Das Porträt

Erster Teil.

Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der

Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst

mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren

meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit

dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit

weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend,

ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der

eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das

sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch

einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer

Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und

krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen

Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der

instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war

die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt

Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände

ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde

und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für

diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch

ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon

sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand

hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben

wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter

Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser

feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die

Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre

Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit

ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis

auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln

schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen

müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen

instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder

zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk

anschaut.

Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die

Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel

und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen

erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und

keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für

die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er

blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese

greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche

Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke

wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen

Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und

Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die

abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo

sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten

diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die

bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst

erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt

wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder

eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen

Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen.

Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose,

greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der

Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten

Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die übrigens

ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst

importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand,

die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem

Menschen! ...

Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar

nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des

Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit

Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den

Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und

was er kaufen wollte. »Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine

Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch

nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind

eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht

trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn

Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein

rechter Winter!« Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen

leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters

recht zu betonen. »Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu

Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen

Bindfaden her!« -- »Wart, Bruder, nicht so schnell!« sagte der endlich

zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im

Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich,

nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten

hatte, und er sagte: »Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort

etwas für mich finde.« Und er bückte sich und fing an, die auf dem

Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten

Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen.

Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der

Welt sicher nirgends hätte finden können -- unbekannte Bilder, deren

Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte,

allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu

untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: »Vielleicht

findet sich doch noch etwas darunter!« Er hatte mehr als einmal gehört,

wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister

fand.

Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ

seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen

Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten

an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. »Hierher,

Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!

Soeben von der Börse importiert!« Er schrie sich tot, aber meistenteils

ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem

Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude

stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden

hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich

hinein. »Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?« Aber der

Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen

Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch

die Spuren der Vergoldung glänzten.

Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und

hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von

einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie

nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er

war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und

beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die

Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war,

den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt

zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende.

Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine

ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie

starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und

zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare

Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte,

blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten

sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben

war, rief: »Er starrt, er starrt mich an!« und wich zurück. Eine

unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich

seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.

»Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!« meinte der Ladenbesitzer.

»Und was kostet es?« fragte der Künstler.

»Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig

Kopeken!«

»Nein.«

»Na, was geben Sie?«

»Zwanzig,« sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.

»Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist

ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen?

Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu.

Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken.

Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer

sind.« -- Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen

schien: »Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!«

So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und

er dachte sich: »Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?« Aber es

blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der

Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und

trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig

Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine

Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der

gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. »Hol's der

Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!« dachte er wie jeder Russe,

dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen

Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden

Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die

dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach

bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der

kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von

Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller

Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem

durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei

entschlüpften seinem Munde die Worte: »Was für ein zarter Ton!« »Wie

ärgerlich! Hol's der Teufel!« Und während er sich das Porträt bequemer

zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt,

beschleunigte er seine Schritte.

Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung

in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte

er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und

Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand

antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das

Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich

hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies

war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den

Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen

pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte

während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu.

Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das

infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür

geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten

Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im

allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben,

begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen

quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei

künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen

und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen

liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den

Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei

andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht

behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe,

die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit.

Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine

schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter

aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen,

soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht

hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.

»Wir haben keine Kerze mehr!« sagte Nikita.

»Weshalb nicht?«

»Es war doch schon gestern keine da,« sagte Nikita. Der Künstler

erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab,

beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog

hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.

»Der Wirt ist wieder dagewesen!« fuhr Nikita fort.

»So! Er kam wegen des Geldes!« meinte der Künstler mit wegwerfender

Miene.

»Aber er war nicht allein da,« sagte Nikita.

»Wer denn noch?«

»Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.«

»Wozu denn ein Polizeibeamter?«

»Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt

ist.«

»Nun, und was soll daraus werden?«

»Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen

will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.«

»Mögen sie nur kommen!« sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit,

und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.

Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen

Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein

Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen

Drang, der Natur nahe zu kommen. »Sieh, sieh, Bruder,« sagte ihm mehr

als einmal sein Professor, »du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du

es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas

lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen,

alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du

willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus

dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt

etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng

und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest

schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben,

was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du

nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die

große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine

stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich

weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der

Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm

Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder

Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen

... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.«

Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der

Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem

Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei

alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn

er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht

anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack

wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels,

doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen,

er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der

vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder

verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn

hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem

Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so

durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte

Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die

Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer

geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich

die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit

Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn

er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher,

der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch

gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben

allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes

Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von

seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß,

sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine

Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der

aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von

ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in

angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar

mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im

Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu

ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.

»Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!« wiederholte er verdrießlich; »aber

schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich

denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir

niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen

wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig

Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle

es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich

etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ...

und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und

wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen?

Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser

Naturstudien oder gar meiner unbeendigten »Psyche«? Wen interessiert

dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn

es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers?

Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie

ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die

andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.«

Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein

krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her -- sich

weit vorbeugend -- an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn,

als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu

wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita

rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter

Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der

Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt,

das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer

getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare

Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er

benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die

Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz

herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses

ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht

schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er

erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: »Er sieht mich an, er

blickt mich mit Menschenaugen an!« Tschartkow mußte plötzlich an eine

Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis

des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der

große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch

noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch

von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt

wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße

die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten,

kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand

gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es

noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie

des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären

sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt.

Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele

angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der

dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich

vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl.

»Was ist das?« fragte sich der Künstler unwillkürlich. »Das ist doch in

der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme

Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich

schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder

erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere

Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden

Wirklichkeit -- ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen,

überall verborgenen Gedankens? -- in jener Wirklichkeit, die sich

offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem

Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein

Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint

denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen

Verklärung -- und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es

scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt

und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum

erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und

schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben

das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie

auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie

erleuchtet.«

Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu

betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich

anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene

entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen

Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und

Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das

nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es

wurde ihm -- er wußte selbst nicht warum -- ängstlich und bang zumute,

er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom

Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es

nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie

von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar

die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm,

als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede

Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven

waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine

instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke,

aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die

Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem

Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen.

Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem

Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein

Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das

ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer

heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders

als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er

ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das

Betttuch ein.

Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und

begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers,

über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken,

unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der

spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der

Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam

Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch

das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich

davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ...

tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz

klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da

und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein

Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit

einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen

auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend,

aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch

ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und

näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers

begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte,

schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm

hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein

bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn.

Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm

der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend

eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst.

Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare,

hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und

wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers

nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein

Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln,

schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die

wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues

Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: »Tausend Dukaten«. Seine

langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann

der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte.

Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er

war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete

unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern

und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich

bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett

gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht

danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch

sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte

sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der

spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte,

wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten.

Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und

erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die

Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr

geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm

hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle

krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich

zu bewegen, schrie auf und erwachte.

Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark,

wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie

den letzten Atemzug getan hätte. »War es denn wirklich ein Traum?« sagte

er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die

furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme.

Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in

den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes

flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch

vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der

Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald

eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald

ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst

jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor

dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war,

das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn

der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war -- das Laken

fehlte tatsächlich! -- Regungslos und voller Angst starrte er es an und

sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn

richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen,

fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er --

es ist kein Traum! -- wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und

seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn

festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und

erwachte.

»War auch das nur ein Traum?« fragte er sich und tastete mit den Händen

um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch

genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm

stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den

Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken

verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte.

Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch

immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz

klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner

Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete

unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses

allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten

und sich bemühten, es abzustreifen. »Herr Gott, was ist denn das?« rief

er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte.

War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus

dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen

war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige

Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung

und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu

stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß

von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer

die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine

Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das

ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in

Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre

eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute

Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die

Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu

schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett

und schlief bald fest ein wie ein Toter.

Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen

Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte

ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit

erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit

Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und

unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen

verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun

sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte

dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn

hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder

eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -- etwa eine

Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses

schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der

Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er

nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine

unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber

wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen

war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches

Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im

Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese

Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn

eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam

zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner

Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte.

»Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!« sagte er,

indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit

der verlockenden Aufschrift »Tausend Dukaten«, die er im Traum erblickt

hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte

und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er

aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft

starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie

ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser

im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird.

Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf

unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat

ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine

Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines

Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem

Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie

der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren

Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen -- ein Geschöpf, deren es in

Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen

ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er

Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber

auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln,

behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war,

vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer

gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte

schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres,

er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und

liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn

zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die

Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter

wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die

Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und

vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser

gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann

im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen

er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts

zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten.

»Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!« meinte der Wirt, indem er

sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende

Geste vollführte; »er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal

nicht!«

»Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur,

ich werde schon bezahlen!«

»Ich kann nicht warten, Väterchen,« erwiderte der Wirt heftig und

klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Der

Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause;

Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für

zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen

Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht

Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld

bezahlen und dann die Wohnung räumen.«

»Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch

zahlen,« meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf

schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes

steckte.

»Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich

verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.«

»In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer

Kunst sicherstellen,« meinte der Kommissar. »Er wird vielleicht damit

einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.«

»Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde

von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa

ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber

da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm

die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm

den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln

herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich

wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere,

aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen

Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das

Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die

Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna

Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen

schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ...

Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!«

Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der

Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder

und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte

als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz

unempfänglich war.

»He,« sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte,

auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, »dieser Gegenstand ist

ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so

schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?«

»Das ist ein Schatten!« antwortete Tschartkow herb und ohne ihn

anzusehen.

»Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es

doch gar zu sehr auf,« sagte der Kommissar. »Und wessen Porträt ist dies

hier?« fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. »Der

ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der

starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert!

Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?«

»Ach, das ist ein ...,« sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht

zu Ende.

Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des

ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu

fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine

fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier

gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift »Tausend Dukaten« sprang

Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie

aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer

Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.

»Es klang doch hier wie Geld!« sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes

hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der

Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.

»Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier

habe?«

»Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen

müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!«

»Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!«

»Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten

Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?«

»Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend

alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen

Wirte nicht mehr bleiben will.«

»Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,« sagte der

Kommissar, sich an den Wirt wendend. »Wenn es sich jedoch herausstellt,

daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es

mir sehr leid tun, Herr Maler!«

Sprach's, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt

folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem

Fuße.

»Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!« sagte Tschartkow, als er

hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte.

Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz

allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er

wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die

Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die

alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie

wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer

wieder: »Ist das alles nicht doch nur ein Traum?« Die Rolle enthielt

genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im

Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und

konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten

plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern

auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht

ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: »Vielleicht

hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem

Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines

Familienporträts verbarg.« Voll von romantischen Vorstellungen fing er

sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall

und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht

gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es

nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er

es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An

einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich

von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle

Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des

Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt

und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche

Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor,

ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern

zurück. »Nein,« sagte er zu sich selbst, »wessen Großvater du auch sein

magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen

Rahmen anfertigen lassen.« Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm

liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser

Berührung heftig zu pochen. »Was nun tun?« dachte er, während er die

Blicke auf das Geld richtete. »Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre

gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten.

Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die

sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen

wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche

Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße

modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten

Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein

ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich

alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.«

So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz

eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher

und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da

erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner

zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war

alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen

angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das

Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann,

als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem

langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine

schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine

Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf

die Straße hinaus.

Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu

einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte

Parfüms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine

vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen

Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden

eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er

überhaupt nötig hatte --, ließ sich von einem Friseur die Locken

kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck

durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und

ging dann ins Restaurant »Zum Franzosen«, von dem er bis jetzt nicht

mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz

wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich

sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er

trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom

Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat

er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen

pflegt: »Selbst dem Teufel kein Bruder!« auf die Straße. Wie ein Geck

spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch

seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen

früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar

nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich

stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...

Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die

Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine

prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an

exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann

schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er

sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte

sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen

und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe

wie die folgenden: »Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von

Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der

Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow

besitzt!« Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer

weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit

einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um

sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem

Journalisten, der ihn sofort »Geehrter Herr« anredete, ihm beide Hände

drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach

seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und

schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer

Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit

folgender Überschrift:

»_Ein ungewöhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow.

Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer --

man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und

außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir

viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit

besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige

Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu

erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns

erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf

jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen

Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren

Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater

wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der

Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn

ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem

Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine,

oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen

Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt

voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder

Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll:

über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die

ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein

Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der

Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich

und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen;

allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit

Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer

Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.«

Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht

strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues

für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der

Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz »Vivat

Andrei Petrowitsch« erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf

bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er

bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und

abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald

setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich

auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die

Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und

pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse

Bewegungen abzulocken.

Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich,

sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer

pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen

Mädchens, betrat das Atelier.

»Sind Sie Monsieur Tschartkow?« fragte die Dame. Der Künstler verneigte

sich.

»Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel

der Vollkommenheit sein.« Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die

Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die

nackten Wände gleiten. »Und wo sind Ihre Porträts?«

»Man hat sie soeben abgeholt,« sagte der Künstler etwas verlegen. »Ich

bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie

noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.«

»Waren Sie in Italien?« fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in

Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst

richtete.

»Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens

habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind

Sie nicht müde?«

»Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier!

Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,« sagte die Dame, während sie an

die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden

Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. »_C'est charmant, Lise,

venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung!

Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ...

Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est

charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das

Gesicht wäscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Bäuerlein! Liese,

Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein!

