[Fußnote 1: Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom zweiten
zum dritten Kapitel bilden sollte.
Anm. d. Herausg.
]
Drittes Kapitel.
Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht
übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf
freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter
ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei
kleine Wolken in der Ferne.
»Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow
erkundigt, Seliphan?«
»Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu
tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher
nach dem Wege gefragt.«
»So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka
verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.«
»Das ist doch keine große Weisheit,« sagte Petruschka, indem er sich ein
wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. »Wir
müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht's längs der Wiese
weiter, das ist das Ganze!«
»Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das
Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der
Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.« Nach diesen
Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: »Es ist doch
ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren
Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.«
Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man
nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.
Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche
Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und
Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte
mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_
Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen
Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste
Wonne und keine Equipage.
Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei
und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan
und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie
sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem
fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie
gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine
Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte,
dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder
passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu
den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue
Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer
dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht
einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und
Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden
Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche
wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See -- ein mächtiger
Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem
gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies
war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa
zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse
im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen.
Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen
ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als
lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage
war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: »Dionys, du Klotz!
gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der
Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo
der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das
Netz zerreißen.« Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre
Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die
tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie
immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf
den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie
eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit
der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz
könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn
mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.
»Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,« sagte Seliphan.
»Warum?«
»Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer
als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich's
für einen vornehmen Herrn schickt.«
Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend
näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen
fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die
den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.
»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« rief der Herr ihm entgegen, indem
er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch
ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem
durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die
Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer
unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem
Bade entsteigt.
»Nein,« versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte
verbindlichst aus der Kutsche.
»Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!«
»Wieso?« fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe
haltend.
»Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm
den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!«
Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor
-- »Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher
verirrt!« rief der kugelrunde Herr. »Fahren Sie nur in den Hof hinein!
Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer
Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich
komme gleich nach ...«
Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im
bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte
hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern
waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen
fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe
der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der
Gutsgebäude.
»Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!« dachte Tschitschikow.
»So, da bin ich!« erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah
sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben
Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß
seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow
wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden.
Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit
den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen
rufen: >Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber
Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den
dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe
stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in
seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb
ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer
Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.
»Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,« sagte
Tschitschikow.
»Von welcher Exzellenz?«
»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.«
»Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?«
»General Betrischtschew,« versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.
»Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener erstaunt.
Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer.
»Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem
Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?«
»Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern
bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!«
versetzte der Hausherr.
Tschitschikow war starr vor Staunen. »Nicht möglich?« sagte er, indem er
sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem
Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem
Bock, der andere stand an der Wagentüre. »Was habt ihr bloß gemacht, ihr
Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow
fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...«
[Fußnote 2: Petuch = deutscher Hahn.]
»Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein
Glas Schnaps geben ...« rief Peter Petrowitsch Petuch. »Spannt die
Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!«
»Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...« stammelte
Tschitschikow.
»Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen
schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte
schön,« sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins
Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in
Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl
eine Arschin[3] länger als ihr Vater.
»Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien
hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du,
Alexascha, komm mit mir.« Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.
Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine
Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem
lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow
sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er
und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es
sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...
[Fußnote 3: Arschin = 2/3 Meter.]
»Ich verstehe schon,« dachte Tschitschikow, »euch locken die Boulevards
und Cafés ...« Dann aber fragte er ihn laut: »Sagen Sie, wie steht es
mit dem Gute Ihres Vaters?«
»Ich habe Hypotheken darauf!« fiel hier der Vater selbst ein, der
plötzlich wieder im Salon auftauchte: »Mehrere Hypotheken.«
»Schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow: »Bald wird es kein Gut
mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...«
»Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,«
sagte er mit teilnehmender Miene.
»O nein. Das macht nichts!« versetzte Petuch. »Man sagt, es sei sogar
vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht
hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben
lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine
Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische
Bildung haben.«
»So ein Narr!« dachte Tschitschikow: »er wird alles durchbringen und
auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so
schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern
haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst
ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles
zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der
Windbeutel.«
»Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch.
»Wie?« sagte Tschitschikow etwas verlegen.
»Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum
Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht
aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf,
ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als
das Essen auf dem Tisch stehen wird.«
»Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!« sagte Alexascha,
der am Fenster stand und hinausblickte.
»Er reitet auf seinem Fuchs!« fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem
Fenster beugte.
»Wo? Wo?« schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.
»Wer ist das, Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha.
»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_
Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch,« antwortete der Hausherr
selbst.
In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner
schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem
Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem
Fuße.
»Haben Sie schon gegessen?«
»Ja danke!«
»Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit
Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?«
Der Gast lächelte und sagte: »Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut
wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.«
»Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht
haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für
Karauschen und Karpfen dazu!«
»Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie
immer so guter Laune?«
»Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!« sagte der
Hausherr.
»Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.«
»Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich
satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn
und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.«
»Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll.
Am Morgen -- da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht
schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen
zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht
fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen.
Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn
schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach
dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen
für _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?«
Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen
Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine
schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten
Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel
verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch
Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit
einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines
Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber
freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt
stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen
erheiterte.
»Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht
verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig
sein kann!« sagte Tschitschikow. »Wenn man natürlich an Geldmangel
leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem
nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...«
»Glauben Sie mir,« unterbrach ihn der schöne Gast, »glauben Sie mir, daß
ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer
kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern
wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem.
Das Leben ist bloß langweilig -- das ist alles.«
»Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.«
»Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend
Acker und über tausend Seelen.«
»Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten
Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele
Bauern verloren?«
»Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein
Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.«
»Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich
nicht,« sprach Tschitschikow achselzuckend.
»Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,« sagte der
Hauswirt, »Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er
soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz
Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der
Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?«
Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb
Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den
Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von
verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze
Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener
bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte
Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der
Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz
vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn
und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom
Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne
ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein
Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das
ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!
Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier
verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen.
Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller
hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: »In
der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel!« Hatte einer _zwei_
Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem
er bemerkte: »Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind
drei.« Hatte der Gast _drei_ Stücke gegessen, so rief er schon: »Haben
Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte
gesehen?« Auch auf die Zahl _vier_, auf die fünf usw. hatte er ein
Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf
Stücke verschlungen und dachte: »Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl
nichts mehr einfallen!« Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen,
legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes
samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!
»Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,« sagte der Hausherr.
»Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.«
»Ich kann nicht mehr!« stöhnte Tschitschikow.
»Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!«
»Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.«
»In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und
sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches
Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses
Stückchen -- das ist auch ein Polizeimeister.«
Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stück hatte große
Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz,
und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.
»So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner
Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!« Er wußte noch
nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu
gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren -- was sage
ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen.
Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste
stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein
Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier
sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der
Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen
geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier
sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in
dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein
wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ
dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie
selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier
mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen
Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten.
»Hören Sie, wie der pfeift?« sagte Platonow.
Tschitschikow mußte lachen.
»Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da
die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja.
Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man
schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.«
»Und die wären?«
»Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ...
irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel
nicht heiraten?«
»Wen nur?«
»Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!«
»Es gibt keine!«
»Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise« ...
Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. »Da haben Sie das
beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!« sagte er, indem er Platonow
in die Augen blickte.
»Was für eins?«
»Reisen.«
»Wohin soll man denn reisen?«
»Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,« sagte Tschitschikow
und dachte sich, während er Platonow betrachtete: »Das wäre fein. Er
könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er
eigentlich _allein_ übernehmen.«
»Und wohin fahren Sie?«
»Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als
im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von
mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von
seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich
sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem
eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen
Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen -- man mag sagen was man
will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art
Wissenschaft.« Und während er dies sagte, dachte er sich: »Wirklich, es
wäre fein. Er könnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende könnten
wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf
seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.«
»Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?« dachte unterdessen
Platonow. -- »Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die
Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im
mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht
mitreisen?« -- »Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei
meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?« sagte er laut. »Sonst läßt mich mein
Bruder nicht fort.«
»Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.«
»Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!« sagte Platonow lebhaft.