Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft
passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe
Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der
ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz
unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden
Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.
Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah,
erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, --
wahrhaftig, es war seine Nase.
»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer
barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran.
Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal
im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich
mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber
die Nase war noch immer da!
»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf
der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich:
»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr,
Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt
keine Nase!<«
Aber Iwan bemerkte:
»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.«
»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im
stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.
In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im
Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und
dafür Prügel bekommmen hat.
»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew
schon von weitem entgegen.
»Gewiß sind sie sauber!«
»Du lügst!«
»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!«
»Na, dann mal los!«
Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um.
In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen
mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren
Namenstagen den Gästen servieren.
»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich
die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von
der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange
betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und
Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei
Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.
Das war Iwan Jakowlewitschs System.
»Achtung!« schrie Kowalew.
Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte
wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer
Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln;
obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen
durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem
Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn
sein Geschäft glücklich zu Ende.
Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr
schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er
dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte
gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase
war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer
Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer
war als ein Westenknopf.
Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um
die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines
Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in
den Spiegel, -- die Nase war noch immer da!
Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls
Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen
Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:
»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!«
Und er dachte sich unterwegs:
»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das
das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.«
Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.
»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew.
Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren
Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde
mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit
mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich
mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich
dachte:
»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran,
mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen!
Das ginge noch allenfalls.«
Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem
Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn
nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr
an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major
Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit
leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man
ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem
Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht
Ritter eines Ordens.
Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres
großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer
Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß
es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an
verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie
konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung
nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen
Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine
Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen
Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!
Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan
Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen;
wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch
unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche
Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz
unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein
Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen,
und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich
weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.
Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch
eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich,
wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich
über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon
bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der
Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor.