Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh
und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie
es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen
Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann
nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein
Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen
war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase
in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller
Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit
dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die
Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er
vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu
schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett,
schüttelte und rüttelte sich, -- doch die Nase war und blieb
verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte
schleunigst zu dem Polizeivorstand.
Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu
sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von
Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.
[Fußnote 11: Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten
Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt
Kowalew.]
Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren
Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer
Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit
wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn
Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren
von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem
dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle
Grade.
Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst
bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich
nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht
zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor
vor, sondern stets als Major. »Hör doch, mein Täubchen,« sagte er
gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand
feilbot, »geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der
Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann
wird dir gern Auskunft erteilen.« Oder begegnete er einer artigen
Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: »Du brauchst nur nach der
Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!« Aus diesem Grunde
wollen auch wir ihn von nun an stets den »Major« nennen.
[Fußnote 12: Große Straße in St. Petersburg.]
Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem
Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und
frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei
Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d.
h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben
und gut »Boston« spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der
Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette
eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen
oder auch mit der Inschrift »Mittwoch«, »Donnerstag«, »Montag« usw.
versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt,
nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine
seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er
Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines
schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major
Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine
Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln
verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors
versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase
nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.
Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der
Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen -- in seinen Mantel
eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn
er gerade Nasenbluten hätte.
»Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch
unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht
geschwunden ist,« dachte er.
Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den
Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im
Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle
zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße
Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen
kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.
»Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,« sagte er; »nun kann
ich meine Untersuchung beginnen!«
Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.
»Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,« schrie er, indem er
empört ausspie; »wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas
anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!«
Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das
Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen
und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden.
Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen.
Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein
Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm
entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie
groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm
seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen
Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und
nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem
beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker,
zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen
zu steigen.
Nach Ablauf zweier Minuten erschien die »Nase« tatsächlich. Sie trug
eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus
Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes
konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug
des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute
sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein »Vorwärts!« zu
und rollte davon.
Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht,
was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es
denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in
seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine
Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise
nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte.
Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter
Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt
der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte.
Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in
einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen
konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau
hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr
Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter
Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.
[Fußnote 13: Ein großer Bazar.]
»Soll ich ihn anreden?« dachte Kowalew. »Aus seiner ganzen
Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und
deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich
es anstellen soll! ...«
Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber
die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt.
»Mein Herr!« sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen
versuchte, »mein Herr! ...«
»Was wünschen Sie?« fragte die Nase, indem sie sich umwandte.
»Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie
sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und
noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...«
»Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen.
Erklären Sie sich deutlicher!«
»Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?« dachte Kowalew. Und
sich ein Herz fassend begann er:
»Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie
müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der
Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde
nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft,
der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen
zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum
Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und
noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein
Herr« -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln --
»entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt
der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...«
»Ich begreife absolut nichts,« erwiderte die Nase. »Erklären Sie sich
deutlicher.«
»Mein Herr,« versetzte Kowalew mit Würde, »ich weiß nicht, wie ich Ihre
Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um
einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut,
Sie sind doch meine eigene Nase!«
Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.
»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem
können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach
den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern
Ressort dienen.«
Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken.
Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht
einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das
angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit
Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen
Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste
zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide
Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem
ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den
Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose.
Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes
zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in
Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die
sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand
mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf
Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes
Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in
ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.
Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück.
Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und
heiße Tränen entströmten seinen Augen.
Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu
sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump,
ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ...
Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick
benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch
abzustatten.
Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch
eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach
allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er
erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die
Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel
geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde;
er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für
eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen
aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie
voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte
herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?
Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es
von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von
der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein
Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten,
»Oberstleutnant« zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund
Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und
_dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus
erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge
doch zu ihm herüberkommen.
»Der Teufel soll ihn holen!« sagte Kowalew. »Kutscher! bring mich doch
auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.«
Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick
zu: »Fahr zu, so schnell du kannst!«
»Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?« fragte er sofort beim Eintritt in
das Vestibül.
»Nein,« antwortete der Portier; »er ist soeben weggegangen.«
»Das ist ja wundervoll!«
»Gewiß,« fügte der Portier hinzu, »erst vor ganz kurzer Zeit ist er
fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn
sicher noch getroffen.«
Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in
den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:
»Fahr weiter!«
»Wohin?« fragte der Kutscher.
»Geradeaus!«
»Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts
oder links?«
Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In
seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium
zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort
gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst
wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase
angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den
eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann
nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer
Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen,
als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte
dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium
fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei
ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen
Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; -- und dann wären
alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was
Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab
ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt
nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine
Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen,
damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch
wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten.
Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach
der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen
Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und
schrie:
»Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!«
»Aber, Herr!« antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und
schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie
ein Bologneserhund.
Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines
Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit
einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den
Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.
»Wer nimmt hier Annoncen an?« schrie Kowalew; »doch ich bitte um
Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!«
»Guten Morgen!« sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um
seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.
»Ich möchte ein Inserat aufgeben ...«
»Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,« fuhr der
Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und
mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.
Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine
lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem
Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine
gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.
»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht
Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn
geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der
Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In
aller Höflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen
der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal
Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder
einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel
anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.«
Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr
bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des
Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine
Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit
Zetteln in der Hand angesammelt.
Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut
geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war,
aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris
bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges
Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten
verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne
Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten
Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und
Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen,
nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald
anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen
zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren
Besichtigung ein.
Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und
infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der
Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war
mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo
--
»Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...« sagte er
endlich ungeduldig.
»Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch
eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sagte der alte Herr,
indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.
»Was wünschen Sie?« sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
»Ich bitte Sie,« sagte Kowalew ... »es handelt sich um eine schier
unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht,
wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu
wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute
Belohnung erhalten soll.«
»Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?«
»Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen.
Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der
Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina,
die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott
behüte! Sie können ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder
noch besser: >Ein Major<.«
»Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?«
»Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein,
mir ist ... die Nase ausgerückt! ...«
»Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie
Herr Nase bestohlen?«
»Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist
es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir
einen Streich spielen wollen!«
»Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts
von alledem!«
»Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei
dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt
herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte
ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne
Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne
diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört,
existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn
man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken.
Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa;
Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren
Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute
Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien
Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen
kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu
zeigen.«
Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff.
»Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!« sagte er endlich
nach längerem Stillschweigen.
»Wie? -- Weshalb nicht?«
»Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand
schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne
dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und
Lügen gedruckt werden!«
»Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz
klar und ....«
»Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert
ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein
Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem
Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie
werden einwenden: >Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall
entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine
Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines
Geschäftes gemeint.«
»Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner
eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir
selbst suchte!«
»Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!«
»Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?«
»Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe
gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der
Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung,
daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen
Scherz erlauben!«
»Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es
nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!«
»Warum diese Aufregung?« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm.
»Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,« fügte er
neugierig hinzu, »ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!«
Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.
»In der Tat, das ist äußerst sonderbar!« sagte der Beamte. »Die Stelle
ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt,
-- es ist schier unglaublich!«
»Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß
Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür
zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß
diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft
zu machen.«
Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.
»Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,«
sagte der Beamte; »nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie
sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren
Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der »Biene
des Nordens« -- hierbei nahm er eine Prise -- »zur Belehrung der Jugend«
-- hierbei schneuzte er sich -- »oder noch besser zur allgemeinen
Unterhaltung veröffentlichen könnte.«
Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick
auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein
Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen
Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um
einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung mußten die
höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an
seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.
Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in
einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt,
seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen
Worten seine Teilnahme auszusprechen:
»Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick
widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt
die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein
unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!«
Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den
Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr
geschickter Weise wegschob.
Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner
Geduld.
»Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!« sagte er
zornig. »Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der
Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist?
Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr
sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern
echter Rapé wäre.«
Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab
sich aufs Polizei-Kommissariat.
Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade
gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: »Ich würde jetzt
mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.«
Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts
weniger als gelegen kam.
Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen
Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen
geschmückten Schein allen andern Dingen vor.
»Das ist ein Stück,« sagte er oft, »wie es nirgends ein besseres gibt:
es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die
Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.«
Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die
Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung
amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf
hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man
gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die
Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz
unbekannt waren --, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht
verliere.
Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.
Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur
war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals
vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende
Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen
Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals
ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des
Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd
und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte:
»Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu
erwidern habe.«
Und damit ging er.
Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine
abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm
nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr
schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten
schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich
damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer
Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche
Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem
Hut auf die Stirn und schrie ihn an:
»Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!«
Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um
ihm seinen Mantel abzunehmen.
Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen
Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:
»Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient?
Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren -- das wäre noch nicht so
schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel
was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht
verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum
Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder
im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst
verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung
zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!« -- fügte er
nach kurzem Nachdenken hinzu --, »es ist ganz unglaublich, daß eine Nase
so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich.
Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht
habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein
ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe.
Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so
habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.«
Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so
heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz
überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig
handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit
den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch
vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen
Schritt zurück und murmelte:
»Die reinste Karikatur!«
Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf
verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! --
aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem
eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände
an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am
ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem
Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne
begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging
er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun
offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde,
lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er
wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde
Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde
beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe
einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich,
daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein
sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch
hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie
auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen.
Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend
einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell
geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau
Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu
ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.
Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört,
der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer
eine Kerze angezündet hatte.
Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und
bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es,
sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich
noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht
das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar
entstellt sah.
Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine
unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:
»Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?«
»Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,« sagte dieser,
indem er eiligst die Tür öffnete.
Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht
all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen,
derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke
getroffen haben, trat ein.
»Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?«
»In der Tat!«
»Sie ist soeben gefunden worden.«
»Was sagen Sie da?« schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn
sprachlos.
Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen
und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.
»Auf welche Weise?« fragte er endlich.
»Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer
Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um
nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und
das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten
habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte
sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich
kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß
Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch
sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch
nicht mehr als ich.«
Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.
»Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.«
»Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben,
habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der
Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus
der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam
sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und
Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit
Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.«
Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase
hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
»Ja, das ist sie!« schrie Kowalew. »Das ist sie und keine andere!
Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?«
»Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das
ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein
Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel
entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner
Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester
berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht
intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete
Erziehung zu geben ...«
* * * * *
Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand
sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung;
einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche
Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene
Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal
mit großer Aufmerksamkeit an.
»Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!« sagte er. »Hier auf der
linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...«
Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.
Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude
nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell
einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten
Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines
im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt.
Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein
Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt
mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und
befestigen.
»Wenn sie nun nicht halten wird?«
Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.
Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und
ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine
Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie
wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt
nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem
und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen
beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!
»So sitz doch, du Rindvieh!« sagte Kowalew zu ihr.
Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht
sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes
Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.
»Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?«
sagte er voller Schrecken.
Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, -- aber
auch dieses Mal ohne Erfolg.
Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der
schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt
war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar
herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau.
Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere
Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen,
die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem
Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne
mit fünf verschiedenen Bürstchen.
Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.
Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war,
seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und
gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase
befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem
Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der
Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von
der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn
und ließ dann ein gedehntes »Hm« vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch
einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd,
dessen Zähne man untersucht.
Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:
»Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf
sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die
Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das
unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es
dann noch schlimmer werden kann.«
»Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?«
sagte Kowalew. »Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll
doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit
einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten
Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche
abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B.
mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die
Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach
dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie
mir den Gefallen,« fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, »setzen Sie
sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut
aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen
könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch
garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch
eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für
Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es
mir meine Mittel gestatten ...«
»Glauben Sie mir,« sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht
allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem
Tone, »daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen
ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich
nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein,
um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre
Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es
mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen
Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle
recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich
ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich
Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren
oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den
Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie
erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu
teuer sind!«
»Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!« rief
der Major Kowalew verzweifelt aus; »lieber will ich sie vernichten!«
»Entschuldigen Sie,« sagte der Arzt und erhob sich; »ich wollte Ihnen
nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich
von meinem guten Willen überzeugt.«
Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt
das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und
in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen
Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes
hervorleuchtete.
Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau
Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie
seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.
Dieser Brief lautete folgendermaßen:
»Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!
Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu
begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen
und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten.
Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle,
dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr
spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr
plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre
Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in
natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die
Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich
inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht
zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage
kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden,
mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte
anzurufen.
Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen
Hochachtung
Ihr ergebener Diener
Platon Kowalew.«
»Geehrter Herr Platon Kusmitsch!
Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich
gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe
erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von
dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir
empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch
Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner
Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen
Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch
keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase.
Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine
Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber
nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl
wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie
gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl
zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil
werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten
Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets
Ihre gehorsame Dienerin
Alexandra Podtotschina.«
»Nein!« sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, »sie ist
sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie
und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen
hat.«
Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon
mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut
worden.
»Wie mag es nur geschehen sein?« fragte er sich immer wieder. »Hol's der
Teufel!«
Und er ließ resigniert die Hände sinken.
Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem
außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist,
nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser
Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher
hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen
Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die
Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu
sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase
des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden
Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger
strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase
hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die
Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen
Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst
würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der
Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten
pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden
aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein
Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D.
erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel
anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber
zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der
Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer
Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen
Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und
Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon
seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort,
indem er ärgerlich sagte:
»Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche
Gerüchte auf die Beine bringen? ...«
Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew
garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten
herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon
Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses
seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden
einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat
den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch
ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche
Erklärung hinzuzufügen.
All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei
keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu
zerstreuen -- und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an
Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine
Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all
diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe
nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde
Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die
Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr
gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für
wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten
mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in
einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder
nichts bekannt.