... Also Sie malen nicht nur Porträts?«

»O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!«

»Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht

wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft

in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen

nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei

und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens

durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine

ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar

noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie

Monsieur Nohl?«

»Wer ist dieser Nohl?« fragte der Maler.

»Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet,

als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen --

Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der

Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff

nehmen würden.«

»Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.« Sofort schob

er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die

Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der

Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in

diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft

für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor

und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf

einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines

erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die

Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt.

Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine

lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige

Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein

dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur.

Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die

Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis

dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken

und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu

offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht

ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.

»Wissen Sie,« sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, »ich

möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden

lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre

mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines

Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf

eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so

aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer

modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so

sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr

Einfachheit! Nicht wahr?« Doch ach, leider konnte man es sowohl der

Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf

allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs

anzuschauen waren.

Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an,

überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das

eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame

von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer

Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich

sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen

hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen

vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück,

indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen

halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er

sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu

machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich

schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ,

den Kopf hochheben.

»Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!« sagte die Dame. »Nein

bitte, noch ein wenig,« bat der eifrige Maler.

»Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!« versetzte die Dame, zog

ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor

und rief ganz überrascht aus: »Ach wie spät!«

»Nur noch ein Augenblickchen,« sagte Tschartkow mit der einfältigen und

bittenden Gebärde eines Kindes.

Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen

künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein

anderes Mal länger zu bleiben.

»Das ist doch ärgerlich!« dachte Tschartkow, »meine Hand war gerade in

Schwung gekommen.« Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem

gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der

Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf

einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja,

er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte

Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor

der Leinwand stehn.

Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem

Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf

der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu

dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die

aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte

er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als

Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in

kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie

er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß

einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen.

Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung

gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein

aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit

bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und

belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem

Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer

Equipage durch die Stadt.

Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den

Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und

wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich

erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz

nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit

den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann

seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm

große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von

Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem

Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich

war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen

darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein

Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas,

was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die

Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß

bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem

Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige

Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand

erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten

gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen --

und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der

Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme

der Mutter vernahm. »Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier

haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu

sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.« Der Maler

fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe

besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte

Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine

Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so

vorkäme. »Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser

einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!« bat der Künstler mit harmloser

Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm,

daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar

nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische

seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die

beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele

fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil

auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes

konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz

mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur

gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf

Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß

nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie

drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor

sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei

Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine

Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den

Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in

trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen.

Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene

zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt,

und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem

Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte

aus irgend einer Ecke seine »Psyche« hervor, die er vor längerer Zeit

einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber

rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig

charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper

saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich

dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner

aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien,

Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem

Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat,

sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die

Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum

flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der

Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der

Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr

das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen

durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt,

was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen

hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da

überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser

Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen;

die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und

schlugen die Hände zusammen.

»_Lise, Lise!_ ach, wie ähnlich! _Superbe, superbe!_ Was für ein schöner

Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche

Überraschung!«

Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum

aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise:

»Das ist Psyche!«

»Als Psyche? _C'est charmant!_« sagte die Mutter lächelnd zu ihrer

gleichfalls lächelnden Tochter. »Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich

am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle idée délicieuse!_ Aber was für

eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von

Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches

Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch _mein_ Porträt malen!«

Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ...

»Was soll ich mit ihnen anfangen?« dachte der Künstler. »Wenn sie es

selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die »Psyche« für das aus, was

ihnen am meisten behagt!« Und er sagte laut: »Belieben Sie noch für eine

Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!«

»Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so

ähnlich.«

Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf

gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen

nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber

war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit

dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine

Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz

ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen.

»Genug,« sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit

allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch

Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner

eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so

überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung.

Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren

Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden

hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und

Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen

leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der

Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze

Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick

die Glocke. -- Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da

er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die

Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider

waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen

konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen

Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen

abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren.

Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war

diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle.

Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig

auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere

Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen,

nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich

nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem

Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in

ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt

werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend

machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen

auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus

hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt

oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem

Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung

reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen

einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war.

Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte

wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte

wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn

so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer

als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man

Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren

nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen,

energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit

durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant

wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter

hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen

Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die

deutliche Aufschrift trug: »Ich bin stets für die Wahrheit

eingetreten!«, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat

dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all

dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine

geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der

Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei

Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder

dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem

steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen

hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als

Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden

Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon

aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis

Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden

stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit

mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die

erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die

Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie.

Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu

besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu

begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß ein

Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich standesgemäß zu

betragen habe, daß sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster

kleiden, sich nicht anständig zu benehmen, den höheren Ton nicht zu

wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im

Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er

hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schüler an, kleidete

sich mehrere Male am Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte

sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine

Besucher zu empfangen gedachte, und legte den größten Wert auf die

Pflege seines Äußeren, um einen möglichst günstigen Eindruck auf die

Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen

Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem

Kämmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. Über Künstler und

Kunst fällte er nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man

mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme

von Raffael hätten keine lebendigen Menschen, sondern bloß Heringe

geschaffen, und er erklärte, die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges

innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst

Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner

Bilder genössen überhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so

hohen Ruhm; er schrie, daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch

Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie besäße,

und daß man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der

Pinselführung und des Kolorits nur in dem gegenwärtigen Zeitalter finden

könne. Dann kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. »Ich

verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,« pflegte er zu

sagen, »da hocken und brüten sie über ihrer Arbeit: ein Mensch, der

mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines

Erachtens nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; ich

kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie schafft kühn und

schnell. Sehen Sie,« pflegte er zu sagen, indem er sich an seine

Besucher wandte, »dieses Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt,

dieses Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das

dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch

ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich

gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.« So

sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten die Kraft und

Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen Rufe des Erstaunens aus, wenn

sie hörten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten

es nachher auch anderen mit. »Das ist ein Talent, o ein großes, wahres

Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glänzen, wenn er spricht. _Il y a

quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!_«

Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich zu hören. Wenn er

in den Journalen öffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er

sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld

gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich

herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und

Freunden. Und dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es

war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen mehrten sich; schon

fing er an, der immer gleichen Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er

bereits auswendig kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte er ohne

große Begeisterung, indem er sich nur noch bemühte, den Kopf auf die

Leinewand zu werfen; das übrige überließ er seinen Schülern. Früher

suchte er wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment

abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der

Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. Jetzt

langweilte ihn auch dies allmählich. Das dauernde Grübeln und Suchen

nach Neuem ermüdete seinen Geist. Er _konnte_ es bald auch gar nicht

mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige Lebensweise und

die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte,

entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt

und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen,

längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten,

ledernen oder sozusagen zugeknöpften Gesichter der Beamten, der

militärischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen

Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und

Leidenschaften hatte er völlig vergessen. Von künstlerischer

Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war

überhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie

Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen Künstler kalt

lassen und die jede Phantasie ertöten. Selbst die am leichtesten zu

erreichenden Vorzüge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber

fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und

Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten.

Die wenigen, die Tschartkow von früher her kannten, vermochten nicht zu

verstehen, wie ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen

Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemühten sich

vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen plötzlich die Begabung

erlöschen könne, in demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu

voller Entfaltung gekommen waren.

Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler hörte alle diese

Äußerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemächtigte

sich seiner eine gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich

immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den

Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: »Unser verehrter

Andrej Petrowitsch!« »Unser hochverdienter ...!« Schon bot man ihm

Ehrenämter an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn in verschiedene

Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen

pflegt, entschieden für Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er

durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um

sie als Angriffswaffe gegen seine jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon

vergnügte er sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend ohne

Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum

Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, daß alles in

der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine

Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, der Ordnung und

einer monotonen Regelmäßigkeit unterworfen sein müsse, -- mit einem

Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang,

der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden

beginnt, wo die Töne des zauberhaften Bogens nur gedämpft an die Seele

rühren und das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, wo

der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen Kräfte mehr in Flammen

wandelt -- wo sich dafür aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des

Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine

verlockende Musik lauschen, ihr allmählich und unmerklich immer mehr

Macht über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen lassen.

Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen

Genuß gewähren. Nur den, der seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit

einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und

Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal,

Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. In seinen Tischen häuften sich

Päckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche

Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in

einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, törichten Geizhals,

einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem

jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar

viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch betrachtet sie voll

Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Särge, die sich vor ihm

bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich

bergen. Aber eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen

durchrütteln und erschüttern.

Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die

Akademie der Künste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein

Erscheinen und um sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien

angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen

Künstler zum Urheber hatte. Dieser Künstler war ein ehemaliger Freund

von ihm, der seit langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg,

und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit

vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten,

von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo

ein herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: in das

überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung eines Künstlers feuriges Herz

stets voll und stürmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie

ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium.

