Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. »Was mich
zwickt, das zwick' ich wieder,« sagt ein russisches Sprichwort.
Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch
seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte
denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die
Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste
erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die
Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu
ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein
dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden
Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs
oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel
Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu
wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist
doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum
dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von
alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein
sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der
Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die
vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh,
Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den
Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft
wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von
den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute
aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen:
alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit
Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und
Blut erworbenen Geldes -- diese ägyptische Heuschreckenplage, wie
Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur
alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die
Erde verscharrt.
[Fußnote 7: In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine
Kapitelüberschrift; er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in dem
die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war.
Der Herausgeber.
]
Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten
die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so
weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre
Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der
Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse
einzupflanzen, und nun _dürsteten_ sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein
Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man
ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders
billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf
Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst
alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer
Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und
seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen,
hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu
zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den
Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen,
das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg
ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre
Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da
sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles
hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit
schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen.
»Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick
in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!« hörte man hie und da kleine
Jungen schreien.
Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem
europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie;
nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst;
dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle,
bunte usw.
»Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen
Herrenanzug?« fragte Tschitschikow.
»Die schönsten Stoffe,« versetzte der Kaufmann, während er mit der einen
Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete.
Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des
Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite,
mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet
waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das
Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den
Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte:
»Was für einen Stoff wünschen Sie?«
»Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem
Preißelbeerrot nahekommt,« versetzte Tschitschikow.
»Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen
werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas
etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34
herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine
Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das
ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!« Und der Kaufmann rollte den Stoff
auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den
seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte.
»Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,« sagte
Tschitschikow. »Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas
Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff
mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.«
»Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden
beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie
freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber
auch von allererster Qualität.«
Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er
rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten
Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren
Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den
Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: »Eine
wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!«
Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis,
obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann
spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn
hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit
in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein
paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es
mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den
Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem
bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte
seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine
Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12)
»Haben Sie dunkles Tuch?« hörte man jetzt eine Stimme sagen.
»Teufel! das ist Chlobujew,« sagte Tschitschikow leise zu sich selber
und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe,
denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die
Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt.
[Fußnote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen
Seeschlacht.]
»Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus
dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse
so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.«
»Verehrtester, Verehrtester!« sagte Tschitschikow, indem er ihm beide
Hände drückte; »glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft
vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!«
Tatsächlich aber dachte er: »Wenn dich doch der Teufel holte!« Plötzlich
jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. »Herrgott! Afanassij
Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?«
»Und Sie?« sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und
Chlobujew nahmen ihre Mützen ab.
»Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig.
Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!«
Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner
Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: »Ich sah Sie in
den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen
nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir
nicht einen Besuch machen?« »Aber natürlich, natürlich!« versetzte
Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus.
»Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?« dachte Tschitschikow.
»Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr würdiger und kluger Mann,«
sagte der Kaufmann; »er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber
er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und
nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand
Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus
verfallen.« Tschitschikow zuckte die Achseln.
»Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!« rief plötzlich eine Stimme.
Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab.
»Sie? Fjodor Fjodorowitsch?«
»Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause
fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte jener. Tschitschikow sah ihn
an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt.
Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden.
»Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,« sagte Murasow, als er
Chlobujew eintreten sah. »Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!« Und
er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt
hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel
Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter
ausgestattetes Zimmer finden können.
»Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben?
Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.«
»Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht,
ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend
Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil
meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe
nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft
ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und
Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen
gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt.
Dieser Tschitschikow ...«
»Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem
Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen.
Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein,
um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in
geordnete Verhältnisse zu kommen?«
»Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,« versetzte Chlobujew. »Um da
herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen
zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht
noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.«
»Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben
einrichten?«
»Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der
Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr
denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich
doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!«
»Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller
Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein
fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.«
»Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu
stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an
Kreuzschmerzen.«
»Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der
Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken
Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse
Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da,
damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet,
und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein
Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmöglich.«
»So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit
der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.«
»Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie
soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich
selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel
erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich,
kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie
schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie
mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie
lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben.
Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu
Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang -- daher müssen Sie _ihn_
vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben
sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner
hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß
es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner
Tätigkeit.«
»Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir
redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt
bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch
nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst
treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben
einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin
ich unfähig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden
und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch
schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir
schon überlegt, ich hab's versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl
für eine Stellung annehmen könnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich
passe höchstens noch ins Armenhaus.«
»Das Armenhaus ist für _die_ da, die im Leben etwas geleistet und
gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie
jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte:
>Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß
man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon
Ssemjonowitsch,« fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht
sah, »Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.«
Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew
vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13)
»Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die
Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus.
Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen --
gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe
liegt.«
»Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß
ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue,
der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich
glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in
Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während
mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich
verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten
Absicht getan.«
Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten
Herrn traten die Tränen in die Augen ...
»Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gnädig ist.
Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen
Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es
nur eine _Beschäftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für _Ihn_ und
nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem
Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre
ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden,
was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu
schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen
nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?«
»Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!«
»Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe
Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt -- da
wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen
Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da
ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er
einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins
Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem
Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem
hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei
mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse
haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe
Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt
Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und
gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch
und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt
er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine
ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns,
und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere
würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen
durchgebracht hätte.«
Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine
beiden Hände: »Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir
tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen
doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen
sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen
Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber
_wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe
einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich
ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten:
>Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da:
man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Türe
zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne >Offenbar will er
mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm
Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich
schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne,
Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem
Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung
genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil
davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist
ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das
Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche
vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird
er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat.
Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat,
wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche
Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel
dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse
nicht aus den Büchern und Akten, sondern _tatsächlich_ kennt, so wie sie
in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt,
überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.«
»Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij
Wassiljewitsch,« sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte.
»Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf
man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch
nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen
haben?«
»Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich
schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es
ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein
gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und
zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber
keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird
Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch
etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben
können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch
gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich
nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen,
werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen
nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ...
Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld
für die _Kirche_ sammeln.«
»Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich
wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon
ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!«
»Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?« versetzte Murasow. »Es
gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über
unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen.
Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: >Gott
hilf!< rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte
man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine
göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie;
laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch,
bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.«
»Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. --
Gott sei mir gnädig!« sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie
Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist
aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen
Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer
blitzte in der Ferne auf ...
Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu
Tschitschikow.(14)
* * * * *
Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es
tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört
hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das
ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so
von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das
letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte
Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe.
Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner
Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt
zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze
Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man
das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls
waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen
Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb
deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles
noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren
gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß
ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache
bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: »Ich beeile mich,
Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien
bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich
nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache
schon wieder einrenken.« Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. »Ein
Genie!« sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu
vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch
noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem
neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog
die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn
ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen
seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff
schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten
erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität
verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch
einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: »So ein
Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.« Der
Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch
nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön
geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf
Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der
Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß
er auch um so besser in der Taille. »Sie können ganz ruhig sein, Sie
können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,« wiederholte er mit
unverhohlener Freude: »So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht
wieder außer etwa in Petersburg.« Der Schneider stammte selbst aus
Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: »_Ein Ausländer aus
London und Paris_«. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den
beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen,
damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte
kommen sollte. Mochte er doch irgend ein »Karlseruh« oder »Kopenhaga«
auf sein Schild setzen.
Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich,
nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten:
und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten
und gewissermaßen _con amore_. Es stellte sich heraus, daß alles noch
weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter,
sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich
zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch
weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der
Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete
einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von
Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und
vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts --
und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war
noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen
Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend
wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern
sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient.
Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es,
eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren,
von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau,
etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er
noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die
Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser
herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das
Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: »Zu wem
soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...« Da ertönt
plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein
Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer
repräsentieren, und sagt: »Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur
zu melden!« Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand
ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden
Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der
_rechten_ und eine Schärpe über der _linken_ Schulter und einen
gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der
andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles
hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas
einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: »Sie haben sofort
mitzukommen!« Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche
Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf
der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen?
Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack
von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen.
Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr,
begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.
Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. »Treten
Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!« sagte der diensthabende Beamte.
Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die
allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er
durchschreiten mußte, und er dachte: »Wie? Wenn sie mich nun plötzlich
ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten
einfach nach Sibirien befördern!« Sein Herz fing heftig an zu klopfen,
weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich
die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen
Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren:
der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der
personifizierte Rachegott.
»Alleszermalmer!« dachte Tschitschikow, »er wird mich zerreißen, wie der
Wolf das Lamm!«
»Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben,
während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von
neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals
ein Mensch beschmutzt hat!« Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.
»Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?« sagte
Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.
»Die Frau,« sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und
Tschitschikow gerade in die Augen blickte: »die Frau, die das Testament
auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen
gegenübergestellt werden.«
Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.
»Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig,
ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine
Feinde haben mich verleumdet.«
»Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr
Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann.
Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat
vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und
ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute
und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins
Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten
Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und
das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als
sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...« Er
warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit
Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.
»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow, »haben Sie Erbarmen! Sie sind doch
auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine
alte Mutter!«
»Du lügst!« rief der Fürst zornig. »Genau so hast du damals für deine
Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht!
Jetzt ist es die Mutter!«
»Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger
Schuft!« sagte Tschitschikow ... »Ich habe wirklich gelogen, denn ich
hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte
stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und
Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten
und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches
Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut
mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese
Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als
Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie
ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein
Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch --
Durchlaucht!«
Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf
die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe
mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den
herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von
Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich
tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.
»Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!« sagte
der Fürst zu den eintretenden Gendarmen.
»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den
einen Stiefel des Fürsten.
Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern.
»Fort, fort mit ihm! sag ich!« rief er, indem er seinen Fuß aus der
Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.
»Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen
haben,« sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß
dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von
Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich
schleifte.
»Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!« rief der Fürst mit jenem
unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim
Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben,
es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß
Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn
erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur
noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe
fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange
Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich
in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den
finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche
Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.
In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein
Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt.
Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen
beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten
Murasow auf die Kniee.
»Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?«
»Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.«
Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn
ausreden zu lassen.
Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der
Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte
Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig
rauchte, ohne zu wärmen -- das war der Raum, in dem unser Held
untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des
Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher
Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich
zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte
nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam
erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der
toten Bauern -- alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf
die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an
seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes
wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen
Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt
gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und
rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses
und hereintrat: »der alte Murasow«.
Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste
gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer
ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt,
-- es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen
Tschitschikow.
»Mein Retter!« rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus,
auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte,
nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte.
»Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!«
Und er brach in Tränen aus.
Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur:
»Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?«
»Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte!
Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit
aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle
Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe
gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so
behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches
Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij
Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu
gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie
früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle!
Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes
Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem
Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine
Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und
fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!«
Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz
niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an
zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des
Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die
Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack
von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke.
»Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und
Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare
Lage!«
»O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!« schrie der arme
Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank.
»Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!«
»Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich
es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des
unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!«
»Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des
Menschengeschlechtes!«
Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der
Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er
fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des
Schlages.
»Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich
mit Ihrem _Gotte_ auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an
Ihre arme Seele!«
»O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je
einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu
mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart;
wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe
ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse
bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf
Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner
Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine
Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu
dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne
es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und
doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade
Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber
ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand
was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch
Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute
plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein,
sagen Sie, hab ich nicht Unglück? -- noch jedes Mal, wenn ich die
Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen
glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff,
und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon
dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus
dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij
Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn
nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem
Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine
Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang
anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen
Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke
ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in
mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist
sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie
leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das
Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese
festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu
eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.«
Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz;
kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen
herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn
weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen
Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er
schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts
zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu
wollen.
Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses
seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand
sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit
der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs
bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren,
zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu
seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte
ausstoßend, die den Menschen befehden.
»Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein
Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer
einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt
hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur
_einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte,
wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch
verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern,
ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren
Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde
aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das
Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern
daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen
Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre
Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte
verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.«
Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch
der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch
der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig
er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein
besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden
vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.
»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der arme Tschitschikow und ergriff
Murasows beide Hände. »Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein
Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein
ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie
mich!«
»Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst
wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der
Fürst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umständen nachgeben.«
»O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz
nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was
mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde,
wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle
.... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!«
Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen
Tränen.
»Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!« sagte der alte Murasow,
indem er den Kopf schüttelte: »wie hat Sie doch dieser Reichtum
verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?«
»Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!«
»Pawel Iwanowitsch!« sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick
inne. »Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie
doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann,
um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir
dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich
jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich
mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe
Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre -- und es
ist weit größer als das Ihrige -- ich würde ihm keine Träne nachweinen.
Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann,
worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu
stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt.
Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem
Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu
können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe
einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon
den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie
ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein
mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all
ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt
Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst:
sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.«
»Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben
ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft
widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat
mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser
verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!«
Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte,
durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas
regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst
Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit
im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge
des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der
Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm
unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des
Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme
verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte,
schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen.
Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit
beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: »Wahrhaftig,
Sie haben recht!«
»Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen,
weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer
gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich
selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch
ist es Zeit ...«
»Nein, es ist zu spät, zu spät!« stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme,
bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. »Ich fange an zu
fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege
abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so
erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich
geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er
selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang,
ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen
falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren
Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle
Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes
Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster
nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt
jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur
zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben
Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und
Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich
machen?«
Der Greis seufzte tief auf ....
»Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und
Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke,
denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so
zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen
noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es
lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann
wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich
alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen
werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen
werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die
so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten
unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein _Held_, ein
_Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie-
und willenlos sind.«
Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und
den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War
es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes,
was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen
aufblitzte ....
