine Bemerkung, die alle überraschte.
»In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes
Talent,« meinte er, »aber den Gesichtern geht der fromme, heilige
Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als
hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.« Alle blickten
hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht
bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese
verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber
er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des
Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend
an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt,
und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme
seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher
Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine
Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und
Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein
Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild -- nachdem
er es in Stücke geschnitten hätte -- zu verbrennen. Aber bei diesem
Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der
soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein
Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich
nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter
die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung
noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen.
»Was hast du da? Was willst du verbrennen?« fragte er ihn, indem er an
das Porträt herantrat. »Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner
besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist!
Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß
vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen
hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er
noch am Leben war, wie hier bei dir!«
»Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!«
sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den
Kamin zu schleudern. »Halt, um Gottes willen,« fiel der Freund ein und
hielt ihn am Arme fest. »Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig
ist!« Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und
der lustige Kerl schleppte -- höchst erfreut über diese Erwerbung -- das
Porträt mit sich fort.
Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male
ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom
Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid
und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über
seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram
zu sich selbst: »Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war
wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem
Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches
Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein
teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.« Sofort suchte er seinen
ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und
bemühte sich -- soweit es ihm möglich war -- seine Schuld wieder gut zu
machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem,
aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken.
Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich
nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere
seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete
sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund,
der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit
nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da
erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem
beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund:
»Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen
wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich!
Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! -- ich
glaube, der Böse sitzt darin.«
»Wieso?« fragte mein Vater.
»Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein
furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines
Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich
nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ...
d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch
irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und
immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich
kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas
passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ...
Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas
Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und
aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich
beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen
geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir's, als
wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir
wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig,
Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!«
Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung
und fragte schließlich: »Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?«
»Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!«
versetzte der Spaßvogel. »Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses
Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in
dem Zimmer herum -- und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht
über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten,
hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an
irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht
aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.«
Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank
in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur
Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß
das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt
übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen
dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe,
häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich
unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner
Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er
hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem
weltlichen Leben zu scheiden.
Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die
Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner
geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er
bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine
asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller
Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein
Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres
Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte
entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn
entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und
schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche
Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für
seine Person -- soweit dies möglich war -- die strengen Satzungen des
Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch
dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den
Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige
Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich
nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da,
murmelte beständig Gebete -- mit einem Worte, er erlegte sich alle nur
möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den
Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er
einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit
Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages
wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: »Jetzt bin ich
bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.«
Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein
ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu
verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben
erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das
Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich
bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei
verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und
Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und
Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind
beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon
etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der
von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien,
und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem
ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft
und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer,
magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie,
und der gerührte Prior sprach: »Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein
Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen
vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des
Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!«
Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt
die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht
auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines
zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von
meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu
verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner
Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und
Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus
darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen
abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts
auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war
ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise
gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die
geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der
Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart
und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe
bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte,
und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand
umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde
Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch
lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß
ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.
»Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,« sagte er, während er mich
segnete; »dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben
hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du
hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also
nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles
deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die
innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der
Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat.
Für ihn gibt's in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen
bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen.
Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der
herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen
Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes
hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische
Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles
andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das
Schaffen die Zerstörung, wie der Engel -- bloß durch die reine Unschuld
seiner lichten Seele -- all die unzählbaren Kräfte und stolzen
Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was
es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum
Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele,
nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit
einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht
imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie
zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt
zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles
Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und
Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam
klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere
Augenblicke ...« Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein
klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. »Ich
hatte ein Erlebnis ...« fuhr er fort, »bis auf den heutigen Tag ist mir
nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich
damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß,
die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht
über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem
heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und
Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich
suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben.
Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die
Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen
bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es
erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in
der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört,
daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende,
peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des
dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung
und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen
Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist
besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen,
als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die
Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß
reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen
werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande
verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu
bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den
Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein
anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge
bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben
nicht weiter auf.«
Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem
Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer
Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als
einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine
herabhängenden, silberweißen Haare.
Eine Träne glänzte in seinen Augen. »Erfülle mir noch eine Bitte, lieber
Sohn,« sagte er beim Abschied zu mir. »Vielleicht gelingt es dir einmal,
das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es
sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck
erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.«
Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war,
ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und
heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich
nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters
auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion
....«
Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die
Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit
Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen
suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war
es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und
Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer
das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen,
während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu
entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie
diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein
Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten
Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu
verschwinden.