Ihn kümmerte es wenig, daß sich die Menschen über sein seltsames Wesen

aufhielten, daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu

bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem

Schaden sprach, den er dem Künstlerstande durch seinen ärmlichen,

altmodischen Anzug zufügte. Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine

Kollegen zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst

verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich besuchte er die

Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der großen

Meister stehen und deren wundervolle Pinselführung studieren. Er

vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder

geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat

geholt hatte. An lärmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte

er sich nie, er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, sondern

ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem

nur das Schöne zu entdecken wußte, bis er sich endlich einzig und allein

dem göttlichen Raffael als seinem Lehrmeister überließ, -- wie auch ein

großer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und

majestätischer Schönheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers

Ilias als die überragende Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat,

daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk

verlangen kann, und daß sich hier alles in höchster Vollkommenheit

wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit

an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle

Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier überirdischen

Pinselführung erworben.

Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von

Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur

selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er

beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine

tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott!

was war das, was er da erblickte!

Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Künstlers

vor ihm. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie

selbst, schien es hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten die

himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf sie gerichteten

Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefühl

unwillkürlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie

gesehene Pinselführung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die

Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und

die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den

gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Künstlers wirkende

Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes war von ihr

durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmäßigkeit und innere

Kraft; jedes Ding ließ jene wundervoll schwebende und fließende Rundung

der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge

des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber

stets eckig und hart erscheint. Man fühlte ganz deutlich, wie der

Künstler alles, was er der äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner

Seele verschlossen hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle

gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen.

Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was für ein unermeßlicher

Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur

gähnt. Es ist unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die

alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen auf das Bild

gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut störte die andächtige

Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch

verstärkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich

von allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen Augenblick --

die Frucht eines dem Künstler vom Himmel eingegebenen Gedankens -- zu

verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als

Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das Bild umringenden

Beschauer das Bedürfnis zu weinen an; es schien, als hätten sich alle

Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkürlichen

Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das

göttliche Werk vereinigt.

Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst

als schließlich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher

und Autoritäten ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu

unterhalten begann, als man sich schließlich auch an Tschartkow mit der

Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte

seine gewöhnliche gleichmütige Miene aufzusetzen und war eben im

Begriff, ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von

verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte schon sagen: »Hm,

gewiß, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat

er, das ist unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. Was aber

die Hauptsache betrifft,« -- und hierauf sollten natürlich einige

lobende Worte folgen, die keinem Künstler gut bekommen wären. Aber er

führte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen,

statt dessen drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner

Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal.

Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in

seinem prächtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen

Augenblick wieder in ihm auf, als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt,

und als wären die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder

aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte

er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die

spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte,

und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich entfaltet und vielleicht

ebenfalls Tränen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt hätte, so

plump ersticken können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos

vernichten können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke plötzlich

alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle

Gefühle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und

trat vor die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; er

verwandelte sich völlig in _einen_ einzigen Wunsch und war ganz von

_einem_ Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen.

Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein,

aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen

und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine

Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige

Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu

zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und

Fehlern. Er hatte die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich zu

erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der großen

zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein heftiger Verdruß bemächtigte

sich seiner, er ließ all' seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen

Modebilder, die Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und

Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein

Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in

die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem

Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war alles, was sein

Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er über die Unkenntnis

der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte

erkältend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als

unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich

unwillkürlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen

ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine

ungewöhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides

hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fügen und

sich nicht an die neue Körperstellung anpassen. Und Tschartkow fühlte

es, fühlte es selbst und sah es mit eigenen Augen.

»Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst

betrogen?« Mit diesen Worten suchte er seine früheren Werke hervor, die

er einst in so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und Geldgier

in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern

von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von

Überfluß und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. Jetzt

stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und

sein ganzes früheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor

ihm. »Ja ...« sagte er ganz verzweifelt, »ich _hatte_ Talent! wohin ich

auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!«

Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick

begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes

ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft

hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen

Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis

entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die

sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen

mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die

sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte,

daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung

geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise

zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent

zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele

von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis

sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem

nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs

Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen,

die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn

ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten

vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die

zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt

ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen

Schaffensdurste peinigt -- jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu

grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid

bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke

gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den

Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In

seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein

Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie

zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in

seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild

erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit

der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und

zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er

angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu

befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete

all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben,

das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende

Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder

im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als

hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die

Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte

Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von

ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß

und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen

wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns

Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden

und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer

Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine

guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von

ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden,

ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den

ganzen Tag zu vergiften.

Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und

gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine

Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein

schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und

Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich

in eine entsetzliche Krankheit über, -- ein furchtbares, von einem

heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes

Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von

ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren

Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht

bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen

lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel

er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden,

schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese

Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen

Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären,

die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet

hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach

ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche,

um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu

können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der

schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich

aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den

Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu

ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und

fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und

führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten

stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war

schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr

zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der

großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst

verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 17 / 31 题