Tschitschikow schlug ein. »Bravo. Wir fahren!«

»Wohin? Wohin?« rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war,

und sie erstaunt anstarrte. -- »Nein, liebe Herren, ich habe die Räder

von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt,

Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute

müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas

früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.«

Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen.

Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos

gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit

vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den

spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß,

der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von

flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren,

die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren.

Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und

lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und

dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache

Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich

die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig

plötzlich wie ein Mann in die Höhe -- und wie von selbst, einem leichten

Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin.

Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann

vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen

Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an,

dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut

schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie

Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und

unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der

eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar

Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein

Russe sei. Nur Platonow dachte: »Was ist eigentlich schönes an diesem

melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon

ist.«

Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die

Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr

spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel.

Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen

eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu

Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der

Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an

den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur

Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die

Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der

Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu

hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber

es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar

feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die

Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an

Moskau, an die Café's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus

der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr

Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und

Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: »nein wirklich,

ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!« Und er sah sich schon im Geiste

an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar

kleiner Tschitschikows.

Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm

zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da

befühlte er seinen Bauch und sagte: »Die reinste Trommel! Da geht kein

Polizeimeister mehr hinein!« Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß

sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die

Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was

nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter

dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den

morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre

noch der Appetit erwacht!

»Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,« sagte er, indem er

mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. »Ein Viertel füllst

du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei,

Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem,

na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun

backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor

allem achte auf die Füllung -- die muß gründlich geschmort werden, daß

sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht

auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf

es selbst kaum merken.« Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder

mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.

»Hol's der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,« dachte Tschitschikow

und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber

das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.

»Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten

Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren,

Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel

Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er

auch ordentlich aufgeht!«

Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte

man ihn sagen: »Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und

dämpfe sie mir gründlich!« Als er endlich bei einem Truthahn angelangt

war, schlief Tschitschikow ein.

Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht

mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mußte den

Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der

großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich

gleichfalls vollgefressen.

»Nein, das geht zu weit!« sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen

hatten.

»Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.«

»Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der

Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist

der Branntweinpächter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt,

zehn Millionen -- das nenne ich ein Sümmchen!«

»Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher

machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem

Schwager verabschieden.«

»Aber mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow.

»Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend.

Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem

Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.«

»Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch

sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich

bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?«

»Kostanshoglo.«

»Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?«

»Konstantin Fjodorowitsch.«

»Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf

seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.«

Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr

notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte.

Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es

war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden.

»So ein Schwein!« Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte.

»Sehen Sie! da fangen seine Güter an!« sagte Platonow. »Das sieht doch

gleich ganz anders aus!«

Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung,

-- jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man

ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob

sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die

andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und

dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch

den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: »Dieser ganze Wald ist kaum

acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und

selbst dann ist er noch nicht so hoch.«

»Wie hat er es aber nur gemacht!«

»Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund

und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden

ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und

jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide

pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis

vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern

auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel

Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die

trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall

rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung;

alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu

beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und

nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und

Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der

nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!«

»Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!« dachte

Tschitschikow. »Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so

oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.«

Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen

gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der

drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige

Getreide- und Heuschober stehen. »Hm!« dachte Tschitschikow, »man merkt

gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!« Die Hütten waren

alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen

stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man

begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh

war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus

wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die

Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln

nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze,

noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte

eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans

Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund

um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob

sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war

nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen

Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den

entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an

der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit

mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine

Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an,

wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.

Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine

frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes

heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem

Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer

heiter und gesprächig war.

»Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin

ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.«

»Wo ist er denn?«

»Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,« sagte sie, während sie

die Gäste ins Zimmer geleitete.

Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen

Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte,

denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des

Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster

oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es

einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das

Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer

waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es

weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem

Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf

hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens

garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde

aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im

weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken

nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit

einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte

Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes

entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf

denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.

»Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?« sagte

Platonow.

»Das ist doch kein Plunder!« versetzte die Hausfrau. »Das ist das beste

Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit

kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht

werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem

eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es

eßt.«

Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.

»Herrgott, das alte Zeug!« sagte er, »Schämst du dich gar nicht,

Schwester?«

»Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit

Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik

abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß.

Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit

ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? -- Nein

entschuldige, das tue ich denn doch nicht!«

»Bist du langweilig geworden, Schwester!« sagte der Bruder und trat ans

Fenster: »Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!« rief

Platonow.

Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig

Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren

kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu

achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer

niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften

Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein

durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen

Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr

Gespräch deutlich im Zimmer hören.

»Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn

los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja

allmählich bei mir abarbeiten!«

»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen

Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen.

Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt.

Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen.

Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im

Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken

möchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die

Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei

Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen!

Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin

Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man läßt sich halt leicht

verführen.«

»Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt,

dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was

ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von

meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor

allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun für mich oder für sich

selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite

ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir

selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf,

weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt

sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.«

»Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst

die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle

reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig

und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben

wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.<«

»Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.«

»Wie Sie befehlen!«

»Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen

etwas mit dem Preise herunter,« sagte der durchreisende Kaufmann im

langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.

»Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin

nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann

erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne

euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu

machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer

verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis

her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei

mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe

keine Hypothekengelder zu bezahlen!«

»Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch

nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus

Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!«

Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten

aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie

nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.

»Hm,« dachte Tschitschikow, »wie wenn das sein Taschentuch wäre!« Doch

jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen

tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die

struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten

Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und

seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er

war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine

Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum;

das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft

damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen,

und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.

Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.

»Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu

machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine

Langeweile los werden,« sagte Platonow, »Pawel Iwanowitsch hat mir

vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.«

»Das ist ja vortrefflich!« sagte Konstanshoglo. »Und welche Gegend

gedenken Sie zu besuchen?« fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an

Tschitschikow wandte.

»Ich muß gestehen,« sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf

die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, »ich muß

gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im

Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl

sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige

von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich

sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem

eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für

die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und

Strudel des Menschenvolkes zu stürzen -- das ist sozusagen ein lebendes

Buch und auch eine Art Wissenschaft.«

»Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.«

»Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man

sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit

Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche

Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir

eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie,

verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie

mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit.

Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.«

»Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?« sprach

Kostanshoglo verlegen. »Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen

Lehrgeld bezahlt.«

»Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die

Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren

Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen

eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die

Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung

seiner Mitmenschen.«

»Wissen Sie was?« sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an,

»bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung

zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier

nicht finden.«

»Aber natürlich! Bleiben Sie doch!« fiel die Hausfrau ein; dann wandte

sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: »Bleib doch, Bruder, du hast

doch keine Eile.«

»Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?«

»Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein

Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst

Koschkarow ...«

»Der ist aber doch verrückt!«

»Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht,

aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und

sozusagen mein Wohltäter ...«

»Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,« sagte Kostanshoglo:

»fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein

Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum

Tee können Sie schon wieder zurück sein.«

»Eine großartige Idee!« rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut.

Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten.

Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine

Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und

Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude

aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern:

»Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge«, auf einem andern las man:

»Hauptrechnungskammer«, »Komitee für Gemeindeangelegenheiten«,

»Normalschule für Landleute«. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da

nicht alles gab!

Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der

Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den

Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er

an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf

die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich

schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu

machen, was die »höheren Antriebe« sind, die der Mensch nur aus einem

vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und

Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die

Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in

Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines

einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte;

dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen,

und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie

hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den

Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische

Analyse des Bodens unterrichten.

»Daß du dich nur nicht täuschst!« dachte Tschitschikow. »Denken Sie

bloß, ich habe die »Gräfin Laveillère« bis heute noch nicht gelesen. Ich

kann immer keine Zeit dazu finden.«

Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend

und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der

Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte

aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte,

die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene

Zeitalter für Rußland anbrechen würde.

Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und

sagte schließlich zu sich selbst: »Ich glaube, mit dem brauche ich mich

nicht zu genieren;« und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig,

zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe

es _der_ und _der_ Formalitäten.

»Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,« sagte der Oberst, ohne auch

nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, »ist das ein _Gesuch_, das

Sie an mich richten! Nicht wahr?«

»Sehr richtig.«

»Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch

muß nämlich erst ins »Bureau für Berichte und Anzeigen«, dort wird es

signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an

das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den

Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es

endlich zusammen mit dem Sekretär ...«

»Ich bitte Sie!« sprach Tschitschikow, »auf diese Weise wird sich ja die

Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich

doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ...

Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot

...«

»Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen

schon tot sind.«

»Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht

niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den

Anschein haben, als ob sie noch leben ...«

»Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist nötig, oder es ist erwünscht,

oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch

leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie

bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann

mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.«

Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.

»Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.« Gleich darauf trat auch der

Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was

er war, ein Bauer oder ein Beamter. »Er wird Sie überall hinführen.«

Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem

Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu

lernen. Das »Bureau für Berichte und Anzeigen« stand nur auf dem

Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus

Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten

versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch

der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen

daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch

gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der

betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts

herausbringen. »Bei uns herrscht eine große Unordnung!« sagte

schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. »Die Leute tanzen unserem

Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab;

sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin,

wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen

Vorteil.« Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission.

Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten

zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar,

man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte

und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht.

Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar

die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone

gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig

über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie

der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich

entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten

zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für

Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es

überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?

»Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!« dachte Tschitschikow und wollte

schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:

»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich

will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte

Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel

wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt.

Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht

allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich

einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,« fuhr der Oberst

fort, indem er eine Seitentür öffnete: »Hier finden Sie Bücher, Papier,

Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte!

alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die

Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.«

So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek

geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit

Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden

sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über

Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau,

Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt

werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest.

Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die

sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu

vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus

dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als

_philosophische_ Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs

gewaltige Bände mit der Ueberschrift: »Einführung in die Lehre vom

Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer

Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in

der gesellschaftlichen Produktivität.« Was für ein Buch Tschitschikow

auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von:

_Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und

Für sich sein_, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so

einem Buche stand! »Das ist nichts für mich,« sagte Tschitschikow, und

ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_

Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der

antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige

Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder

gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch

alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche

gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen

Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen,

als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in

der Tür erschien.

»Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der

Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür

will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes

Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein

heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig

geworden ist.«

»Na, Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu

hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung:

»Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten

Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren

Kenntnis zu bringen:

Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates

Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis

enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden

unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich

Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut

tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine

Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen

Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer

Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.«

»So ein Schelm!« sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. »Hier will

er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte,

schneidige Feder er führt!«

»Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem

Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch

belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit

einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch

außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen,

ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses

mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in

Nummer 42 der »Moskauer Nachrichten« zu lesen steht.«

»Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich

unnütz aufgehalten?« sagte Tschitschikow ärgerlich.

»Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen

Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen

instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein

geschehen.«

Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause

hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu

wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor

der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen,

denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein

schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden

ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der

Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die

Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben

habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse

den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst

könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge

werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken

eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen

tragen soll: »Kommission zur Aufsicht über die Baukommission«. Dann

würde es niemand mehr wagen zu stehlen.

Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei

Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet.

»Warum kommen Sie so spät?« sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der

Türe erschien.

»Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?« fragte Platonow.

»Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!«

rief Tschitschikow aus.

»Das ist noch gar nichts!« meinte Kostanshoglo. »Koschkarjow ist

trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil

sich in ihnen die Torheiten unserer »weisen Männer« gewissermaßen

karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen,

die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der

Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir

jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für

Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen,

und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute!

Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812

erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und

alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der

Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter

Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.«

»Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?« sagte Tschitschikow.

»Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!« Kostanshoglo

redete sich allmählig immer mehr in Zorn. »Da haben Sie zum Beispiel

eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natürlich müssen die Werkmeister aus

London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der

Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und

Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die »Dämchen« aus der Stadt

zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...«

»Aber du selbst hast doch auch Fabriken,« bemerkte Platonow.

»Wer hat denn die gebaut?«

»Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie

nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter

_dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem

Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen

Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang

ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit

ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir

vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.«

»Teufel!« dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte.

»Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!«

»Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir

gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja

Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen

hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester,

jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu

verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem

Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich

fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine

Häuser mit Säulengängen und Giebeln.«

»Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem

Plunder was verdienen kann!« sagte Tschitschikow.

»Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so

nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser

und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das

Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß

er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!« Bei

diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. »Und dabei kommt er tausendmal

dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.«

»Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte die Frau

besorgt, »du weißt doch, daß dir das schadet.«

»Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch

um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles

Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man

sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don

Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben!

Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich

ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein

Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu

nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens

lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder

so einer will in Humanität machen -- dann wird er ein Don Quixote der

Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit

Säulenhallen für 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt

andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!«

Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte

durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was

verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen;

immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon

nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken.

»Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen

... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird,

dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich

garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was

diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die

Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was

sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: >Der Bauer führt ein zu

primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm

höhere Bedürfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu

Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen

mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im

Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie

andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir

doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von

diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich

dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung

-- wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie

er.«

»Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der

Landwirtschaft zu beschäftigen?« fragte Tschitschikow.

»Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. >Im

Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heißt es in der

Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine

hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem

Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich

sage nicht -- daß man nichts andres tun dürfe -- aber der Grund zu allem

muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden

schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken -- in denen

Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle

braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung

eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur

verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und

um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln

ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen.

Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn

die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich

nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und

Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen

verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll,

dann will _ich_ wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich

will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und

_mit_ dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.«

»Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so

gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt

natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.«

»Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf

ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen

Ausdruck an. »Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf

dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und

so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ...

Narren!« Und wieder spuckte er ärgerlich aus.

»Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht

so,« sagte die Frau, »als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu

reden, ohne gleich außer sich zu geraten.«(8)

»Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt

man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen

den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese

allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit

auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre

Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu

Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste

Bürgerpflicht zu erfüllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?«

»Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?« fiel Kostanshoglo ein:

»Ganz einfach: ...«

»Das Abendessen ist fertig,« sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa

erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper

zitternd in ihr Tuch.

Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom

Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch

zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene

Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft

von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden

nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln

nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten

sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten,

was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen,

während er aß.

Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von

einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert

hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: »darf ich noch einmal

auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen,

Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun

muß, wie man sich verhalten soll ...«[4]

* * * * *

.... »Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde

ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.«

»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Und warum kaufen Sie es denn

nicht selber?« sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit.

»Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gütern genug zu

tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre

verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis

aufkaufe. Das habe ich bald satt.«

[Fußnote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in

der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch zwischen

Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke auf. Man

muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das

Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben.

Anm. des Herausgebers.

]

»Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!« sagte

Tschitschikow.

»Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen:

man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich

selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: >Ich habe freilich alles

durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse

hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber

sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein

Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...«

»Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!« sagte Tschitschikow.

»Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn

was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, -- sie

lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich

die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine

Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal

nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will

einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem größten

Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht

wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau

Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich

aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon

machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann

werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür

verlangen.«

»Das muß ich mir merken,« dachte Tschitschikow.

»So einem werde ich es nie abschlagen,« fuhr Kostanshoglo fort. »Aber

mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein,

da muß man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer

den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus

luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem

Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er

so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -- und dazu soll

ich ihm noch Geld leihen!«

Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner

Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der

dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht.

Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches

Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte.

»Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal

auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs

zurückzulenken,« sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen

Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. »Nehmen wir

einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was

denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so

reich werden, daß ...«

»Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen,« unterbrach ihn

Kostanshoglo kurz und streng, »dann werden Sie niemals reich werden;

wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht

nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele

kommen.«

»Wirklich?« sagte Tschitschikow.

»Ja,« versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über

Tschitschikow ärgerte, »man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man

nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl!

Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein

neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen

Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt

verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in

ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren.

Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur

Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume -- jeder

Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner

Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -- und welch einer Tätigkeit! -- diese

Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr

wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der

Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an

allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das

ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des

Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß

die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal

durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden,

wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus

überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht

und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde

sich lockert -- dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten,

und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen

Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige

Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier

ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun

beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die

Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer.

Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt's keinen Augenblick

verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit

zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und

zu Garben zusammengebunden ist -- dann muß man schon wieder weiter

denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die

Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze

Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was

man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf

allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in

die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken,

besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und

treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt

umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm

zuschauen, so ein Vergnügen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn

man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um

uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich

kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb,

weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natürlich auch eine schöne Sache

-- aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du

selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend

ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über

alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß

vorstellen?« fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren

verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so

strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten.

»Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden!

Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das

Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom

Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen

schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!«

Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die

süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören

konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten

einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er

hätte immer weiter zuhören mögen.

»Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,« sagte die

Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin

den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es

seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn

seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.

»Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und

langweilig,« erklärte Platonow, der hinter ihnen herging.

»Der Gast ist kein dummer Kerl,« dachte der Hausherr; »er ist

aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein

Schwätzer.« Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die

Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß

er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen

Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.

Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein

angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die

Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu

ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so

wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich

nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände,

wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte,

und mit dem Worte »Genug« seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte.

Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien

Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und

vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man

irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen

findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die

Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und

den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher

Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten

unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so

kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der

Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende

Kleinigkeit.

Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem

Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der

gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das

Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow

gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies,

Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre

vorwurfsvollen Worte: »Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.« Die

lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die

Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu

ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte

Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der

Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche

Nacht ...

»Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin

Fjodorowitsch!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, ich habe in

ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand

gleichkäme.«

Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht

hatte. »Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen

lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: --

das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen

aufzubinden.«

»Wer ist denn das?« fragte Tschitschikow erstaunt.

»Das ist unser Branntweinpächter Murasow.«

»Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!« rief Tschitschikow aus.

»Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen

ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort

zu meinem Finanzminister ernennen.«

»Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit

übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.«

»Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb

Rußland ihm gehören!«

»Was sagen Sie!« rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein

Gegenüber erstaunt anstarrte.

»Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt,

der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen

einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und

verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu

großen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner

messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es

ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.«

»Herrgott, Herrgott!« sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz.

Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm

ausgehen: »Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor

Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen

Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß

solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen können.

Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung

dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?«

»Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der

saubersten Mittel bedient.«

»Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um

Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...«

»Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden

leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er

braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein

andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der

Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß ..

ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ...

Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.« ...

»Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken

angefangen haben soll!«

»Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,« sagte

Kostanshoglo. »Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf

immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu,

der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch

alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der

Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann

erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen

man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen

Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es

heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles

durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und

besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen

Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche

die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer

mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie

schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das

Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.«

»In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,« versetzte

Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: »denn

ich fange in der Tat mit nichts an.«

»Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe

gönnen; er will sicher schlafen gehen,« sagte die Hausfrau, »du aber

plauderst immer weiter.«

»Natürlich werden Sie reich werden,« erwiderte Kostanshoglo, ohne auf

seine Frau zu hören. »Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in

Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin

sollen.«

Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem

herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz

wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in

den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer

wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: »Das Gold wird

Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.«

»Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu

gehen.«

»Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,« sagte der

Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze

Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte,

als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit

zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte:

»Schnarch doch nicht so!«, dann wünschte er Tschitschikow eine gute

Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in

tiefen Schlaf versunken.

Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht

zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen

sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß

eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit

dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich

zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige

Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und

natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst

seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes

wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie

Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne

vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen

gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle

Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete

sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die

große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen,

alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das

andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben

und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich

das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle

Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares

Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig

vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in

ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis

auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und

Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen

hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt.

Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging.

Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe

und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein

ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß

selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo

leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem

zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest --

dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er

den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener

sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und

lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich

Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier

Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war

Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.

Viertes Kapitel.

Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ.

Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor,

ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß

eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich

Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich,

Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm

zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten

Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg,

nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die

leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach.

Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang

sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu

Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich

das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder

erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage

merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt

worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das

aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte

ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den

Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem

aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß

schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.

Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was

geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach

langer Trennung zum ersten Male wieder.

»Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine

Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir

kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute

denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin

Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld

an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen

Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange:

Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen

vorsetzen?«

»Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen.

Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch

Tschitschikow,« sagte Kostanshoglo.

»Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen

Sie mich Ihre Hand drücken!«

Tschitschikow reichte ihm beide Hände.

»Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch,

es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob

Sie auch gegessen haben?«

»Freilich haben wir gegessen,« versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst

schnell los sein wollte. »Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut

gleich jetzt besichtigen.«

»Gut, dann wollen wir gehen.« Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand.

»Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich

ich bin.«

Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab.

Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen

Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren.

»Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und

liederlich ich bin,« sagte Chlobujew. »Es war natürlich sehr vernünftig

von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben,

Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause,

soweit ist's mit mir gekommen!«

Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch

nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und

ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte,

Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten

ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.

»Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!« sagte

Chlobujew zu Platonow. »Sie können sich's garnicht vorstellen, wie

schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- für Sie sind

das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich

nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn

all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat

noch dazu ein Weib und fünf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man

will oder nicht ...«

»Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen

wäre?« fragte Platonow.

»Ach was! Geholfen!« versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen

Gebärde. »Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden

draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!«

»Und was wollen Sie dann anfangen?«

»Das weiß Gott allein.«

»Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen

herauszukommen?«

»Was soll ich denn machen?«

»Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.«

»Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung

annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten.

Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich

habe doch eine Frau und fünf Kinder.«

»Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.«

»Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles

durchgebracht habe!«

»Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode

steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend

einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.«

»Nein, Platon Michailowitsch,« sagte Chlobujew seufzend und drückte

Platonow kräftig die Hand. »Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin

vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus.

Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den

Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in

den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen.

Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern

aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!«

»Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!« dachte

Platonow. »Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.«

Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter

ihnen her; er war ganz außer sich vor Wut.

»Da, sehen Sie,« sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies:

»was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und

Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann

darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man

eben alles und schafft neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht

_einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da

läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele

Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verändert, er bummelt und säuft.

Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, dann

hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt sich daran, in Lumpen

herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie

einmal das Land an. Nun was sagen Sie,« fuhr er fort, indem er auf die

Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten sichtbar wurden. »Alles

Land, das jedes Frühjahr überschwemmt ist. Ich würde da Flachs säen, der

mir allein fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde ich Rüben

pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen müßten ... Sehen Sie

sich bloß einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar

Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät -- das weiß ich.

Und dort -- diese Schlucht! Da würde ich einen Wald anlegen. Die Stämme

sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein

herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug

hat, um es zu pflügen, dann nimmt man den Spaten, gräbt es um und

pflanzt Gemüse darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber man

muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß Frau und Kinder und alle

Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man

schließlich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens

seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht

krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen

hat!« Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke

umschattete seine Stirn.

Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene

Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses

hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom

Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher

erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen

lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich

flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das

könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, »wenn man hier

einen Wald anpflanzen würde, -- dann gäbe es einen Anblick, der sich,

was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....«

»Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,« sagte Kostanshoglo

plötzlich, und sah ihn sehr streng an. »Nehmen Sie sich in acht, wenn

Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne

Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem

Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon

von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die

allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem

Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen

Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach

einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie

die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre

Bedürfnisse.«

»Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell

so sehen, wie man es zu haben wünscht ...«

»Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt

gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs

Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick

auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn

Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen

selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja,

ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren _siebzig_ noch

_siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hände an der Arbeit waren! Alles

verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren -- und

doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist

ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen

selig pries.«

»Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern

rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!«

»Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!« rief

Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte.

»Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und

Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich

abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als

möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!« Kostanshoglo war

sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von

Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls

von ihm.

»Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!« sagte der Hausherr

erstaunt, »Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder

fort!«

»Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause

fahren,« versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den

Wagen und fuhr davon.

Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu

haben.

»Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten,« sagte er, »für einen

so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese

schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel

Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein

Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen

Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein

so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin

Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in

seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel

Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch

für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie

sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die

größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen.

Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun

mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber

was kann _ich_ ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen

Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen,

wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am

liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß

sehr gut, daß man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen muß, Menschen,

die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen

Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes

Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich

an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn

aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.«

»Seltsam,« sagte Platonow, »woran liegt das bloß; daß der Russe immer

gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein

Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!«

»Das macht der Mangel an Bildung,« bemerkte Tschitschikow.

»Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung,

haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum

Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es

gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen

auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? --

Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen

schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht

war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von

ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch

ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts

Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr

Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es

mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir

wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann

nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu

halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so

voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen

kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an

-- wahrhaftig. Und so sind wir alle!«

»Ja,« sagte Tschitschikow lächelnd, »so was kann vorkommen!«

»Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es

vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen

Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und

erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal

alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen

und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten

wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß

freilich selbst nicht recht, was es ist.«

Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung

machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue

war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer

furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie

beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte

ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug

hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas

weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das

betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die

hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den

Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen.

Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht

enthalten gleichfalls zu gähnen. -- Ein Flicken saß auf dem andern. Bei

einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen

Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der

herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich

im Haushalt an das System der Fabel von »Trischkas Kaphtan«, man trennte

die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.

»Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,« sagte Tschitschikow, als

sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab

sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung

von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß

saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische

lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen

Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie

sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden

war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen

trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser

gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen,

und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder.

Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine

schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug

plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich

darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.

»Also, was ist Ihr Preis?« sagte Tschitschikow. »Ich muß gestehen, es

wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer

viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.«

»Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,« versetzte

Chlobujew. »Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts

verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen,

sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar

aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu

den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte,

dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den

Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.«

Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.

»Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein

Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.«

Platonow wurde verlegen. »Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,« sagte

er. »Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie

keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein

Bruder und ich.«

»Also gut, ich bin einverstanden,« sagte Tschitschikow ganz erschrocken.

»Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.«

»Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall

einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre

in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen,

wenn ich nur soviel hätte, um ...«

»Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,« sagte Tschitschikow, »ich

habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.« Er log. Wenn man das

von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen

über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht

leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen.

»Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich

brauche unbedingt fünfzehntausend.«

»Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,« unterbrach ihn Platonow.

»Unter diesen Umständen könnte ich's vielleicht wagen!« sagte

Tschitschikow und dachte sich: »Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir

was leihen will.« Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und

nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die

übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt,

er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben,

den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen;

wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel

Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu

trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer

noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag später, als verabredet,

auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle.

Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen:

mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer

sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht

es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine

Geschäfte darunter leiden! »Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester,

heute habe ich leider keine Zeit!«

»Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?« fragte

Platonow Chlobujew. »Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?«

»Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes

Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für

mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß

ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo

wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?«

»Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern

Tanzunterricht geben lassen!« dachte Tschitschikow.

»Merkwürdig!« dachte Platonow.

»Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!« sagte Chlobujew:

»He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!«

»Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!« dachte

Tschitschikow.

Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte.

Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er

hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte

man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch

seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus

Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb

denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen

Champagner abnehmen.

[Fußnote 5: Eine Art Weißbier.]

Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und

die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde

liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom

Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis!

Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend

konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten

charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie

gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten,

bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und

Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner

Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller

Menschen erklärt.

»Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel

und Wege finden, um sich zu helfen,« sagte Tschitschikow.

»An den Mitteln fehlt es mir nicht,« sagte Chlobujew und rückte sogleich

mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so

unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und

Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen

konnte: »Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der

Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!« All

seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert-

oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das

gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die

Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen,

die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der

Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit

folgenden Worten: »Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen

edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder

meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht

Gottes Wille.«

»Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend

Rubel in den Schoß werfen sollte!« dachte Tschitschikow.

»Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,«

sagte Chlobujew, »eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster

hat sie immer was übrig, aber wenn's gilt, seinem Nächsten zu helfen,

dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es

lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen

vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente,

wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist

mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: »He Bursche!«

ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt

sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun

natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?«

Platonow lächelte.

»Und wie ist ihr Familienname?« fragte Tschitschikow.

»Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna

Chanassarowa.«

»Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?« fragte Platonow teilnehmend.

»Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte

sie es Ihnen garnicht abschlagen.«

»O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste

Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch!

Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr

einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar

einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für

einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,« sagte er plötzlich

zu Platonow, »nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle

Honoratioren der Stadt einladen will.«

Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland -- in

den Residenzen und Provinzstädten -- solche Lebenskünstler gibt, deren

Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes

Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß

nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich

ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das

letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe

da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor

seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und

gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die

letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in

den Schuldturm kommen werde.

Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges

Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab,

morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es

keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf

ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler

teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden.

Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews

Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder

rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste

mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken

las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren

Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und

sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine

Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten -- und seltsam! --

immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun,

daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder

daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm

gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres

weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen

Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er

demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ

Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.

»Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,« sagte Platonow zu

Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen

wieder bestiegen hatten.(9)

»Ein verlorener Mensch!« versetzte Tschitschikow. »Solche Leute sollte

man nicht bedauern.«

Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil

ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig

interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich

mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese

Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele.

Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte

nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch

Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen

Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde

er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger

Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war,

nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und

verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck:

»Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit

der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde

ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen

jungen Jahren?« Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch

ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er

mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine

Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in

kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache

schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt

nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat

und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm

zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch

folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen

(selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der

Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und

flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man

konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das

von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke!

Man kann nicht sagen, daß _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen

war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte,

verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger,

liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so

plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude,

daß er Gutsbesitzer geworden war -- kein bloß eingebildeter oder

phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein

_Grundstück_, ein Stück Land und Leibeigene -- keine bloß vorgestellten,

nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter

besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich

die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand,

legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch

zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte

zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner

Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei,

wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den

der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben

mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte

hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte:

»Wie meinen Sie?« da antwortete jener verlegen: »Nichts, garnichts.«

Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine

herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich

zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken

glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie

sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die

Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen

schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht

darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt

war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde

befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne

Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende

des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien:

er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer

Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.

»Da ist ja mein Bruder!« sagte Platonow, »Kutscher, halten Sie doch!«

Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem

Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten

sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte

er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über

die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich

an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.

Die Brüder umarmten sich.

»Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?« sagte der

Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.

»Was meinst du?« versetzte Platonow phlegmatisch.

»Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir

hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit

einem Herrn weggefahren<, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort

gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder,

wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage

für Gedanken gemacht habe!«

»Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,« versetzte Platonow. »Wir

haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich

grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen

meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel

Iwanowitsch Tschitschikow.«

Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu

lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich.

»Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?« dachte Wassilij. »Mein Bruder

Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.« Er

betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ,

und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein

sehr respektabler Herr war.

Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so

aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder

etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein

Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen

lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an,

daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel

Iwanowitsch nur wenig.

»Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch

eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde

ich so meine Melancholie los.«

»Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?« sagte der Bruder

Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: »Und zu

alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal

siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles

ist.« Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war

erstaunt über sein respektables Äußeres.

Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus

sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr

gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer

angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und

warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche

einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende

Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein;

eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten

verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine

kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen

hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die

Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die

Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang.

Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein.

Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich

und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach

herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man

ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder.

Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde

brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es

war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und

Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick

und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der

Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die

Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die

Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine

Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der

Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die

Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder

bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen

Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig

und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich

einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und

ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr,

und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem

deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide

zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in

diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die

Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen

schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie

ein türkischer Schal. »Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,«

sagte Wassilij.

Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein:

es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte:

es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in

angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. »Der reinste Nektar!« sagte

er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein --

und siehe da, es schmeckte noch besser.

»Das Getränk aller Getränke!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen,

bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den

besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die

ich jemals gekostet habe.«

»Der _Likör_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und

nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen

Sie besuchen?« fragte Bruder Wassilij.

»Ich reise,« versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der

Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über

das Knie strich: »ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem

Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter

Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich

gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den

Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch

auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz

abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden

hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und

Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und für sich schon sozusagen

ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.«

Bruder Wassilij wurde nachdenklich. »Der gute Mann spricht etwas

geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,« dachte er.

Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder

Platon wandte: »Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise

könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen

Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil

du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen

Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich

wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die

Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.«

»Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,« sagte Platon. »Du suchst

selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen

und dich unnütz aufzuregen.«

»Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und

Tritt Unannehmlichkeiten hat,« versetzte Wassilij. »Hast du gehört, was

uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? -- Er

hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach

annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier

feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind

soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte

-- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.«

»Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,« sagte

Platonow, »er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben

aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.«

»Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm

sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.«

»Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen.

Besprich doch die Sache mit ihm selbst.«

»Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre

ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.«

»Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in

diese ... Er könnte mich ja _auch_ übers Ohr hauen und betrügen.«

»Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,« sagte Tschitschikow,

»erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.«

Wassilij sah ihn an und dachte: »Dem scheint das Reisen großen Spaß zu

machen.«

»Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was

das für eine Angelegenheit ist?« fuhr Tschitschikow fort.

»Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu

betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem

ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg

hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen

Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier

den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie

kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht

maßgebend.«

»Natürlich,« sprach Tschitschikow, »und worum handelt es sich?«

»Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so

rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle

umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch

noch glauben ...«

»Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu

verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher

seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General

Betrischtschew hat mir ja auch ...«

»Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen

Menschen reden sollen ...«[6]

* * * * *

»...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,«

sagte Tschitschikow, »denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht

so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.«

»Ja wohl, Sie haben ganz recht,« fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf

ganz auf die Seite neigte.

»Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,«

sprach Tschitschikow. »Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem

Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich

betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatsächlich_ steht sie

jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine

Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich

zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich

Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhüte, -- dann hat der

Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den

Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die

noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich

ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme,

die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen

Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.«

[Fußnote 6: Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter

fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S.

Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: »Hier ist eine

Lücke im Manuskript, welche wohl die Erzählung enthielt, wie

Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.«

Anm. des Herausgebers.

]

»Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!« dachte Lenitzyn

und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. »Diese Sache ist allerdings

derartig ....« begann er.

»Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim

bleibt,« versetzte Tschitschikow; »zudem sind wir doch beide

wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.«

»Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..«

»Ein Ärgernis kann es nicht geben,« entgegnete Tschitschikow offen und

ehrlich. »Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben

gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute,

die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch

alles geheim.« Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich

ins Auge.

Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann

war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich

durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze

gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte

nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. »Ist das aber eine

sonderbare Geschichte!« dachte er: »Darnach schließe noch einer

Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!«

Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz

besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation

zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins

Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode

gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder

Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die

Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die

Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang

schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den

Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach

ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar

zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu

beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit

den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der

Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf

den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf

und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein

liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte

es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst

Peinliches.

»Ach Gott, ach Gott!« schrie Lenitzyns Gattin auf; »er hat Ihnen den

ganzen Frack verdorben!«

Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine

Ärmel des neuen Fracks war hin: »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner

Satan!« dachte er ärgerlich.

Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um

Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen

und versuchten ihn abzuwischen.

»Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!« sagte

Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen

Ausdruck zu verleihen: »Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem

doch nichts verderben,« wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich:

»So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön

zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!«

Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn

ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast

etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten

und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack

bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben,

beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die

Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden

stiften.

»Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen

kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem

Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land?

Nicht wahr?«

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 9 / 31 题