»Afanassij Wassiljewitsch!« sprach er mit fester Stimme: »wenn es Ihnen
gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit
ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann,
dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann
kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen,
nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun,
soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und
all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein
einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.«
»Gott stärke Sie in diesem Entschluß!« sagte hocherfreut der alte Mann.
»Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er
Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das
weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O,
mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie
mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.«
Tschitschikow blieb allein.
Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich
geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am
längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse
anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu
unerträglicher Glut anschwillt -- allmählich wird es weißer und immer
weißer -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so
gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und
Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit
ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...
»Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all
meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich
selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um
andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber
will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst
Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein;
ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten
Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch
eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink,
gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur
wollen ...«
So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas
ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt,
daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat,
und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller
widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen
auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige
Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen,
die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand
plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe
vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für
diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und
wenigstens einen _Teil_ seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da
öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein
trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer,
ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein
ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn
seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre
Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche
und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der
Nase wegstehlen -- das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine
militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen
anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die
größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig!
Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war
er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber
stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art
feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es
erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit
seitens des Gegners auszunutzen.
»Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!« sagte er, als
er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. »Macht
nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles
wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen
ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel -- für uns alle zusammen und
die Sache ist gemacht.«
»Wirklich?« rief Tschitschikow aus, »und ich werde ganz freigesprochen?«
»Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.«
»Und für Ihre Bemühungen?«
»Dreißigtausend. Alles inbegriffen -- für die Unsrigen, für die Leute
des Generalgouverneurs und für den Sekretär.«
»Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine
Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei
...«
»In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?«
Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte
nicht recht, das es möglich sei ...
»Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu
sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!«
»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich verstehe: der Rechtsanwalt!«
Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in
seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte
glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine
Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schönster
Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den
Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem
Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der
Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr
sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren
konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte
einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem
Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der
Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren
noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken
konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er
faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand
schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der
er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich,
dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit
helleren und klareren Farben ... »O Leben!«
Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von
geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber
waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen
sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim
Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der
Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den
ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er
alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer.
Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte
Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst
verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der
sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der
Posten »Honneur« machte und stramm stand. »Stehst du schon lange hier?«
-- »Seit heute morgen, Euer Gnaden!« -- »Wirst du bald abgelöst?« -- »Um
drei Uhr, Euer Gnaden!« -- »Ich werde dich brauchen. Ich werde dem
Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.« --
»Zu Befehl, Euer Gnaden!« Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja
niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er
sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen
künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst
nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte,
ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie
zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien
plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem
Gewehr vor dem Posten: »Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher
geschickt; ich soll dich ablösen.« Er löste den andern ab und pflanzte
sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war
alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem
andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der
ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß
später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben
war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte
der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen
Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen,
daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem
Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im
geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem
geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen
noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle -- und er
brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden
mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer
Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an
den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar
solche, die _überhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine
Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer
ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er
sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft.
Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall
Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung
gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen
Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als
dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der
arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl
erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein
gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er
konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der
Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe
anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre.
In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten,
die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu
verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise
verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer.
Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist
gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen
aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem
Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen
den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern
ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den
Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht
verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer
werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den
Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten -- und ein ganzer
Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen
ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben
werde -- die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen.
Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten
Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei
gekommen. »Er soll eintreten!« sagte der Fürst. Der Greis betrat das
Zimmer.
»Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und
versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache
ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben
hätte.«
»Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze
Sache nicht recht gut verstehe.«
»Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf
steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!«
»Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu
verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die
Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.«
»Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist
verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.« Der Fürst
klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen.
Murasow schwieg still.
»Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die
höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie
verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe
und Faulenzer ihr Wesen treiben!« sagte der Fürst heftig.
»Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse
Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten
herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch
nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt
ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von
allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten -- das
ist doch alles so menschlich, so natürlich ...«
»Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!«
sagte der Fürst empört. »Ich habe nicht einen einzigen anständigen
Beamten: lauter Lumpen.«
»Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein
sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre
Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre
Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn
frei von Sünde?«
»Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind
der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen
eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu
nehmen?«
»Durchlaucht!« versetzte Murasow: »wie die Menschen auch sein mögen, die
Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie
soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er
die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir
tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden
Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht.
Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!«
»Wie?« rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch
die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm.
Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte
schließlich: »Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.«
»Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den
Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!«
»Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der
sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen
läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser
Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein
Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.«
»Um Gottes willen ...« sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich
anmerkte: »Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe
erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los
mildern.«
»Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht
auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein
könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem
andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht
vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich
urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals
geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich
auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch
das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man
nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich
anschreit -- dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt
nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie
nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem
alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten
lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem,
weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.«
Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein
junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm
ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit
spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es
ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der
wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen
das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz,
noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den
andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt
war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner
andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine
verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie
in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu
entdecken, und alles aufzuklären, -- dann war er in seinem Element. Er
fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen
schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn
ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er
imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß
sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl
sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines
schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen
Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war,
eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber ....
»... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen
Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und
wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will
ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein
einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und
vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem
Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig:
da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon
so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die
Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben,
denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch
an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich
habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien
schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues
geliefert.«
»Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten
mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil
hier -- das werden Sie selbst fühlen -- weil hier jedes Wort ohnmächtig
wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen.
Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache
hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu
verzeihen?«
»Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es
viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft
schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein
Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher
zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.«
»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt
doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende
noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die
ersten sein, die keine Achtung für ....«
»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie
sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist,
schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben
geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an
Ihrer Stelle gemacht hätte.«
»Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer
allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir,
sie werden mich auslachen.«
»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der
schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte.
Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe
ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken.
Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen
sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der
gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist -- nun so mögen sie die
Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache
ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht
vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.«
»Afanassij Iwanowitsch,« sagte der Fürst nachdenklich: »ich will es mir
überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.«
»Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die
Freiheit schenken?«
»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und
zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser.
Ihm könnte ich niemals verzeihen.«
Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu
Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster
Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in
mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen
Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten
konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit
einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar,
daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im
Spiel hatte.
»Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die
Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt
verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie
fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst
verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch
hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man
noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird
ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute
zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache
wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung
zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher
ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf
den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander
streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden
ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken.
Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das
fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und
zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in
Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht
wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen,
wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so
klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab.
Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht
an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen
Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise
auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich
nicht mehr da bin.«
Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in
Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen
Bedeutung. »Murasow hat recht,« sagte er, »es wird Zeit, einen andern
Weg einzuschlagen.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der
Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka
waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und
freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. »Nun, meine Lieben,«
sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: »jetzt müssen
wir packen und abreisen.«
»Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir
fliegen werden,« sprach Seliphan: »Wir werden jetzt einen guten Weg
haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir
die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie
garnicht mehr ansehen mag.«
»Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein
Schlittengestell setzen,« versetzte Tschitschikow und ging selbst in die
Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu
machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so
mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn
zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem
Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes,
bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft
hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und
begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug
genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für
den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen
seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere,
Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage
fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte
den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön
wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß
Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: »Wie
konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte
ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!« Nachdem er seine
Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und
verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht
mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren
Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem
zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde,
um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch
nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht
gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine
Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit
Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach
Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten
zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle,
bis auf den letzten noch einmal sehen.
In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte,
war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis
zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand
Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die
Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe
Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle
warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des
Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder
finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die
ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur
Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann
folgendermaßen:
»Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch
einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise
mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache
abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche
Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von
Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar
solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und
ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu
verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde,
diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen.
Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und
fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun
aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen
Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in
Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen.
Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich
ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es
nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze
Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen
Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine
schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln -- da halte
ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich
wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.«
Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle
standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich
geworden.
»Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre
Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren
konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden,
da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können
sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.«
Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren
wurden gleichfalls bestürzt und verlegen.
»Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter
seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert
werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich
von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit
leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und
schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß
dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre
Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren,
unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern
und Verrätern werden werden -- obwohl ich dies alles weiß, bin ich
gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist
verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und
Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein
gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die
Häupter der Schuldigen herabfallen soll.«
Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter.
Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in
seinen Zügen.
»Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt
und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch
alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben
sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte
erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel,
keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht
auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche
Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis
geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen
geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist,
gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in
einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr
ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer
bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die
unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für
die _Großherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden
sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig
ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie
zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich
durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der
den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich
meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die
Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland
wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz
und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren
Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich
zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe
zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren
verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß
sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht
der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das
richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_
Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen
hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld
trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward,
das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß
zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde
an _uns_ selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung
hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als
jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles
ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein
bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser
wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder
auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren
Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um
jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen
lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände
wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe,
als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit
euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den
euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an
die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme
Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern,
die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich
bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen
Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt,
und weil wir kaum ...«