III.

Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft

passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe

Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der

ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz

unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden

Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.

Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah,

erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, --

wahrhaftig, es war seine Nase.

»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer

barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran.

Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal

im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich

mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber

die Nase war noch immer da!

»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf

der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich:

»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr,

Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt

keine Nase!<«

Aber Iwan bemerkte:

»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.«

»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im

stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.

In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im

Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und

dafür Prügel bekommmen hat.

»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew

schon von weitem entgegen.

»Gewiß sind sie sauber!«

»Du lügst!«

»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!«

»Na, dann mal los!«

Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um.

In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen

mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren

Namenstagen den Gästen servieren.

»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich

die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von

der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange

betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und

Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei

Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.

Das war Iwan Jakowlewitschs System.

»Achtung!« schrie Kowalew.

Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte

wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer

Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln;

obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen

durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem

Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn

sein Geschäft glücklich zu Ende.

Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr

schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er

dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte

gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase

war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer

Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer

war als ein Westenknopf.

Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um

die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines

Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in

den Spiegel, -- die Nase war noch immer da!

Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls

Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen

Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:

»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!«

Und er dachte sich unterwegs:

»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das

das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.«

Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.

»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew.

Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren

Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde

mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit

mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich

mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich

dachte:

»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran,

mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen!

Das ginge noch allenfalls.«

Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem

Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn

nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr

an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major

Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit

leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man

ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem

Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht

Ritter eines Ordens.

Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres

großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer

Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß

es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an

verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie

konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung

nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen

Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine

Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen

Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!

Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan

Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen;

wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch

unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche

Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz

unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein

Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen,

und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich

weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.

Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch

eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich,

wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich

über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon

bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der

Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor.

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 16 / 31 题